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Wandel der regionalen Ordnung und Aufstieg neuer Mächte in der Golfregion


21.2.2011
Am Persischen Golf kristallisiert sich eine Konfrontation zwischen Iran und Saudi-Arabien heraus. Saudi-Arabien versucht, ein Vakuum zu füllen, welches der US-amerikanische Einflussverlust infolge des Debakels im Irak hinterlassen hat.

Einleitung



Die Veröffentlichung von US-Geheimdokumenten über den Irak-Krieg im Jahr 2003 durch die auf Enthüllungen spezialisierte Internetplattform "Wikileaks" hat die völkerrechtswidrige Militärintervention wieder schlagartig ins öffentliche Bewusstsein in Deutschland wie auch weltweit gerufen. Zuvor war es politisch und medial relativ ruhig geworden um den "Dritten Golfkrieg" und die blutigen Ereignisse im Zweistromland nach dem gewaltsamen Sturz des Regimes von Saddam Hussein. Dies ist insofern verwunderlich, als dieser von den USA angeführte Krieg die Weltöffentlichkeit, insbesondere die öffentlichen Meinungen in Europa und in fast allen islamischen Ländern, stärker polarisiert hat als jeder andere internationale Konflikt seit dem Vietnam-Krieg. Außerdem stürzte die Kontroverse über die Legitimität und Legalität des Irak-Kriegs im Frühjahr 2003 die transatlantischen Beziehungen in eine tiefe Krise, von der sie sich bis heute zu erholen versuchen.

Die von "Wikileaks" veröffentlichten Depeschen zwischen US-Botschaften und dem Außenministerium in Washington legen auch offen, wie sich aus der Warte der USA die Machtverhältnisse im Mittleren Osten nach dem Irak-Krieg 2003 veränderten. Sie zeichnen ein Bild, "nach dem die arabischen Herrscher nichts mehr fürchten als Teherans regional und international umstrittenes Atomprogramm - und zumindest manche von ihnen ein militärisches Vorgehen befürworten".[1] Denn die nuklearen Fortschritte Irans sind für die Sicherheit der überwiegend sunnitischen arabischen Länder umso bedrohlicher, als es den Irak als Pufferstaat und als regionales Gegengewicht zum Iran nicht mehr gibt. Viele arabische Beobachter rechnen im Falle einer Eskalation im Atomstreit damit, dass der Iran seine Waffen auch gegen die arabischen Nachbarstaaten einsetzen würde, um seine dominierende Rolle zu betonen.[2]

Im Folgenden soll primär der Frage nachgegangen werden, in welcher Weise die angloamerikanische Invasion des Irak und der Sturz seines Langzeit-Diktators die labile Macht- und Sicherheitsarchitektur in dieser geopolitisch wichtigen, weil rohstoffreichen Region veränderten. Das Augenmerk liegt hierbei auf der Analyse der Konfliktlinien, dem Wandel der regionalen Ordnung und den geopolitischen Implikationen dieses Krieges für die gesamte Region. Geopolitik bezieht sich in diesem Subsystem der Weltpolitik in erster Linie darauf, wie Regierungen die "Verteilung von Macht jenseits ihrer Grenzen rezipieren, um die Voraussetzungen für eine an den jeweiligen nationalen Interessen ausgerichtete Außenpolitik zu schaffen".[3] Als Einstieg in das Thema bietet sich ein Rückblick auf die strategischen Rahmenbedingungen im Vorfeld des Irak-Krieges an.[4]

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Fußnoten

1.
Tomas Avenarius/Paul-Anton Krüger, Wikileaks-Dokumente: Araber drängten zu Militärschlag gegen Iran, in: Süddeutsche Zeitung vom 28.11.2010, S. 6.
2.
Vgl. Tarek Dlimi, Strategische Paradoxien im neuen Irak?, in: Al Hayat vom 29.12.2010.
3.
Peter J. Taylor, Geopolitische Weltordnungen, in: Welttrends, (1994) 4, S. 29. Vgl. ausführlicher zur Relevanzsteigerung des Vorderen Orients nach dem Irak-Krieg Volker Perthes, Die neue Zentralität des Nahen und Mittleren Ostens. Konsequenzen für Wissenschaft und Politik, in: Internationale Politik, (2004) 7, S. 49-52.
4.
Eine aktuelle und fundierte Analyse des Irak-Krieges liefert Stephan Bierling in seinem kürzlich erschienenen Buch: Geschichte des Irakkriegs. Der Sturz Saddams und Amerikas Albtraum im Mittleren Osten, München 2010.