|
|
 |

 |

Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)
 |
 |
 |
 |
 |
Armut in der Wohlstandsgesellschaft |

 |
 |
Rainer Geißler
|
 |
 |
 |
 |
Angaben zur Zahl der Armen tauchen in den Medien am häufigsten im Zusammenhang mit Meldungen über Sozialhilfeempfänger auf. Das komplexe System von Sozialhilfeleistungen soll den soziokulturellen Mindestbedarf für ein menschenwürdiges Leben sicherstellen und kommt zur Anwendung, wenn Personen oder Familien nicht mehr in der Lage sind, das gesellschaftlich zuerkannte Existenzminimum aus eigener Kraft und durch andere soziale Versorgungsleistungen zu sichern.
Der Mindestbedarf, der durch die Sozialhilfe garantiert wird, lässt sich also als die politisch festgesetzte, "offizielle" Armutsgrenze ansehen. Er errechnet sich nach einem komplizierten Verfahren und sichert den Empfängern ein Einkommen im Bereich von etwa 40 Prozent des Durchschnittseinkommens.
Haushalte von Sozialhilfeempfängern mussten 2002 mit monatlich 508 Euro pro Person auskommen, das waren 41 Prozent der Summe, die in einem Durchschnittshaushalt zur Verfügung standen.
In den 1960er-Jahren nahm die Zahl der Sozialhilfeempfänger deutlich ab, aber in den 1970er-Jahren kehrte sich dieser Trend wieder um. Seitdem rutschen immer mehr Menschen in die Sozialhilfe (Hilfe zum Lebensunterhalt/HLU). Ende 1982 wurde die Millionengrenze überschritten, Ende 1992 die Zweimillionengrenze, und Ende 1997 stieg ihre Zahl in den alten Ländern auf 2,5 Millionen; in Gesamtdeutschland wurde in diesem Jahr der bisherige Höchststand von 2,89 Millionen Sozialhilfeempfängern erreicht. Die Anzahl der Personen, die vorübergehend staatliche Hilfe zur Sicherung ihres soziokulturellen Existenzminimums in Anspruch nehmen, ist also dramatisch angestiegen: Nach einem vorübergehenden leichten Rückgang zwischen 1997 und 2001 nahm ihre Zahl erneut zu: Ende 2003 lebten in Deutschland 2,81 Millionen Menschen oder 3,4 Prozent der Bevölkerung von Hilfe zum Lebensunterhalt.
|
 |
 |
 |
 |
 |
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Bei der Interpretation dieser Zahlen müssen die vielen Tücken der Sozialhilfestatistik beachtet werden. Geht man zum Beispiel nur von den HLU-Daten aus, unterschätzt man erheblich die Zahl der Menschen, die unter bzw. an der Sozialhilfegrenze leben müssen, denn diese Daten erfassen die "Dunkelziffer der Armut" - auch "verdeckte Armut" genannt - nicht. Nach einer Studie des Frankfurter Instituts für Sozialberichterstattung und Lebenslagenforschung (ISL) haben in den 1980er- und 1990er-Jahren nur weniger als die Hälfte der Sozialhilfeberechtigten ihre Ansprüche auf staatliche Unterstützung auch wirklich geltend gemacht.
Viele arme Menschen wissen gar nicht, dass ihnen Sozialhilfe zusteht, und nicht wenige scheuen den Gang zum Sozialamt aus Stolz oder Scham, aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger, oder auch, weil sie verhindern möchten, dass Kinder oder andere Verwandte nach dem Sozialhilfegesetz zur finanziellen Mithilfe verpflichtet werden. 1995 bezogen nur 30 Prozent der ostdeutschen Sozialhilfeberechtigten und 51 Prozent der westdeutschen die ihnen eigentlich zustehende staatliche Unterstützung. Rechnet man die Dunkelziffer zur Zahl der Sozialhilfeempfänger hinzu, dann dürften in Deutschland Ende 2003 etwa gut 6 Millionen bzw. rund sieben Prozent der Bevölkerung an oder unter der offiziellen Armutsgrenze gelebt haben.
Die europäische international vergleichende Armutsforschung arbeitet mit dem weiter gefassten Begriff der "relativen Armut": Arm sind danach Einzelpersonen oder Familien, die über weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens - gewichtet nach Anzahl und Alter der in einem Haushalt lebenden Personen - verfügen (50-Prozent-Grenze). Wer mit weniger als 40 Prozent des Durchschnittseinkommens auskommen muss, befindet sich danach in "strenger Armut" (40-Prozent-Grenze). Unter der 50-Prozent-Grenze leben erheblich mehr Menschen als an oder unter der offiziellen Sozialhilfegrenze. 2000 waren danach rund 6,6 Millionen Westdeutsche (9,7 Prozent) und 0,8 Millionen Ostdeutsche (5,8 Prozent) arm. Der Umfang der relativen Armut stagnierte in den 1980er-Jahren, nahm aber in den 1990er-Jahren - ähnlich wie die Zahl der Sozialhilfebedürftigen - wieder leicht zu.
Im europäischen Vergleich wird neuerdings die 60-Prozent-Linie als "Armutsgrenze" angesehen: Menschen gelten als arm, wenn sie über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügen. Danach war Deutschland im Kampf gegen die Armut recht erfolgreich. Mit einer Armutsquote von elf Prozent gehörte es zusammen mit Schweden (neun Prozent), Dänemark, Finnland und den Niederlanden (jeweils elf Prozent) zur europäischen Spitzengruppe mit vergleichsweise wenig armen Menschen. Am weitesten ist Armut in Griechenland und Portugal (jeweils 21 Prozent) verbreitet.
|
 |
 |
 |
 |
 |
Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Ob Deutschland diesen guten Platz im europäischen Vergleich halten wird, ist offen. Mit der so genannten Hartz-IV-Reform gehen die größten Kürzungen von Sozialleistungen seit 1949 einher. Ab Januar 2005 wird ein Teil der schätzungsweise zwei Millionen Empfänger von bisheriger Arbeitslosenhilfe weniger finanzielle Unterstützung erhalten als zuvor.
Das neue Arbeitslosengeld II, das die Arbeitslosenhilfe ablöst, liegt in etwa auf dem Sozialhilfeniveau und daher für viele niedriger als die Arbeitslosenhilfe, die sich am letzten Arbeitseinkommen orientierte. Außerdem wird ein Teil der bisherigen Empfänger von Arbeitslosenhilfe nur noch wenig oder auch gar keine staatliche Unterstützung mehr erhalten, weil sich der Anspruch auf das Arbeitslosengeld II nach dem individuellen Bedarf richtet und durch das Einkommen des Partners und die Vermögensverhältnisse gemindert wird oder auch gänzlich verloren geht. Obwohl die Empfänger von Arbeitslosengeld II dazu verdienen können, dürfte daher die Zahl der Menschen, die unter der EU-Armutsgrenze von 60 Prozent leben müssen, ansteigen. |
 |
 |
|
 |
09. Februar 2012
 |
 |
 |
Zahlen und Fakten |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Die soziale Situation in Deutschland
Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |
|