Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Arbeitsmaterialien Medien
Aus Politik und Zeitgeschichte
AV-Medienkatalog
CD-ROM/ CD/ DVD
Einzel-
publikationen
Entscheidung im Unterricht
Filmhefte
fluter
HanisauLand
Informationen zur politischen Bildung
Info aktuell
Internet-Angebote
Mobile Angebote
Karten
Pocket
Rechtsreihe
Schriftenreihe
Spicker Politik
Thema im Unterricht
Themenblätter im Unterricht
Themen und Materialien
Zeitbilder
Spiele
Sonstige
Was geht?
Suche
Veranstaltungen
Wissen
Lernen


Informationen zur politischen Bildung (Heft 284)

Entwürfe globaler Demokratie


Hans Vorländer

Ökonomische, technologische und kommunikative Prozesse halten sich immer weniger an die mehr oder minder künstlichen Grenzen von (National-)Staaten. Und damit wachsen auch die Probleme und der politische Regelungsbedarf in den überstaatlichen Bereich hinein. Global vernetzte Ökonomien eröffnen einen relativ eigenständigen transnationalen Raum, in dem Politik weitestgehend durch Kooperation zwischen Regierungen stattfindet. Diese Formen des Regierens jenseits des demokratischen Nationalstaates sind aber ohne eine direkte demokratische Legitimation. Deshalb bestehen Befürchtungen, dass die ursprünglich territorial gebundene und begründete parlamentarisch-repräsentative Demokratie an Substanz verliert, hingegen die Gestaltungsmacht transnationaler Politik ohne direkte demokratische Legitimation anwächst.

Es gibt Überlegungen, wie diese Prozesse wieder demokratisch eingefangen werden könnten.
  • Einer Anregung zufolge könnten die Vereinten Nationen zu einem globalen demokratischen System ausgebaut werden, das an die Stelle der traditionellen nationalstaatlichen Demokratie eine demokratische Weltordnung treten lässt. Doch ist eine solche Hoffnung illusionär. Es fehlt erkennbar an der institutionellen Infrastruktur für eine globale, demokratisch organisierte Weltregierung. Auch die Einbindung der nicht-demokratischen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ist ebenso unklar wie die demokratische Legitimation und Bürgernähe einer solchen Weltregierung. Außerdem würde diese einen Weltstaat voraussetzen. Dessen Existenz scheitert aber zum einen am Wunsch der Einzelstaaten nach Beibehaltung ihrer Souveränität. Zum anderen ist aus Gründen der Sicherung individueller und politischer Freiheiten ein Weltstaat aber auch gar nicht wünschenswert. Und schließlich hat die Geschichte der Demokratie gezeigt, dass es eine gemeinsame politische Kultur geben muss, die eine Demokratie zu stützen in der Lage ist und die auf einer gemeinsamen Erfahrungs- und Vorstellungsgemeinschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger beruht. Eine Vorform der Weltöffentlichkeit mag es zwar, vor allem auf Grund der modernen Kommunikationstechnologien geben, aber für ein globales demokratisches Regierungssystem fehlt es an nahezu allen Voraussetzungen.


  • Das Modell globaler zivilgesellschaftlicher Demokratie geht von einem wachsenden Einfluss transnationaler Bewegungen und Gruppierungen aus und entwickelt von dort her die Vorstellung einer globalen Basisdemokratie. Es gibt eine Reihe von so genannten Nicht-Regierungsorganisationen, von Amnesty International bis zu Greenpeace, die mittlerweile zu wichtigen Akteuren auf der globalen Ebene geworden sind. Sie sind imstande, Weltöffentlichkeit für sich zu mobilisieren und ein Gegengewicht zu den ökonomischen global players, den weltweit agierenden großen Unternehmen, zu bilden. Aber damit ist noch kein Prozess demokratisch verantwortlicher Willens- und Entscheidungsbildung und auch keine Folgeverantwortung institutionalisiert. Eine Elitenherrschaft von Aktivisten kann schwerlich demokratisch genannt werden. Dem Modell globaler zivilgesellschaftlicher Demokratie fehlt ein repräsentatives Element, das schon im nationalstaatlichen Rahmen für eine demokratische Struktur unentbehrlich ist.


  • Es wird ein Modell kosmopolitischer Demokratie diskutiert, das auf die Herausbildung eines transnationalen politischen Raumes mit dem Entwurf eines komplexen politischen Mehrebenensystems antwortet. Hierunter wird ein mehrstufiges Institutionengefüge verstanden, das von der lokalen über die regionale, die nationalstaatliche bis zur supra- und transnationalen Ebene reicht.

    Föderal organisierte Bundesstaaten sind hier das Vorbild, und ein föderalistisch aufgebautes Europa könnte als Modell dienen.
     

Quellentext
Vorbild mit leichten Mängeln
[...] Die entwickeltste und am besten erforschte supranationale Gemeinschaft ist die Europäische Union. Sie sei hier deshalb auch exemplarisch erörtert. Betrachten wir zunächst die Gemeinschaftsorgane selbst. Hier unterscheidet sich die EU von anderen internationalen Organisationen in einem wesentlichen Punkt: Sie verfügt nicht nur über eine Versammlung (= Ministerrat), ein Verwaltungsorgan (= Kommission) und ein Schiedsorgan (= Gerichtshof). Daneben - und dies ist eine Besonderheit der EU - besteht das Europäische Parlament als demokratisches Repräsentationsorgan. Dieses ist - und das ist gleichfalls eine Besonderheit - nicht von den Regierungen oder Parlamenten der Mitgliedstaaten bestimmt, sondern von deren Bürgern unmittelbar gewählt. Es ist also kein bloßes Repräsentationsorgan der Völker (siehe Art. 137 EGV), sondern zumindest auch ein solches der Unionsbürger (siehe Art. 8 EGV). Mit dieser Einrichtung ist die EU auch anderen supranationalen Organisationen weit voraus. [...]
Dass dies so ist, versteht sich aus dem Selbstverständnis der Mitgliedstaaten. Die EU umfasst nur solche Staaten, zu deren verfassungsrechtlichen Grundlagen jedenfalls in der Gegenwart die parlamentarische Demokratie gehört. Dagegen finden sich direktdemokratische Züge - also Volksbegehren oder Plebiszite - in keiner inter- oder supranationalen Organisation.
Die relative Fortschrittlichkeit der EU auf dem Weg zur Bürgerrepräsentation bedeutet nicht, dass auf der institutionellen Ebene bereits alle Fragen möglicher Demokratiedefizite gelöst seien. Das gilt insbesondere für das Wahlrecht. Hier ist insbesondere die Gleichheit der Wahl lediglich in einem Umfang verwirklicht, welcher etwa nach deutschem Recht zur Verfassungswidrigkeit des Gemeinschaftswahlrechts führen würde. Die relative Überrepräsentation der kleinen Staaten - insbesondere Luxemburgs - und die relative Unterrepräsentation der großen - insbesondere Deutschlands - hat ihre Wurzel in der Tatsache, dass das Europaparlament eine Doppelfunktion einnimmt. Einerseits soll es die Repräsentation der Bürger, andererseits die Repräsentation der Völker sichern. Einerseits soll das Parlament hinreichend groß sein, dass alle Völker vertreten sind. Andererseits soll es hinreichend klein sein, um seine Arbeitsfähigkeit nicht einzubüßen. Der daraus resultierende Kompromiss ging zu Lasten der Wahlrechtsgleichheit. [...]
Die Europäische Union nimmt im Hinblick auf Wahrnehmung und Lösungsansätze des Demokratieproblems im weltweiten Vergleich einen Spitzenplatz ein. Wenn dennoch auch und gerade in der EU von einem Demokratiedefizit gesprochen wird, so bezieht sich dies primär nicht auf die institutionelle Verfassung der Gemeinschaftsorgane. Es bezieht sich hauptsächlich auf die funktionelle Ordnung zwischen den Organen. Das Europaparlament ist im Vergleich zu den anderen Organen nur mit äußerst geringen Aufgaben ausgestattet. Seine zentrale Handlungsform ist die unverbindliche politische Stellungnahme zu Vorlagen und Entwürfen anderer Gemeinschaftsorgane, welche aufgrund von Anhörungspflichten gegenüber dem Parlament abgegeben werden. Dagegen kommen dem Europaparlament nur bescheidene Mitwirkungsbefugnisse zu, welche in verbindliche Entscheidungen einmünden. [...]
Mit demjenigen Maß an Demokratie, das in der EU herrscht, gäbe sich innerstaatlich kein Mitgliedstaat zufrieden. Das ist es, was man als das Demokratiedefizit der EU bezeichnen kann - und muss. [...]

Christoph Gusy, "Demokratiedefizite postnationaler Gemeinschaften unter Berücksichtigung der Europäischen Union", in: Hauke Brunkhorst, Matthias Kettner (Hg.), Globalisierung und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 133ff.

Kosmopolitisch nennt sich diese Demokratie, weil zugleich die Rechte der Bürgerinnen und Bürger in allgemeinen Grund- und Menschenrechten garantiert und durchgesetzt werden. Solche Modelle globalen Regierens, globaler oder kosmopolitischer Demokratie sind bislang reine Zukunftsentwürfe. Sie versuchen, Antworten auf die Herausforderungen durch die Globalisierung zu geben, übersehen dabei aber, dass die nationalstaatliche Demokratie keineswegs an das Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten gekommen ist.

Denn demokratische Nationalstaaten fungieren weiterhin als Kristallisationskerne internationaler Zusammenarbeit auf vielen ökonomischen, sozialen, sicherheitspolitischen oder umweltpolitischen Politikfeldern. Vor allem bietet die Begrenzung der Demokratie auf einen nationalstaatlichen Rahmen die Gewähr für ein dichtes Netzwerk demokratischer Institutionen, in denen sowohl die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger wie auch verantwortliches und kontrollierbares Entscheiden möglich ist.

Von daher scheinen zwei Wege realistischer zu sein, um die Welt sicherer für die Demokratie zu machen.
  • Zum einen sind die Demokratisierungsbemühungen der Staaten mit nicht-demokratischen oder nur halb-demokratischen Regierungssystemen zu unterstützen. Die Förderung zivilgesellschaftlicher Entwicklungen, freier Medien und die Sicherung der Menschen- und Bürgerrechte tragen entscheidend zur Transformation von autoritären und halb-demokratischen Staaten zu entwickelten und konsolidierten Demokratien bei. So kann die Anzahl der Demokratien in der Welt weiter gesteigert werden. Das ist auch deshalb von Bedeutung, weil Demokratien, wie die historische Erfahrung zeigt, sehr viel eher bereit und in der Lage sind, Konflikte untereinander friedlich beizulegen und nicht kriegerisch auszutragen.


  • Zum anderen können Demokratien ihre Handlungsfähigkeit auch in den Zeiten der Globalisierung erhalten, indem sich Staaten zu regionalen politischen Verbänden zusammenfinden. Ein solcher ist beispielsweise die Europäische Union. Als Zusammenschluss von 25 Staaten zeigt sie exemplarisch, wie Verfahren und Institutionen in demokratischer Willens- und Entscheidungsbildung auch jenseits eines Nationalstaates, in supranationalen politischen Verbänden, etabliert werden können.
Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass demokratisches Regieren in supranationalen Einrichtungen wie der EU ein komplexer Prozess ist, der auf zwei Säulen ruht: erstens auf der Legitimation durch die Einzelstaaten, die sich mit den anderen Partnern vertraglich verbunden haben - und zweitens auf einer Legitimation durch die Bürgerinnen und Bürger, die Repräsentanten in eine gemeinschaftliche Körperschaft, in diesem Fall das Europaparlament, wählen.
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
10. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
Bestellen
Inhalt
Bild vergrößern
Demokratie
Editorial
Demokratie - Geschichte eines Begriffes
Grundzüge der athenischen Demokratie
Prinzipien republikanischen Denkens
Wege zur modernen Demokratie
Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert
Erfolgsfaktoren für stabile Demokratien
Strukturunterschiede und Probleme
Entwürfe globaler Demokratie
Demokratie - die beste Herrschaftsform
Literaturhinweise und Internetadressen
Redaktion
Der Autor
Lexikonsuche
Suchwort:
Lexika:
Schriftenreihe
Die geglückte Demokratie
Die geglückte Demokratie
Diktatur, Nationalsozialismus und zwei Weltkriege: Konnten die Deutschen nach 1945 die Demokratie erlernen? Die Zweifel waren groß. Heute ist Deutschland eine der stabilsten Demokratien der Welt.
Die geglückte Demokratie