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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 29-30/2002)

Soziales Kapital, sozialer Zusammenhalt und soziale Ungleichheit


Integrationsdiskurse zwischen Hyperindividualismus und der Abdankung des Staates
Sebastian Braun
Inhalt

I. Einleitung

II. Soziales Kapital als Fundament gesellschaftlichen Zusammenhalts

III. Soziales Kapital als Basiselement sozialer Ungleichheit

IV. Putnam und Bourdieu - die politische Wirkung zweier Konzepte

V. Soziales Kapital, soziale Ungleichheiten und die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts

V. Soziales Kapital, soziale Ungleichheiten und die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts
Es ist vor allem den empirischen Studien einer Forschergruppe um Michael Vester zu verdanken, dass auch in Deutschland eine profunde Diskussion über die Perspektiven gesellschaftlichen Zusammenhalts geführt werden kann, ohne dabei ausschließlich in die Rhetorik von einem ungezügelten egoistischen Hyperindividualismus verfallen zu müssen, aus dem sich bislang die Sorge vor der "Auflösung des Sozialen" speist. [31]

Die umfangreichen, an Bourdieus Gesellschaftstheorie angelehnten Studien dieser Gruppe machen zweierlei deutlich: Erstens widerlegen sie auf empirischer Basis die mittlerweile zum Common sense gehörenden Gegenwartsdiagnosen, dass sich die sozialen Milieus in Deutschland vollends aufgelöst hätten. Im Gegenteil: Gerade aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit an den sozialen Wandel erweisen sich die Klassenkulturen in der alltäglichen Lebenswelt offenbar als sehr stabil. Auffällig ist vor allem der Zusammenhang zwischen dem Gesellungsverhalten der verschiedenen Milieus in ihrem lebensweltlichen Umfeld - in Vereinen, mit Verwandten oder Freunden wie auch in Abgrenzung gegenüber anderen - und ihren gesellschaftspolitischen Grundeinstellungen. Ein bedrohliches Bild wird dabei für den wachsenden Teil der Modernisierungsverlierer gezeichnet, die sich vom rasanten sozialen Wandel überrollt fühlten und starke Ressentiments gegenüber allem Modernen, der "großen Politik" und nicht zuletzt gegenüber Ausländern hegten. Vor allem die jüngeren Modernisierungsverlierer ließen ihren ressentimentgeleiteten Aggressionen zunehmend freien Lauf und sympathisierten mit rechtsextremistischen Ideologien.

Zweitens - und damit eng verbunden - weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die Hegemonien der Parteien in ihren "klassischen" gesellschaftspolitischen Lagern erodieren. Insofern "haben wir auch heute keine Krise der Milieus (als Folge des Wertewandels), sondern eine Krise der politischen Repräsentation (als Folge einer zunehmenden Distanz zwischen Eliten und Milieus)" [32] . Aber genau in dieser Phase würden die Eliten "dem aktuellen Problem sozialer Desintegration kein Konzept entgegenhalten . . . - außer Sparkonzepten, die die sozial Benachteiligten nicht hinreichend schützen und reintegrieren" [33] . Insofern sei der gesellschaftliche Zusammenhalt vor allem durch die zunehmenden sozialen Ungleichheiten und Deklassierungen gefährdet, dem nur durch eine aktivere Verantwortung der Eliten für soziale Gerechtigkeit begegnet werden könne.

Folgt man den Ergebnissen dieser Studie, dann erhält der Diskurs über den sozialen Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft eine andere Stoßrichtung. Denn neben der gängigen Annahme, dass "in der ‘Hitze‘ von Individualisierungsprozessen das Soziale, der Konsens ‘verdampft‘ " [34] , avancieren offensichtlich die wachsenden sozialen Ungleichheiten abermals zu einem fundamentalen Problem der gesellschaftlichen Integration: von der strukturellen Massenarbeitslosigkeit über die wachsende Gefährdung des Lebensstandards der "Mittelschichten" bis hin zur Konfliktverschärfung zwischen "Einheimischen" und "Zugewanderten" oder verschiedenen Klientelen des Wohlfahrtsstaates. Eine Vielzahl anderer, teilweise längst überwunden geglaubter Ungleichheiten ließen sich hinzufügen. Dieser "moderne soziale Konflikt" sieht sich, wie Ralf Dahrendorf argumentiert, vor allem mit solchen Wirkungen sozialer Ungleichheit konfrontiert, "die die volle bürgerliche Teilnahme von Menschen mit sozialen, wirtschaftlichen und politischen Mitteln einschränken. Es geht also um Anrechte, die die Position des Bürgers zu einem erfüllten Status machen" [35] .

Es werde ersichtlich, konstatiert Bourdieu vor diesem Hintergrund, dass der Rückzug des Staates unerwartete Wirkungen verursacht habe - Wirkungen, die zwar niemals beabsichtigt gewesen seien, die aber das Zusammenspiel der demokratischen Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fundamental bedrohten. [36] Denn gerade in einer Zeit, in der es nicht um die Verteilung von Zuwächsen, sondern die Umverteilung der vorhandenen Ressourcen gehe, bestünde die eigentliche Herausforderung von Staat und Politik darin, das bisherige wohlfahrtsstaatliche Arrangement so zu reformieren, dass der generalisierte Anspruch auf Teilhabe an den Lebensmöglichkeiten der Gesellschaft garantiert werden könne.

Es bleibt zu hoffen, dass der in Deutschland so einflussreiche Sozialkapitaldiskurs à la Putnam das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheiten zukünftig intensiver aufgreift und auf die Frage nach den Perspektiven des gesellschaftlichen Zusammenhalts bezieht. Vielleicht ist ja Putnams Resümee in einer unlängst vorgelegten internationalen Vergleichsstudie ein Anlass dafür. Zumindest heißt es dort, dass "die Besorgnis über die Ungleichheiten - vor allem über wachsende Ungleichheiten im Bereich des Sozialkapitals - . . . den vielleicht wichtigsten roten Faden der Länderstudien" darstelle und deshalb der "Verteilung von Sozialkapital mehr Aufmerksamkeit" geschenkt werden müsse. [37] Bourdieus Gesellschaftstheorie, die Putnam und seine international weit verbreitete Schule bislang weitgehend ignoriert haben, [38] würde dazu zweifellos genug Anknüpfungspunkte bieten!  

Internet-Links: 

http://www.zeg.org

http://www.soz.uni-hannover.de/agis/

www.worlbank.org/poverty/scapital/
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10. Februar 2012
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Zustand der Gesellschaft - Armut und Reichtum
Editorial
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Erosion des sozialstaatlichen Konsenses und die Entstehung einer neuen Konfliktlinie in Deutschland?
Armut und Reichtum in Deutschland
Armut und soziale Ausgrenzung im europäischen Kontext
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