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Informationen zur politischen Bildung (Heft 279)

Motive, Leitbilder und Etappen der europäischen Einigung


Otto Schmuck
Inhalt

Grundlagen des Zusammenwachsens

Zielperspektiven und Leitbilder

Etappen der Einigung

Pragmatik als Grundzug der Einigung

Grundlagen des Zusammenwachsens
Zahlreiche Motive sprachen und sprechen für die europäische Einigung. Sie geben - neben den konkurrierenden politisch-institutionellen Leitbildern - Aufschluss über die Triebkräfte und über die Zielrichtung der historischen Integrationsentwicklung Europas. Zudem helfen sie die Gestalt, die das politische Europa heute hat, besser zu verstehen.
Im Überblick waren sechs Motivbündel wesentliche Triebkräfte für die europäische Einigung:
Zahlreiche Motive sprachen und sprechen für die europäische Einigung. Sie geben - neben den konkurrierenden politisch-institutionellen Leitbildern - Aufschluss über die Triebkräfte und über die Zielrichtung der historischen Integrationsentwicklung Europas. Zudem helfen sie die Gestalt, die das politische Europa heute hat, besser zu verstehen.
Im Überblick waren sechs Motivbündel wesentliche Triebkräfte für die europäische Einigung:
  • Friedenssicherung,
  • Zugehörigkeit zu einer Wertegemeinschaft,
  • Steigerung des wirtschaftlichen Wohlstandes,
  • mehr Einfluss in der Außen- und Sicherheitspolitik,
  • Aussicht auf größeren Erfolg bei der Lösung grenzüberschreitender Probleme, zum Beispiel beim Umweltschutz, sowie
  • Stärkung der nachbarschaftlichen Beziehungen.
Die Bedeutung dieser Motive war im Zeitablauf unterschiedlich groß und variiert auch von Land zu Land.

Friedenssicherung

Die Idee der europäischen Einigung ist nicht neu. Philosophen, Schriftsteller und Politiker wie Immanuel Kant (1724-1804), Victor Hugo (1802-1885), Aristide Briand (1862-1932) und Gustav Stresemann (1878-1929) haben bereits vor langer Zeit sehr unterschiedlich ausgestaltete Pläne zum friedlichen Zusammenleben der europäischen Staaten zur Diskussion gestellt. Diese Vorstellungen fanden in der Öffentlichkeit durchaus Beachtung, Auswirkungen auf die politische Praxis hatten sie jedoch nicht. Erst die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges führte zu einem Umdenken und zu Konsequenzen in der Politik.
Während des Zweiten Weltkrieges sahen Teile der Widerstandsbewegung einen übersteigerten Nationalismus als eine der wesentlichen Ursachen für das Ausbrechen von Kriegen in Europa an. Nach Kriegsende 1945 wurde dieser Gedanke in zahlreichen Treffen von Politikern und anderen engagierten Bürgerinnen und Bürgern intensiv diskutiert, so etwa im September 1946 in Hertenstein am Vierwaldstättersee, im August 1947 in Montreux und im Mai 1948 in Den Haag.
Bei diesen Treffen fand die These weit reichende Zustimmung, dass die auf nationalen Konzepten basierende politische Ordnung Europas in der Vergangenheit immer wieder Rivalitäten und Spannungen und nachfolgend Aufrüstung und kriegerische Handlungen bewirkt hatte. Um diese Gefahr für die Zukunft abzuwenden, schlug auch Winston Churchill in einer häufig zitierten Rede am 19. September 1946 in Zürich einen staatenübergreifenden Ansatz vor. Er sollte die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit, die Übertragung von Zuständigkeiten in genau definierten Teilbereichen sowie die friedliche Konfliktlösung durch ein gemeinsames europäisches Gericht zur Grundlage haben.
 

Quellentext
Frühe Vision für Europas Zukunft
Der 19. September 1946 war ein Festtag für die Stadt Zürich. Zum Ende seines dreiwöchigen Schreib- und Malurlaubs am Genfer See hatte sich der britische Kriegspremier und nunmehrige Oppositionsführer im Unterhaus, Winston Churchill, zu einer "Rede an die akademische Jugend" in der Universität angesagt. [...]
Erst sprach Churchill über "Europas Tragödie" und die seiner Bewohner, "die ungeheure Masse zitternder menschlicher Wesen, die gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und Behausungen starrt und die düsteren Horizonte angestrengt nach dem Auftauchen einer neuen Gefahr, Tyrannei oder neuen Schreckens absucht".
Das bedrückende Szenario bildete den Hintergrund der beiden zentralen Botschaften von Churchills Rede, die sie zur Sensation machten und in die Geschichtsbücher brachten:
1. Die "Europäische (Völker-)Familie" müsse neu geschaffen, eine "Art Vereinigte Staaten von Europa" errichtet werden. Eine derartige Föderation könnte "den verwirrten Völkern dieses unruhigen und mächtigen Kontinents ein erweitertes Heimatgefühl und ein gemeinsames Bürgerrecht" geben.
2. Der erste Schritt zu einer Neuschöpfung der "Europäischen Familie" müsse "eine Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland" sein.
Dies "vorzügliche (sovereign) Heilmittel", so meinte Churchill, könne die immer noch mögliche Rückkehr des "finsteren Mittelalters mit seiner Grausamkeit und seinem Elend" verhindern, in wenigen Jahren den größten Teil des Kontinents frei und glücklich machen und "Hunderte von Millionen sich abmühender Menschen in die Lage versetzen, jene einfachen Freuden und Hoffnungen wiederzuerhalten, die das Leben lebenswert machen". Zwar müssten die Schuldigen für die Verheerung Europas und die in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Verbrechen und Massenmorde bestraft werden, nach der Bestrafung aber müsse es einen "segensreichen Akt des Vergessens" geben. Nur so könne Europa vor "endlosem Elend und schließlich vor seinem Untergang bewahrt werden".
"Let Europe arise!", rief er am Schluss seinen Zuhörern zu, von denen manche noch nach Jahren die Erinnerung an ein erhebendes, aber auch verwirrendes Ereignis mit sich trugen: "Die Erzfeinde Frankreich und Deutschland sollten versöhnt den Grundstock für eine europäische Union bilden? Hatte ich richtig verstanden? Kein Gedanke der Rache?"
So klang bei einer Zeitzeugin die Überraschung noch nach vierzig Jahren nach [...].
In der Tat schien Churchills kühne Vision unzeitgemäß zu sein und fand im besten Fall eine freundlich zurückhaltende Aufnahme. Im patriotisch bewegten Frankreich reagierten das offizielle Paris und die Presse empört auf den Vorschlag einer Vereinigung (union) Europas unter der "Schirmherrschaft", wie Le Monde (19. September 1946) schrieb, Frankreichs und Deutschlands. Der Friede in Europa hänge nach dem Ende der Kampfhandlungen nicht mehr von den französisch-deutschen Beziehungen ab, sondern von der Beendigung der Rivalität zwischen der UdSSR auf der einen Seite und den Vereinigten Staaten und England auf der anderen Seite. Und im Bericht und Kommentar der Illustrated London News (5. Oktober 1946, S. 370) hieß es: Habe Churchill das Wort von den Vereinigten Staaten von Europa mit der Absicht gebraucht, seine Zuhörer sollten sich eine Föderation nach dem Muster der Vereinigten Staaten von Nordamerika denken, so sei eine solche offensichtlich eine Unmöglichkeit, ein Ziel, daswünschbar oder nicht, auf jeden Fall aber in einem Jahrhundert nicht erreichbar sei.
Zwei Jahre darauf schien das eben noch Unmögliche doch erreichbar zu werden, und beinahe triumphierend schrieb Randolph S. Churchill, in Zürich sei sein Vater mit dem Thema des Vereinigten Europa der öffentlichen Meinung wieder einmal ein gutes Stück voraus gewesen, aber nun [1948] hätten sich alle nichtkommunistischen Parteien in Westeuropa und den USA sein Anliegen zu eigen gemacht. [...] Wiederum drei Jahre später schufen sechs Staaten mit der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) so etwas wie eine europäische Kernfamilie, die sich entgegengesetzt zu heutigen Familientrends nach und nach zu einer Großfamilie erweiterte und zugleich ihre inneren Bindungen festigte. [...]

Brunn, Gerhard, Die Europäische Einigung von 1945 bis heute, Stuttgart 2002, S. 9 ff.

Von Anfang an gab es in der Diskussion zwei Lager. Die eine Seite setzte sich für eine europäische Zusammenarbeit auf der Basis der nationalen staatlichen Souveränität ein, die andere plädierte für eine überstaatliche europäische Ordnung mit starken gemeinschaftlichen Institutionen und einem Vorrang des gemeinsamen Rechts. Beide Konzepte fanden 1949 mit der Schaffung des Europarates und 1951 mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS, oft auch als Montanunion bezeichnet) in der Praxis ihren Niederschlag.
 

Quellentext
Einfluss der USA auf die Einigung Europas
"Wenn es 'Europa' gibt, dann nur weil es die Amerikaner wollen", schreibt der englische Historiker Norman Stone, und er fährt fort, die europäischen Institutionen (fast alle) gebe es nur, weil die Amerikaner der "Euro-Anarchie" ein Ende bereiten wollten (The European 14.-17. Mai 1992, S. 21). Die Aussage ist pointiert, aber nicht ohne Berechtigung. [...] Ohne den Anstoß durch den Marshallplan, ohne die nachdrückliche Unterstützung der US-Regierungen, ohne das Drängen und Vermitteln bei der Umsetzung der aufeinander folgenden Initiativen vom Schumanplan bis zu den Römischen Verträgen wäre die Europäische Integration, wenn überhaupt, nicht so schnell und nicht in der weitreichenden Form verwirklicht worden, wie es geschehen ist.
Der Wechsel der US-Politik von der Opposition gegen einen europäischen Zusammenschluss zu dessen Förderung lässt sich recht präzise auf das Jahr 1947 datieren. [...]
Der folgenschwere Umschwung der amerikanischen Politik von der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion zu der des "containment", der Eindämmung des vermuteten Expansionsdrangs der Sowjetunion, fand statt, nachdem die USA und Großbritannien den Eindruck gewonnen hatten, dass Stalins Politik darauf ausgerichtet sei, in der dem Westen, bzw. Großbritannien, zugestandenen Einflusszone (Persien, Türkei, Griechenland) Fuß zu fassen. Den unmittelbaren Anlass lieferten die Ereignisse in Griechenland. Dort konnte sich die Regierung nur mit britischer Militärhilfe gegen kommunistische Kampfgruppen behaupten. Im Februar 1947 musste die Londoner Regierung einen Offenbarungseid leisten. Sie teilte der US-Regierung mit, dass Großbritannien seine Hilfe an Griechenland sofort einstellen müsse, unabhängig davon, welche Folgen sich daraus ergeben würden.
Allein die Vereinigten Staaten besaßen die Statur, das durch den britischen Rückzug entstandene Machtvakuum zu füllen, und wenn sie sich nicht dem Risiko aussetzen wollten, ihren Einfluss und ihr Prestige in Europa zu verlieren, hatten sie für Großbritannien einzuspringen. Sie übernahmen die britischen Verpflichtungen. Am 11. März 1947 verkündete Präsident Harry S. Truman in seiner berühmten Rede jene neue Maxime der amerikanischen Politik, die als "Truman-Doktrin" in die Geschichte eingegangen ist.
Mit der Truman-Doktrin sagten die USA allen freien Völkern, die der Unterjochung durch bewaffnete Minderheiten oder auswärtigem Druck widerstünden, ihren Beistand zu. [...] Sie war zugleich das Versprechen einer festen Bindung der USA an Westeuropa, beinhaltete aber auch, dass sich die USA fortan bemühen würden, ein Europa nach ihrem Bilde, nach ihren politischen Vorstellungen und wirtschaftlichen Bedürfnissen zu schaffen. [...]
Dass Europa auch ein demokratisches Europa nach dem Demokratieverständnis der USA zu sein habe, war selbstverständlich. Demokratie aber, davon waren die Amerikaner überzeugt, sei ohne Wohlstand nicht erreichbar, Wohlstand dagegen sei ohne Demokratie nicht erreichbar, und beides hielt man für untrennbar mit Marktwirtschaft und einer offenen Weltwirtschaft verbunden. [...]
Wenige Wochen später, am 5. Juni 1947, kündigte der amerikanische Außenminister George Marshall in einer Rede an der Harvard Universität ein großes wirtschaftliches Hilfsprogramm an, mit dem die USA gedachten, die Truman-Doktrin wirtschaftspolitisch zu ergänzen und die befürchtete Expansion des Kommunismus abzublocken. [...] Das "European Recovery Programme" (ERP), bald volkstümlich "Marshallplan" genannt, hatte zum Ziel, die europäische Wirtschafts- und Wiederaufbaukrise zu überwinden, die europäischen Länder mit großzügigen finanziellen und technischen Hilfen in ihren Anstrengungen zum wirtschaftlichen Wiederaufbau zu unterstützen und zur Zusammenarbeit beim Abbau der Handelsschranken und dem Aufbau effizienter wirtschaftlicher Strukturen anzuregen. [...]

Gerhard Brunn, Die europäische Einigung von 1945 bis heute, Stuttgart 2002, S. 38 ff.

Der europäische Einigungsweg beruht inzwischen auf Erfahrungen von mehr als 50 Jahren: Politikerinnen und Politiker aller EU-Staaten treffen sich regelmäßig, um über gemeinsame Ziele und auftretende Probleme zu verhandeln. Die Wirtschaft der EU-Staaten ist mittlerweile so eng verflochten, dass ein Krieg zwischen ihnen schon aus ökonomischen Gründen keinen Sinn machen würde.
Friedenssicherung war immer auch ein gewichtiges Argument für die Aufnahme neuer Staaten in die Gemeinschaft, auch wenn ökonomische Gründe zunächst eher gegen den Beitritt sprachen. Noch bis zur Mitte der 1970er Jahre herrschten in Griechenland, Spanien und Portugal Militärdiktaturen. Mit dem EU-Beitritt dieser strukturschwachen Länder in den 1980er Jahren konnte ihre demokratische Ausrichtung gestärkt und dauerhaft gesichert werden. Ähnliches gilt für die Staaten in Mittel- und Osteuropa. Zehn dieser Staaten sowie Malta und Zypern haben im Zuge der demokratischen Veränderungen seit 1989 den Beitritt zur EU beantragt. Mit der Aufnahme der meisten dieser Länder in die EU am 1. Mai 2004 - Rumänien und Bulgarien folgen Anfang 2007 - ist der Frieden in Europa erneut ein Stück sicherer geworden.

Wertegemeinschaft

Die Ziele der europäischen Einigung reichten von Anfang an über die Mehrung des wirtschaftlichen Wohlstandes hinaus. Bereits die Gründung des Europarates erfolgte 1949 mit dem Ziel der Achtung und Wahrung gemeinsamer Werte, zu denen - neben der Friedenssicherung - der Schutz der Menschenrechte und der Vorrang des Rechts gehören. Auch die Vereinbarungen über die Gemeinschaft für Kohle und Stahl von 1951, der 1957 in Rom unterzeichnete Vertrag über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft sowie der Maastrichter Vertrag von 1992 zur Gründung der Europäischen Union enthalten allgemeine Bezüge zu den grundlegenden gemeinsamen Werten der Mitgliedstaaten.
Im Vertrag von Amsterdam wurden 1997 erstmals die wesentlichen Merkmale dieser gemeinsamen Werte in Artikel 6 des Vertrages zur Gründung der Europäischen Union zusammengefasst: "Die Union beruht auf den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit; diese Grundsätze sind allen Mitgliedstaaten gemeinsam."
Unter der Leitung des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog trat im Jahr 2000 ein Konvent zusammen, der die "Charta der Grundrechte der EU" ausarbeitete. Der Europäische Rat von Nizza proklamierte diese Charta im Dezember 2000 in Form einer Feierlichen Erklärung. Damit verfügt die EU über eine Zusammenstellung der gemeinsamen Grundwerte, die aber noch nicht rechtsverbindlich ist. Das Ziel der Einklagbarkeit der Grundrechte vor dem Europäischen Gerichtshof soll aber im Zusammenhang mit der Europäischen Verfassung erreicht werden, denn die Charta der Grundrechte wurde als Teil II in den Verfassungsvertrag, der den EU-Staaten derzeit zur Ratifikation vorliegt, aufgenommen.

Wirtschaftliche Vorteile

Ein weiteres herausragendes Motiv für die europäische Einigung war und ist die Nutzung der Vorteile des großen europäischen Binnenmarktes. In einem gemeinsamenMarkt von 25 - ab Januar 2007 27 - Staaten mit mehr als 450 Millionen Menschen kann besser und billiger produziert werden als in einer deutlich kleineren nationalen Volkswirtschaft. Große Serien ermöglichen eine kostengünstigere Produktion. Zusätzliche Erschwernisse durch jeweils unterschiedliche nationale Zulassungsverfahren und durch Grenzkontrollen entfallen. Die gemeinsame europäische Währung der Mitgliedstaaten der Eurozone erhöht zudem die Vorteile des Binnenmarktes durch den Wegfall von Umtauschkosten und Wechselkursrisiken.
1985 legte die Europäische Kommission ein umfangreiches Programm zur Vollendung des Binnenmarktes bis zum 1. Januar 1993 vor, das von weit reichenden, zum Teil auch von überzogenen Erwartungen und Befürchtungen begleitet wurde. Vor allem Stimmen von gewerkschaftlicher Seite und aus dem Europäischen Parlament hielten zur Vermeidung absehbarer Nachteile des freien Marktes eine gemeinschaftliche Ordnungspolitik für notwendig, die flankierende Maßnahmen, vor allem bei der Sozial-, der Struktur- und der Industriepolitik, beinhalten sollte. Derartige Vorschläge waren im Kreis der Regierungen jedoch umstritten. Während die französische Regierung positiv reagierte, kamen vor allem aus Großbritannien, aber auch aus den Niederlanden und aus Deutschland verhaltene Signale.
Heute ist die EU mit mehr als 450 Millionen Verbrauchern weltweit der größte Wirtschaftsraum; zugleich ist sie die größte Handelsmacht der Erde. Zwar bringt die große Konkurrenz für schwächere Anbieter auch Nachteile, doch überwiegen die Vorteile bei weitem. In anderen Weltregionen (Amerika, Südostasien) versuchen benachbarte Staaten deshalb mit unterschiedlichem Erfolg, den wirtschaftlichen Zusammenschluss der EU nachzuahmen.
Ökonomische Motive sind im Zusammenhang mit einer EU-Mitgliedschaft noch in anderer Hinsicht von Bedeutung. Strukturschwächere EU-Staaten und Regionen erhalten in vielfältiger Weise Unterstützung aus Brüssel. Rund ein Drittel aller EU-Ausgaben fließt heute in die Regionalpolitik, und hier vor allem in die so genannten Ziel-1-Gebiete, deren Einkommen unterhalb der Schwelle von 75 Prozent des EU-Durchschnitts liegen. Diese Förderung, die auch den fünf ostdeutschen Ländern beachtliche finanzielle Leistungen eröffnet, kommt seit dem 1. Mai 2004 vor allem auch den neuen EU-Staaten in Mittel- und Osteuropa zugute.

Außen- und sicherheitspolitische Notwendigkeiten

Auch die Erkenntnis, dass die europäischen Staaten auf sich allein gestellt heute eine nur sehr eingeschränkte internationale Rolle spielen können, verstärkte die Motivation für den europäischen Zusammenschluss. Bereits seit 1970 gab es Bemühungen zur Schaffung einer "Europäischen Politischen Zusammenarbeit" (EPZ) mit dem Ziel, die damals so empfundenen Defizite des "Wirtschafts-Dinosauriers" EG zu überwinden.
Doch unterschiedliche außenpolitische Interessen und der Rang der Außenpolitik als Kernbereich staatlicher Souveränität ließen Veränderungen der Entscheidungsstrukturen und der Zuständigkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik nur außerhalb der Gemeinschaftsverfahren zu. Konkret bedeutet dies, dass außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen von den Regierungen bis heute in allen wichtigen Bereichen nur einstimmig getroffen werden können, und der Europäische Gerichtshof für diese Fragen nicht zuständig ist. In vielen Fällen scheiterte in wichtigen außenpolitischen Fragen eine Einigung auf ein gemeinsames Vorgehen.
Die veränderte weltpolitische Lage nach dem Ende des Kalten Krieges und die damit verbundenen gestiegenen Erwartungen anderer Staaten an ein verstärktes Engagement der Europäer erhöhten jedoch den Druck zur Übernahme einer größeren weltpolitischen Verantwortung durch die EU. Dies betrifft heute zunehmend die internationale Friedenssicherung und Krisenbewältigung. Konflikte und Kriege am Golf, in Ex-Jugoslawien und zuletzt in Afghanistan, im Irak und im Libanon belegen die Notwendigkeit einer verstärkten Beteiligung der EU bei der Lösung internationaler Konflikte. Zugleich wird deutlich, dass sie hierzu mit den bislang vorhandenen Instrumenten und Verfahren nicht in der Lage ist. Positiv zu vermerken ist jedoch, dass die EU mit ihrer Politik gegenüber den Entwicklungsländern bereits seit Jahrzehnten einen wertvollen Beitrag zur Nord-Süd-Zusammenarbeit leistet. Sie hat sich bei diesen Ländern durch ihre langjährige Erfahrung mit neuartigen und partnerschaftlichen Instrumenten als "Zivilmacht Europa" erhebliches Vertrauen erworben.

Lösung grenzüberschreitender Probleme

Ein weiterer wesentlicher Beweggrund für den Einigungsprozess ist die Tatsache, dass heute angesichts der zunehmenden Globalisierung vielen politischen Problemen im nationalen Alleingang nicht mehr wirkungsvoll zu begegnen ist. Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Umweltpolitik. Die Bekämpfung von saurem Regen, die Reinhaltung der Flüsse oder die Vorbeugung von Katastrophen, die durch technische Großprojekte wie Kernkraftwerke oder chemische Fabriken verursacht werden können, erfordert gemeinsame Anstrengungen über die Grenzen hinweg. Anschauliche Beispiele hierfür sind die hilflosen internationalen Reaktionen auf Umweltkatastrophen wie das Reaktorunglück in Tschernobyl (1986), die Rheinverseuchung nach einem Betriebsunfall der Firma Sandoz in Basel im Jahr 1986 oder das Tankerunglück vor der spanischen Küste im Jahr 2002.
Auch in anderen Bereichen wird koordiniertes Vorgehen im EU-Rahmen zunehmend notwendiger. Dies betrifft die Bekämpfung des internationalen Terrorismus, des Drogenschmuggels und der internationalen Geldwäsche ebenso wie die Ankurbelung der Wirtschaft, die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die langfristige Sicherung der natürlichen Rohstoffe und die Behebung der Ursachen für die weltweiten Migrationsströme. In vielen Fällen wären weltweite Lösungen am wirkungsvollsten, doch werden entsprechende Übereinkünfte - etwa im Rahmen der Vereinten Nationen - wegen der fehlenden Verbindlichkeit häufig nicht eingehalten.

Stärkung nachbarschaftlicher Beziehungen

Schließlich gehört zu den Motiven der europäischen Einigung noch das Bestreben nach einer guten Nachbarschaft in Europa. Regionen, Städte und Vereine schließen Partnerschaften; Schülerinnen und Schüler, Studierende, junge Berufstätige und andere interessierte Bürgerinnen und Bürger nehmen an Austauschprogrammen teil und bauen damit ein "Europa von unten" aus. Derartige Kontakte werden erleichtert durch offene Grenzen und die entsprechenden Sprachkenntnisse, die in Schulen, Universitäten, Volkshochschulen, speziellen Sprachkursen freier Träger und auch bei privaten Besuchen erworben werden. Die EU fördert und unterstützt derartige Aktivitäten durch eine Vielzahl von Programmen. Studierende können beispielsweise am Erasmus-Austauschprogramm teilnehmen und für einige Semester im Ausland studieren. Für Schulen gibt es das Comenius-Programm. Durch das Lingua-Programm wird die Vermittlung von Sprachen unterstützt.
Viele Gründe sprechen also für eine Fortführung des europäischen Einigungsweges. Über die Ausgestaltung des geeinten Europa existieren allerdings durchaus unterschiedliche Vorstellungen, die in den zurückliegenden Einigungsetappen immer wieder sichtbar wurden.
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10. Februar 2012
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Europäische Union
Editorial
Die Union zu Beginn des 21. Jahrhunderts
Motive, Leitbilder und Etappen der europäischen Einigung
Vertragsgrundlagen und Entscheidungsverfahren
Ausgewählte Bereiche gemeinschaftlichen Handelns
Die EU nach und vor der Erweiterung
Auf dem Weg zur Europäischen Verfassung
Thema im Unterricht
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