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10.9.2004 | Von:
Steffen Mau

Soziale Ungleichheit in der Europäischen Union

Welche sozioökonomischen Ungleichheiten bestehen in der Europäischen Union? Welche Auswirkungen können sie auf den Integrationsprozess innerhalb der EU haben?

Einleitung

Die Europäische Union gehört zu den Wohlstandsinseln in einer sich globalisierenden Welt. Ihre Mitgliedsländer zählen sowohl im Hinblick auf ökonomische Maßzahlen wie das Bruttosozialprodukt als auch hinsichtlich sozialer Lebensbedingungen wie Gesundheitsbetreuung, Wohnen, Lebenserwartung und Zugang zu Bildung zu den privilegierten Orten dieser Welt. Dennoch ist die EU kein homogenes Gebilde, sondern von erheblichen Ungleichheiten zwischen ihren Mitgliedsländern und Regionen geprägt. Diese sind vor allem deshalb von Relevanz, weil die Integrationsanstrengungen der Europäischen Union nur dann gelingen können, wenn ein ausreichendes Maß an Kohärenz gegeben ist. So hat der damalige EU-Kommissar Michel Barnier den dritten Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt innerhalb der EU, veröffentlicht im Februar 2004, mit folgenden Worten angekündigt: "Die Unterschiede zu verringern, um das Wachstum zu beschleunigen. Wachstum und Kohäsion sind zwei Seiten der gleichen Medaille (...). Wir stehen an der Schwelle eines historischen Augenblicks, nämlich der Wiedervereinigung des Kontinents. Diese wird die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrößern. Das vordringlichste Ziel der nächsten Generation europäischer Programme wird die Unterstützung der ärmsten Regionen sein."[1]




Die Rolle sozialer Ungleichheit für den Integrationsprozess ist von der Ungleichheitsforschung bis heute nicht hinreichend adressiert und thematisiert worden. Grund dafür ist die immer noch vorherrschende Fokussierung auf innerstaatliche Ungleichheiten. Die zentralen ungleichheitssoziologischen Konzepte wie Klasse, Schicht und soziale Lage ebenso wie etablierte Ungleichheitsmaße beziehen sich auf soziale Unterschiede innerhalb von Nationalstaaten. Wenn unterschiedliche Länder betrachtet werden, dann werden diese vergleichend nebeneinander gestellt, aber es wird selten gefragt, welche Wechselwirkungen es zwischen ihren Ungleichheitsstrukturen gibt. Allerdings hat die komparative Forschung erfolgreich dazu beigetragen, dass heute für die meisten Länder gute Vergleichsindikatoren zur Verfügung stehen. Auch auf der EU-Ebene gibt es inzwischen ein umfangreiches Berichtswesen. Soweit dort Ungleichheit thematisiert wird, kommen drei zentrale Perspektiven zum Tragen. Erstens wird ganz im Sinne der schon angesprochenen Forschung ein Vergleich der Mitgliedsländer hinsichtlich zentraler Ungleichheitsindikatoren wie Armutsquote oder Einkommensverteilung vorgenommen. Zweitens wird im Zuge der Diskussion um soziale Konvergenz das Wohlstandsgefälle zwischen den Mitgliedsstaaten thematisiert. Drittens hat sich der interregionale Vergleich als eigenständige Ungleichheitsperspektive etabliert, weil im Zuge der Europäisierung die Regionen aufgewertet wurden. Sie kommen als politische, aber auch sozioökonomische Handlungseinheiten stärker zum Zuge und sind unter dem Stichwort der "territorialen Disparitäten" in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Nachfolgend soll anhand dieser Perspektiven eine kurze Bestandsaufnahme der Ungleichheiten in der Europäischen Union erfolgen. Neben der reinen Deskription dieser Ungleichheiten soll auch diskutiert werden, inwieweit der Europäisierungsprozess selbst - verstärkend oder abmildernd - auf diese Ungleichheiten wirkt. Die Europäische Einigung ist schon so weit fortgeschritten, dass es notwendig erscheint, stärker auf Faktoren der Ungleichheitskonstitution Bezug zu nehmen, die aus dem Zusammengehen der europäischen Mitgliedsländer erwachsen. In einem letzten Teil wird diskutiert, warum die Ungleichheitsforschung hinsichtlich der Europäisierung deutliche Innovationsdefizite hat und in welche Richtung konzeptionelle Neuorientierungen notwendig sind.


Fußnoten

1.
Europäische Kommission, Eine neue Partnerschaft für die Kohäsion. Konvergenz, Wettbewerbsfähigkeit, Kooperation. Dritter Bericht über den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalt, Luxemburg 2004.