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Informationen zur politischen Bildung (Heft 269)
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Rolle der Eliten in der Gesellschaft |

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Rainer Geißler
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Die Struktur der Machteliten in modernen Gesellschaften zeigt ein bestimmtes Gliederungsmuster. Eine moderne Gesellschaft ist in verschiedene Funktionsbereiche (Sektoren) wie zum Beispiel Politik, Wirtschaft oder Kultur ausdifferenziert. Daher ist es sinnvoll, verschiedene Funktionseliten - sie werden auch sektorale oder Teileliten genannt - zu unterscheiden, die in den jeweiligen Sektoren die wichtigsten Entscheidungsträger umfassen. In vielen Studien wird die Machtelite in neun Funktionseliten untergliedert, die folgenden Sektoren zugehören: Politik, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Gewerkschaften, Massenmedien, Kultur, Wissenschaft und Militär.
Die Elitenstruktur einer hochdifferenzierten Gesellschaft ist in zweifacher Hinsicht pluralistisch. Zum einen sind die verschiedenen Sektoren und Funktionseliten hoch spezialisiert und relativ autonom (funktionaler Pluralismus), zum anderen entwickelt sich unter einem gemeinsamen Dach politischer Überzeugungen - dem Konsens über die demokratischen Grundregeln - ein politisch-weltanschaulicher Pluralismus. Dem Elitenpluralismus sind jedoch Grenzen gesetzt: Die regelmäßige Zusammenarbeit der Eliten über die Sektoren und politisch-weltanschaulichen Gruppierungen hinweg ist nötig, um Entscheidungen aufeinander abzustimmen und um die optimale Beteiligung aller gesellschaftlichen Bereiche und Organisationen an den wichtigen Entscheidungen zu ermöglichen.
Einflussstruktur
Das politische Institutionensystem der Bundesrepublik sichert einen gewissen Pluralismus der Führungsgruppen. Die Konkurrenz der Parteien, Verbände und Interessengruppen, eine föderalistische Verfassung, eine unabhängige Justiz, die relative Autonomie der Massenmedien, der Wissenschaft und Kultur schaffen Raum für ein Gegeneinander verschiedener Teileliten beim Ringen um Einfluss.
Aber in diesem pluralistischen Mit- und Gegeneinander gibt es bestimmte Einflussstrukturen; nicht alle Funktionseliten und Interessengruppen sind mit gleicher Machtfülle ausgestattet. Im Zentrum der Machtstruktur stehen die politischen Eliten im engeren Sinn. Ihre Position wurde durch die Weiterentwicklung des liberalen Rechtsstaats zum sozialen Wohlfahrtsstaat erheblich gestärkt. Ihre Entscheidungen beschränken sich heute nicht nur auf die traditionellen staatlichen Aufgaben der inneren Ordnung und äußeren Sicherheit, sondern greifen planend und steuernd in viele Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens ein.
Großen Einfluss üben auch die Wirtschaftseliten aus, deren Struktur weiterhin vom Gegensatz zwischen den Tarifparteien geprägt ist; durch die zunehmenden internationalen Wirtschaftsverflechtungen (Globalisierung) haben die multinationalen Großunternehmen ihre Stellung weiter stärken können. Das politisch-wirtschaftliche Machtzentrum wird durch einflussreiche Verwaltungs- und Medieneliten ergänzt. Andere Funktionseliten - insbesondere das früher einflussreiche Militär - sind heute eher an der Peripherie der Machtstruktur angesiedelt.
Ämterkumulation (eine Person besetzt gleichzeitig mehrere Führungspositionen) und Elitenzirkulation (der Wechsel von Personen zwischen verschiedenen Teileliten) kommen relativ selten vor. Ein hohes Ausmaß hat dagegen die Rotation des Führungspersonals. Die Machtträger verweilen in der Regel nur vier bis acht Jahre in den Spitzenpositionen - in der Wirtschaft, in den Verbänden und in den Massenmedien dauert die Zugehörigkeit zur Positionselite länger als im zentralen politischen Bereich, wo die Wähler für eine beschleunigte Rotation des Führungspersonals sorgen. Auch die Verwaltungselite ist dieser politischen Dynamik ausgesetzt. So scheiden zum Beispiel die Spitzenbeamten der Bundesregierung im Durchschnitt bereits nach fünf Jahren wieder aus ihren Ämtern aus.
Während das System der Weimarer Republik bei großen Teilen der Machteliten auf große Distanz oder Ablehnung stieß, verbindet die Führungsschichten der Bundesrepublik eine breite grundsätzliche Zustimmung zur bestehenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Ordnung. Die Bereitschaft zu Kompromissen und die Anerkennung von Mitbestimmung und Reformen in gewissen Grenzen haben einen hohen Stellenwert in ihren politischen Grundüberzeugungen. Auf der Basis dieses Grundkonsens existiert innerhalb der Machteliten ein Pluralismus von politischen Einstellungen.
Die politischen Orientierungen der Eliten sind kein genaues Spiegelbild der Einstellungs- und Meinungsvielfalt in der Gesamtgesellschaft. Im Vergleich zur Bevölkerung sind die Machteliten liberaler eingestellt, während sozialdemokratische Positionen bei ihnen schwächer ausgeprägt sind.
Die verschiedenen Funktionseliten weichen in ihren Parteineigungen erheblich voneinander ab. Außer in den Gewerkschaften sind FDP-Anhänger in allen Eliten deutlich stärker vertreten als in der Wählerschaft. Genau umgekehrt verhält es sich mit den SPD-Anhängern: Mit Ausnahme der SPD-Bastion der Gewerkschaften sind sie in allen Teileliten mehr oder weniger stark unterrepräsentiert. CDU/CSU-Anhänger dominieren im relativ unbedeutenden Militär, aber auch in der mächtigen Wirtschaftselite; und nach 16 Jahren CDU/CSU-FDP-Regierung waren sie Mitte der 1990er-Jahre auch in der einflussreichen Verwaltungselite überproportional vertreten. Die Grünen konnten ihren Erfolg in der Wählergunst auf die Eliten übertragen: Der Anteil ihrer Anhängerschaft unter diesen entspricht in etwa dem Umfang ihres Wählerpotenzials.
Herkunft und Ausbildung
Die deutschen Machteliten sind weder eine in sich geschlossene Kaste, noch ein einigermaßen repräsentatives Spiegelbild der Gesamtbevölkerung. Nur wenige Führungspositionen wurden und werden vererbt, die Eliten sind im Wesentlichen Aufsteigereliten. Allerdings wird das Vordringen ganz nach oben um so schwieriger, je tiefer die Herkunftsgruppe in der Schichtungshierarchie angesiedelt ist. 1995 stammte ein Drittel der Inhaber von Elitepositionen aus dem kleinen Kreis der gesellschaftlichen Führungsgruppen (Unternehmer mit mehr als zehn Mitarbeitern, höhere Beamte, Angestellte in Spitzenpositionen), die nur sechs Prozent der vergleichbaren Gruppe aus der Gesamtbevölkerung ausmachen.
An der Dominanz der oberen Schichten, die bereits für die Eliten der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit kennzeichnend war, hat sich nur wenig verändert. Die Kulturelite, aber auch die Parteielite der FDP und die Wirtschaftselite rekrutieren sich besonders häufig aus diesen Spitzengruppen. Weitere 49 Prozent stammen aus der oberen Mitte bzw. der Mitte der Gesellschaft. Dabei sind die gehobenen und mittleren Dienstleistungsschichten deutlich überproportional, der Mittelstand der Selbstständigen unterproportional vertreten. Der Arbeiterschaft ist der Zugang zur Spitze zwar nicht verschlossen, aber sie ist krass unterrepräsentiert. Arbeiter machen 41 Prozent der Vergleichsgruppe aus, besetzen aber nur zehn Prozent der Führungspositionen.
Eine Gegenüberstellung der sozialen Herkunft der Eliten von 1981 und 1995 fördert eine geringfügige Öffnung zur Mitte und nach unten zutage, wenn man gleichzeitig die Verschiebungen im Sozialprofil der Vergleichsgruppe beachtet. Obwohl der Umfang der gesellschaftlichen Führungsgruppen deutlich zugenommen hat, sind sie unter den Eliten etwas schwächer vertreten. Genau umgekehrt vollzieht sich die Entwicklung bei der Arbeiterschaft. Sie ist zwar kleiner geworden, hat aber ihren Anteil unter den Eliten minimal ausbauen können.
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Quellentext
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Abgeschlossene Eliten [...] Es gibt allerdings noch einen weiteren Faktor, der die Chancen für den Nachwuchs der breiten Bevölkerung ganz entscheidend bestimmt. Da es die Bürgerkinder in erster Linie dorthin zieht, wo ein Maximum an Macht und Einkommen winken, in die Chefetagen der Wirtschaft nämlich, entschärft sich zwangsläufig die Konkurrenzsituation in den anderen Bereichen. Das gilt jedoch nur so lange, wie die Toppositionen in den großen Unternehmen in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen. Wenn es hier zu einem spürbaren Rückgang kommt, orientieren sich die Bürgerkinder um, gewinnen die anderen Bereiche für sie an Attraktivität. Damit aber verschärft sich die Konkurrenz dort sofort in erheblichem Umfang.
Ein Vergleich der Promotionsjahrgänge von 1965 und 1975 zeigt das sehr deutlich. Die Absolventen des Jahrgangs 1965 trafen auf außergewöhnlich günstige Bedingungen, weil nicht nur die Wirtschaft durch ihren Boom Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ausgesprochen gute Aufstiegschancen bot, sondern die Ausweitung des öffentlichen Dienstes und vor allem der Ausbau des Hochschulsystems in Justiz und Wissenschaft zeitgleich ebenfalls hervorragende Karrieremöglichkeiten eröffneten. Die Kohorte von 1975 dagegen musste sich mit besonders widrigen Verhältnissen abfinden. Das Wirtschaftswunder war unwiederbringlich vorbei und die Besetzungswelle an den deutschen Hochschulen im Auslaufen begriffen. Die Zahl der frei werdenden oder gar neu geschaffenen Toppositionen war dementsprechend gering. Einzig die Justiz war davon (zumindest teilweise) ausgenommen.
Die Sprösslinge des gehobenen und vor allem die des Großbürgertums haben auf die gravierend veränderte Situation sofort reagiert. Den Verlust an Toppositionen in den großen Unternehmen haben sie durch einen Wechsel in andere Bereiche zu kompensieren versucht. Dem Nachwuchs des Großbürgertums ist das durch starke Zuwächse an den Hochschulen und in der Justiz problemlos gelungen, den Promovierten aus dem gehobenen Bürgertum zumindest zum größten Teil; sie mussten zwar an den Hochschulen leichte Einbußen hinnehmen, haben aber in der Justiz dafür massiv an Boden gewonnen. Die Promovierten aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten sind dagegen die eindeutigen Verlierer der Entwicklung. Verglichen mit der Kohorte von 1965 haben nur noch halb so viele eine Spitzenkarriere in der Wirtschaft oder an den Hochschulen gemacht. Der leichte Zugewinn in der Justiz fällt dagegen kaum ins Gewicht.
Grundsätzlich gilt: Je weiter es in der Karriereleiter nach oben geht, um so dünner wird die Luft für alle diejenigen, die nicht aus dem Bürgertum stammen. Liegt die Wahrscheinlichkeit, die erste Führungsebene in einem großen Unternehmen zu erreichen, für Großbürgerkinder schon doppelt so hoch wie für Promovierte aus der breiten Bevölkerung, steigt die Differenz bei den Spitzenunternehmen auf das Dreifache. Stammt noch fast jeder zweite der promovierten Juristen, die es in die höhere Justiz, das heißt an ein Oberlandesgericht oder an die Spitze eines Landgerichts, geschafft haben, aus der "Normalbevölkerung", so trifft das bei den beiden (nach dem Bundesverfassungsgericht) wichtigsten Bundesgerichten, dem Bundesgerichtshof und dem Bundesverwaltungsgericht, nur noch auf einen von acht zu. Die Sprösslinge des Großbürgertums, für die die Justiz nicht einmal die erste Adresse ist, stellen dagegen drei von acht. Nimmt man die anderen Bundesgerichte hinzu, so ist fast jeder dritte promovierte Jurist mit großbürgerlichem Elternhaus Bundesrichter geworden, aber nur jeder fünfzigste aus der "Normalbevölkerung".
Die höher die Position und je mehr Macht mit ihr verbunden ist, um so enger wird also der Spielraum für die sozialen Aufsteiger. Die Macht in dieser Gesellschaft teilt das Bürgertum und vor allem das Großbürgertum nur ungern. Es gibt auch in Deutschland eine herrschende Klasse, so wie sie Anthony Giddens vor 30 Jahren in einer Untersuchung über die britischen Eliten definiert hat. [...]
Michael Hartmann, "Und immer wieder der, Stallgeruch'", in: Frankfurter Rundschau vom 28. Januar 2003.
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Zwischen 1981 und 1995 hat sich an der sozialen Auslese beim Aufstieg in die Eliten insgesamt so gut wie nichts verändert. Bei einigen Teileliten - insbesondere bei den Parteieliten - lassen sich dagegen durchaus interessante Verschiebungen in der sozialen Rekrutierung beobachten.
Die Gewerkschaften sind mit Abstand weiterhin der wichtigste Aufstiegskanal für Kinder aus Familien von Arbeitern und aus der gesellschaftlichen Mitte. Nur neun Prozent der Gewerkschaftsführer stammen aus den Führungsgruppen, aber fast die Hälfte aus der Arbeiterschaft und Arbeiterelite (Meister, Poliere). Bei den beiden großen "Volksparteien" CDU/CSU und SPD hat sich dagegen der Zugang aus der Mitte und von unten in Führungspositionen deutlich erschwert. Der Anteil der Arbeiterkinder an der SPD-Elite hat sich von 31 Prozent im Jahre 1981 auf 16 Prozent im Jahr 1995 halbiert, die SPD-Führung rekrutiert sich inzwischen mit 33 Prozent sogar etwas häufiger aus den gesellschaftlichen Führungsgruppen als die CDU/CSU-Elite mit 30 Prozent. Die Führungen von Bündnis 90/Die Grünen und mehr noch die der PDS sind sozial offener als diejenigen der beiden großen Parteien. Die FDP-Elite - 1981 von ausgeprägt großbürgerlichem Zuschnitt - hat sich etwas geöffnet. Erwähnenswert ist des Weiteren, dass sich die Aufstiegsmöglichkeiten für Arbeiterkinder in einigen Bereichen außerhalb der Politik etwas verbessert haben - in die militärische Elite, in die Medienelite und auch in die Wirtschaftselite.
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Die wichtigste Ursache dafür, dass so wenige Angehörige aus den unteren Schichten in die Entscheidungszentren der Gesellschaft vordringen können, liegt an den schichttypisch ungleichen Bildungskarrieren.
Der Weg an die Spitze führt in der Regel über die Universität. Immer seltener gelingt Menschen ohne Hochschulabschluss ein Aufstieg in die obersten Führungspositionen: 1968 waren es noch 40 Prozent, 1981 noch 31 Prozent und 1995 nur noch 23 Prozent der Elitenangehörigen. Für Frauen ist der Aufstieg in die Machteliten ähnlich schwierig wie für Angehörige der unteren Schichten - wenn auch aus anderen Gründen.
Der Frauenanteil ist zwischen 1981 und 1995 von 3,4 Prozent auf 12,5 Prozent gestiegen, wobei die politischen Eliten - und dort wiederum insbesondere die Neulinge im Parteiensystem, Bündnis 90/Die Grünen und die PDS - besonders hohe Zuwächse bzw. Anteile verzeichnen. Vor allem den ostdeutschen Frauen, für die in der DDR der Zugang zum Zentrum der Macht verriegelt war, wurden durch die Vereinigung die Türen zu einigen Teileliten quasi über Nacht aufgestoßen. Mit 30 Prozent ist der Frauenanteil bei der neuen Ostelite fast dreimal so hoch wie bei der Westelite mit elf Prozent. |
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10. Februar 2012
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Zahlen und Fakten |
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