Frankreich
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Frankreichs Rolle in der Welt


10.3.2005
Frankreich sieht sich im Zwiespalt zwischen dem begrenzten Potenzial einer europäischen Mittelmacht und dem Anspruch auf eine europäische sowie globale Führungsrolle, die seinem kulturpolitischen Selbstverständnis entspricht.

Von links nach rechts, der luxemburgische Premierminister Jean Claude Juncker, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der britische Premierminister Gordon Brown, der Präsident der Europäischen Kommission Jose Manuel Barroso und der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean Claude Trichet während einer Pressekonferenz bei dem Notfall Weltfinanzgipfel im Elysee-Palast in Paris.Von links nach rechts, der luxemburgische Premierminister Jean Claude Juncker, der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Nicolas Sarkozy, der britische Premierminister Gordon Brown, der Präsident der Europäischen Kommission Jose Manuel Barroso und der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean Claude Trichet während einer Pressekonferenz bei dem Notfall Weltfinanzgipfel im Elysee-Palast in Paris. (© AP)

Einleitung



Auf den ersten Blick scheint Frankreich nur noch über wenig eigenen außenpolitischen Spielraum zu verfügen. Geographisch am westlichen Rand der EU gelegen, von der Bush-Administration 2003 dem "alten Europa" zugerechnet und mit einer Einwohnerzahl, die nur noch knapp ein Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, scheint es höchstens als eine "mittlere Macht" bezeichnet werden zu können.

Dessen völlig ungeachtet beansprucht unser westlicher Nachbar aber ganz offen eine regionalpolitische Führungsrolle in Europa und verfolgt darüber hinaus auch globale außenpolitische Ziele. Mit zahlreichen Ländern Afrikas, Südost-Asiens und des arabischen Raumes hat Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg privilegierte Verbindungen geknüpft, wobei es sich nicht scheut, in seinen Beziehungen zu diesen Ländern wenn nötig auch Gegenpositionen zu den USA zu beziehen. Nicht zu unterschätzen für das geopolitische Selbstverständnis Frankreichs und seine weltpolitische Ausstrahlungskraft sind auch seine aus den ehemaligen Kolonien hervorgegangenen Überseedépartements und -gebiete (Dom-Tom), die den Fortbestand der politischen und wirtschaftlichen Präsenz in der Karibik, in Südamerika, im indischen sowie im pazifischen Ozean garantieren.

Dieser scheinbare Widerspruch zwischen dem begrenzten Potenzial Frankreichs einerseits und dem Anspruch auf eine globale Führungsrolle in Europa und in der Welt andererseits, hat mehrere Gründe. Erstens ist Frankreich überzeugt, zugleich Urheber und führender Repräsentant allgemeingültiger, also universeller Werte und Grundsätze zu sein. Dies betrifft insbesondere die Demokratie und die Menschenrechte, deren Prinzipien und Spielregeln auf den Errungenschaften der französischen Aufklärung und der französischen Revolution beruhen. Frankreichs Rolle heute besteht nach seinem Selbstverständnis darin, diese Grundsätze weltweit zu verteidigen. Dabei läuft das Land natürlich Gefahr, mit dem nicht minder missionarischen Ansatz der Vereinigten Staaten in Konflikt zu geraten, da sich die USA ihrerseits als führende Nation der "freien Welt" begreifen. Zweitens haben die Franzosen (ähnlich wie die Briten) ein ungebrochenes und äußerst positives Verhältnis zu ihrer Vergangenheit und ihrem Nationalstaat. Daraus ergeben sich zwei weitere, für das Verständnis der französischen Außenpolitik unverzichtbare Kernbegriffe: Frankreichs Größe und seine nationale Unabhängigkeit. Seit De Gaulle Frankreich 1944 mit Hilfe der französischen Résistance und der westlichen Alliierten von der deutschen Besatzung befreite und das politische Nachkriegsfrankreich entscheidend prägte, haben sich diese Prinzipien zu einer einheitlichen außenpolitischen Grundrichtung verfestigt. Nach dieser kann die Verteidigung der demokratischen Werte, der eigenen nationalen Größe (la grandeur) und der nationalen Unabhängigkeit nur gewährleistet werden, wenn es Frankreich gelingt, seine weltpolitische Stellung zu wahren.

Sein Rang in der Welt (le rang de la France) ist somit ganz eng mit dem universellen, kulturpolitischen Selbstverständnis des Landes verknüpft, gemäß dem, was die Franzosen unter De Gaulle une certaine idée de la France nannten und heute eher unter dem Begriff rayonnement culturel de la France (Frankreichs kulturelle Ausstrahlung) verstehen.



 

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