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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 12/2002)
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Widersprüche der kulturellen Globalisierung: Strategien und Praktiken |

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Joana Breidenbach / Ina Zukrigl
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Im Globalisierungsprozess entstehen unendlich viele neue Kulturformen und Lebensweisen. Durch die weltweite Verfügbarkeit bestimmter Waren und Ideen verändern sich lokale Kulturen und gehen ungewohnte Kombinationen miteinander ein. Die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden verwischen sich. Diese Kulturmelange lässt sich an Individuen beobachten, kennzeichnet zunehmend aber auch ganze Gesellschaften. Tiger Woods, der Shootingstar des internationalen Golfsports, bezeichnet sich selbst als "Cablinasian", um auf seine kaukasischen, schwarzen, indianischen und asiatischen Vorfahren hinzuweisen. Auch in Deutschland werden in wenigen Jahren 40 bis 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den Großstädten aus Zuwandererfamilien kommen, und heute schon entstammt jedes neunte Neugeborene einer interkulturellen Partnerschaft. Die neu entstehenden Gemeinschaften, wie die der Latinos oder der Afro-Deutschen, verändern das Deutsche auf unspektakuläre, aber nachhaltige Weise.
Ganze Industrien leben von den neuen Mischungen. Mit ihren Schilderungen kreolisierter
Lebenswelten gewinnen Michael Ondaatje oder Salman Rushdie renommierte Literaturpreise, und immer mehr Musiker bedienen sich der Stile und Rhythmen aus aller Welt. Die südafrikanische Kwaito-Musik, ein Amalgam aus Rap, Hip-Hop und afrikanischem Pop, wird als Ausdruck des Lebensgefühls der jungen Regenbogennation zelebriert, und Peter Gabriel oder das Kronos Quartett haben durch die afrikanische Einfärbung ihrer Musik Millionenbeträge eingespielt.
Die neuen Kultur- und Identitätsformen lassen sich vor dem Horizont unseres herkömmlichen Kulturverständnisses nicht adäquat erfassen. Kulturelle Unterschiede zwischen Menschen werden gemeinhin aus ihren spezifischen historischen Ursprüngen abgeleitet. Kultur stellt eine klar abgegrenzte, relativ statische Einheit dar. Die Welt gleicht einem Mosaik, dessen Steinchen die Kulturen sind. Kultur und lokale Gemeinschaft sind in diesem Bild identisch.
Aber wie aussagekräftig ist die kulturelle oder nationale Herkunft heute? Im Hennes&Mauritz
am Potsdamer Platz treffen russische Einwanderer auf deutsche oder türkische Jugendliche, Webdesignerinnen auf Buchhalter, Charlottenburger auf Menschen aus Marzahn. Sie alle tragen Canvashosen, kaufen CD-ROMs und mögen Falaffel. Marktforschungsunternehmen haben die flexibilisierten Identitäten schnell erkannt und ihre Konzepte angepasst. So erstellte die amerikanische Marktforschungsagentur Claritas eine hoch aufgelöste Landkarte der US-amerikanischen Gesellschaft, die nicht mehr auf Herkunft, sondern geschmacklichen Vorlieben und Lebens-stilen basiert. Nun sind US-Amerikaner nicht mehr "Hispanics" oder "Black Americans", sondern gehören zu den Lebenstilkategorien "Money&Brains" (wohlhabende, politisch-korrekte Professionals) oder "Rustic Elders" (wenig begüterte, ländliche Rentner).
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10. Februar 2012
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