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Interview

"Ein Denkmal für den Einzelnen"


Interview mit Volker Schlöndorff über "Der neunte Tag"
Knut Elstermann

Knut Elstermann: "Der neunte Tag" ist die Geschichte eines Mannes, der vor einer schweren Entscheidung steht, der Entscheidung seines Lebens. Und was besonders aufregend ist: Es ist eine wahre Geschichte.

Volker Schlöndorff: Zum Beispiel behauptet "Der Untergang" ja von sich, eine wahre Geschichte zu sein, und ich glaube nichts von dem, was auf der Leinwand zu sehen ist. Für mich ist ganz sicher: So ist es nicht gewesen. Es ist einfach eine Vermessenheit zu behaupten, man könnte das Leben eins zu eins nachstellen. Wenn es Kino ist, dann ist es Fiktion.

Zur Person
Volker Schlöndorff wurde 1937 in Wiesbaden geboren. Nach seiner Tätigkeit als Regie-Assistent u.a. für Louis Malle in Paris kehrt er 1962 nach Deutschland zurück, um seinen ersten Spielfilm "Der junge Törless" zu drehen. Er gehört zu den prominentesten Regisseuren des Neuen Deutschen Films und erhält 1979 für "Die Blechtrommel" einen Oscar. Zu seinen jüngsten Filmen zählen neben "Der neunte Tag" auch "Die Stille nach dem Schuss". Foto: Progress Film-Verleih.

Ich finde übrigens an dem Film viel zu kritisieren. Hauptsächlich halte ich ihn für keinen guten Film. Es ist einfach schlechtes Kino, mit Erfolg lässt sich das nicht messen. Aber es ist kein gutes Kino. Die Latte der Filmgeschichte liegt viel höher als diese Soap-Opera. Es ist eigentlich schon beschämend, dass sich sechzig Jahre danach nun endlich die deutschen Dichter an dieses Thema wagen und dann mit so einer Fernseh-Seifenoper ankommen. Gut, Schluss damit. Aber nach drei Millionen Zuschauern ist die Schonzeit vorbei. Ich habe mich bisher noch nicht dazu geäußert, eben weil ich einen Gegenentwurf geliefert habe.

Ich habe diesen ganz kleinen Stoff gefunden: Ein Mann bekommt Urlaub aus dem KZ, für acht Tage, am neunten muss er zurück. Es ist schon an sich eine Ungeheuerlichkeit, dass man dieser Hölle entgeht. Und warum bekommt er diesen "Urlaub"? Er ist Priester, ein katholischer Pfarrer, und man will ihn sozusagen umkrempeln. Andererseits ist da ein junger, ehrgeiziger Nazioffizier, der selbst auch beinahe Priester geworden wäre. Einer, der gesagt hat: "Ich habe die Robe gegen die Uniform getauscht, weil es wichtiger ist, etwas in der Welt zu bewirken. Das müssen Sie doch auch einsehen." August Diehl spielt diesen jungen, idealistischen, überzeugten Menschen, Ulrich Matthes den ausgemergelten Priester. Sie liefern sich im Grunde ein Duell, einen Zweikampf über sieben Runden, um zu sehen, was wichtiger ist - seinen Geist zu retten oder in der Welt zu wirken.

Elstermann: Über das Duell reden wir später noch, denn das ist wirklich das zentrale Thema dieses Films. Ich würde gerne nochmal auf den dokumentarischen Kern zurückkommen.

Schlöndorff: Es ist belegt durch das Tagebuch von Jean Bernard, dem Pfarrer aus Luxemburg, dem das passiert ist. Dreitausend Priester waren im so genannten Pfarrerblock in Dachau. Bernard hat überlebt und gleich nach dem Krieg, im August 1945, dieses Tagebuch veröffentlicht, das so präzise in der Beschreibung ist - ohne Pathos, nüchtern, ohne sich groß auf die Brust zu klopfen für Heldentaten, also mit der stillen, fast heiteren Abgeklärtheit von jemandem, der einfach einen starken Glauben hat. Da habe ich gesagt: Das kann man verfilmen, das ist genau das Gegenteil. Nicht die große Behauptung "Der Untergang", und dann noch diese lächerliche Schlacht an der Oberfläche, sondern einfach mal zu zeigen, was es für den Einzelnen bedeutet hat.

Elstermann: Könnte man sagen: Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich entscheiden muss, der wirklich die Möglichkeit hat, sich zu entscheiden und zu sagen: "Gut, ich mache mit"?

Schlöndorff: Sie machen ihm ein Angebot: "Sie müssen nicht zurück am neunten Tag. Sie können hier bei uns bleiben und Sie können auch noch Dutzende von Pfarrern aus Dachau rausholen. Wir brauchen Sie!"

Elstermann: Aber im Prinzip ist es ja gar nicht die Frage, ob er sich richtig entscheiden wird, die mich so gefesselt hat. Eigentlich ist das sehr schnell klar, da er so eine integere Persönlichkeit ist. Wichtig ist, was Sie gerade gesagt haben - das geistige, spannungsvolle Duell dieser beiden Männer.

Schlöndorff: Das ist auch für ihn selbst spannend. Er weiß ziemlich bald, was für ihn die richtige Entscheidung ist. Aber er weiß nicht, ob er die Kraft haben wird, das durchzuziehen. Und das ist ja das Wichtige in so einer Situation. Denn seine ganze Familie, seine Schwester, seine zwei Brüder, werden von den Nazis als Geiseln gehalten, und er weiß, wenn er zurückkommt, dann werden sie ihn zu Tode schikanieren. Wie schlimm es im Lager ist, das ist in den ersten fünfzehn Minuten zu sehen. Das ist mit das Härteste, was man je auf einer Leinwand gesehen hat, und ich habe das auch nur so hart, dass es weh tut, inszenieren können, wegen der genauen Beschreibung in diesem Tagebuch.

Elstermann: Ich bin sicher, dass viel diskutiert werden wird, weil es am Anfang sehr hart ist, und ich habe mich auch gefragt, ob es denn so drastisch erzählt werden muss. Reicht nicht schon das Symbol KZ, um bei mir im Kopf auszulösen, was da passiert ist?

Schlöndorff: Es ist die Fallhöhe, denn ich glaube, uns geht es dann wie dem Priester, als er in der zwölften Minute entlassen wird. Wir sind genauso erleichtert wie er, und vor allem wünschen wir uns, dass er nicht mehr zurück muss oder nicht mehr zurück geht. Dass er nicht den Mut hat, zurück zu gehen, denn sonst müssten wir ja mit ihm gehen und nochmal leiden.

Elstermann: In der Hauptrolle des Priesters ist Ulrich Matthes zu sehen, der, Ironie der Filmgeschichte, in "Der Untergang" Goebbels gespielt hat, den Täter schlechthin. In Ihrem Film spielt er nun das Opfer, den Mann, der sich mit einer stillen Tapferkeit wehrt. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich war beeindruckt. Ich kann gar nicht vergessen, wie Ulrich Matthes genau das spielt, was sie vorhin beschrieben haben - diesen Alltag, dieses Leben in der Freiheit als ein großes Staunen, ein Geschenk, als ein Wunder wahrzunehmen. Wie haben sie die Situation auch für ihn persönlich hergestellt, damit er so gut spielen kann, plötzlich in der Normalität anzukommen, die ihm ganz fremd ist?

Schlöndorff: Sie beschreiben das wunderbar. Ulrich Matthes, ein großartiger Schauspieler und ein großartiger Mensch, den ich seit Jahrzehnten kenne, ist mir natürlich sofort eingefallen. Er bringt diese Ruhe, diese Gelassenheit mit, und er hat nichts Fanatisches. Das ist ja immer das Schlimme: Wenn jemand so einen starken Glauben hat, dann wird er schnell zum Säulenheiligen. Zu jemandem, den wir dann gar nicht mehr erreichen können, weil er so überzeugt von seinem Glauben ist, dass er jenseits unserer Reichweite ist. Unser Priester aber ist Gott sei Dank ganz schwach.

Primo Levi erzählt in einem Kapitel seiner Beschreibungen aus Auschwitz, wie er einmal während einer großen Dürre, und während alle an Hunger sterben, eine Wasserleitung entdeckt, in der noch etwas Wasser ist. Die große Scham und Schande ist, dass er es nicht mit einem anderen, der am verdursten ist, teilt, sondern es selbst trinkt, um zu überleben. Das zeigt eben genau: Der stärkste Glaube der Welt kann einen nicht davor bewahren, dass man selbst auch Schwächen hat. Und das ist eben, was Ulrich Matthes mit seiner wunderbaren Menschlichkeit vermittelt: dass er nie fanatisch ist, dass er auch Schwächen hat, nie sich selbst trauen kann. Er weiß, was das Gute ist. Aber wer weiß, ob er nicht doch das Böse tut.

Elstermann: Durch diese Schuldgefühle fehlt ihm auch jede Selbstgerechtigkeit.

Schlöndorff: Das ist das andere. Selbstgerechtigkeit ist noch besser als fanatisch. Genau diese ist ja das Unerträgliche an Gläubigen.

Elstermann: Ein Aspekt dieses Films betrifft Luxemburg in der Zeit des Zweiten Weltkriegs - ein kleines Land, das überrannt worden ist. Es ist interessant, zu sehen, wie sich Luxemburg in dieser Zeit verhalten hat.

Schlöndorff: "Kleines Land, große Klappe", habe ich einem SS-Offizier in den Mund gelegt. Aber das bringt gut auf den Punkt, dass manchmal eben kleine Länder wie die Schweiz, Luxemburg oder Dänemark mehr auf ihre Ehre pochen, auf ihren Anstand, auf ihr Selbstbewusstsein halten als große Länder, die Kompromisse machen, weil sie sich sagen: Wir sind sowieso die Großen. Je kleiner jemand ist und je weniger er hat, um so wichtiger ist ihm das Bild, das er sich selbst von sich macht. In dem Sinne haben eben diese kleinen Luxemburger tatsächlich sehr stark Widerstand geleistet. Die Nazis wollten es wie Danzig "heim ins Reich" führen und sagten: "Hört doch auf mit dem Kauderwelsch, das ihr hier sprecht. Ihr müsst jetzt mal anständig Deutsch sprechen. Ihr seid doch gute Deutsche". Und das Ergebnis davon ist, dass schon seit den Sechzigerjahren in Luxemburg nur noch Französisch gesprochen wird. Sie haben sich dann für die andere Seite entschieden.

Elstermann: Genau wie Dänemark - ein anderes Beispiel für ein kleines, aber sehr tapferes Land in jener Zeit. Nun ist es ein Film über einen katholischen Priester, der sich mit einer Gewissensentscheidung ganz allein sieht. Ich habe mich dabei gefragt, ob Sie vielleicht damit einen Beitrag zu der Debatte leisten wollen, wie sich die katholische Kirche verhalten hat, die hier seit einigen Jahren im Gang ist.

Schlöndorff: Ja. Aber ich wollte eben nicht dieses Große – der Stellvertreter, der Papst und die Kirche als Institution, die ja zu Recht kritisiert wird. Ich wollte hier mal ein Denkmal setzen für die Einzelnen. Denn es gab ja Tausende von einzelnen Pfarrern und Priestern, die Widerstand geleistet haben, die keine Fahnen aufgehängt haben. Ich fand es aufregend, zu zeigen, dass sich der Einzelne noch immer ganz anders verhalten kann, auch wenn die Institution als Ganzes sich täuscht und sich auf einem Irrweg befindet. Das ist natürlich auch Film. Wir machen ja keine Filme über Institutionen, sondern über Einzelne. Ich war sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte, einmal so jemanden zu zeigen, und eben nicht als Agitationsfilm, sondern nur aus seiner Menschlichkeit heraus.

Elstermann: Insofern ist es also ein Film über die Kraft der Schwachen und die Kraft des Gewissens. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen.

Das Interview führte Knut Elstermann in der Radio Eins-Sendung "12 Uhr Mittags" am 13. November 2004. Mit freundlicher Genehmigung.

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