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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 26/2004)

Mittendrin statt nur dabei?


Zur Entwicklungsdynamik von Fußball, Medien und Kommerz
Dirk Schindelbeck
Inhalt

"Begeisterung für eine edle Sache ..."

"Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch!"

"Ich trinke J., weil..."

Toni Schumacher und das Entertainment

Profifußball und Weihnachten

Fußballclub als Unterhaltungskonzern

"Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch!"
Anfang der sechziger Jahre hatte sich die Schere zwischen dem, was für einen talentierten Fußballspieler hierzulande und im Ausland zu verdienen war, so weit aufgetan, dass Taschengeld und gute Worte nicht mehr ausreichten, die Leistungsträger zu halten: Bauplätze oder wenigstens zinslose Darlehen für Eigenheime neben beträchtlichen Geldzuwendungen "unter dem Tisch" waren bei den reichen Vereinen längst übliche Praxis geworden. Inzwischen empfanden es die besten unter Deutschlands Fußballern wie Karl-Heinz Schnellinger, Sportler des Jahres 1962, oder Helmut Haller, auch nicht mehr als ehrenrührig, ihr Geld in Italien zu verdienen. Selbst dem großen Fritz Walter war inzwischen schmerzlich bewusst geworden, welche Chancen er sich hatte entgehen lassen. Nicht ohne Neid gestand er einem Stern-Journalisten 1961: "Wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte ich 1952 von Atletico Madrid die 250 000 DM genommen und wäre Berufsspieler geworden."[6] Doch es musste wohl erst zu dem Debakel bei der WM 1962 in Chile kommen, ehe sich der DFB zur überfälligen Strukturreform im deutschen Vereinsfußball durchrang und die Einführung einer bundesweiten Eliteliga beschloss.

Gleichwohl gab es auch im Spielerlager Stimmen, die dem hergebrachten Amateurstatus nachtrauerten wie etwa Jürgen Werner vom Hamburger SV: "Und wenn es in den nächsten Jahren 300 000 DM wären, das ist mir die Sache nicht wert."[7] Werner stieß sich vor allem an den in Zukunft unterschiedlichen Gehältern innerhalb der Mannschaften. Damit werde "das Gleichheitsprinzip durchbrochen", von nun an sei jeder nur noch des anderen "Nebenbuhler, nicht Kamerad". Natürlich fiel dem angehenden Studienrat mit den Fächern Latein und Sport diese Argumentation leicht. Im Gegensatz zu vielen seiner Mitspieler, die fortan ausschließlich auf ihr fußballerisches Talent setzten und deswegen in ihren entscheidenden Jahren kaum zu einer qualifizierten Berufsausbildung kommen konnten, ging er von einem fertigen Lebensplan für die Zeit "danach" aus. Dennoch sollte es nach der Entscheidung zur Profiliga im Juli 1962 noch ein ganzes Jahr dauern, ehe am 24. August 1963 knapp 300 000 Zuschauer die ersten acht Begegnungen sehen und die sich nun jeden Samstag einstellende "Endspielstimmung" genießen konnten.

Aus heutiger Sicht bedeuteten die nun geltenden neuen Statuten freilich nur den ersten - wenn auch entscheidenden - Schritt zum Profisystem. Von nun an waren die Spieler Angestellte ihrer Vereine mit festen Einkommen: "Die Gesamtbruttobezüge eines Spielers - zusammengesetzt aus Grundgehalt und Leistungsprämien - dürfen den Betrag von monatlich 1 200 DM nicht übersteigen." Nur "besonders wertvollen Spielern" wurde in Ausnahmefällen mehr gestattet. Trotz der Verdreifachung ihrer Bezüge vom einen auf den anderen Tag war auch dieser Rahmen eher eng bemessen. Schon für einen durchschnittlich guten Spieler wie den Essener Horst Trimborn, der in seinem Zivilberuf als Buchhalter 1 000 DM und bislang zusätzlich 400 DM als Vertragsamateur erhalten hatte, waren die jetzt maximal "erlaubten" 1 200 DM eine deutliche Verschlechterung. Und so sorgte auch in der Folgezeit immer wieder das (noch zu wenige) Geld für Affären und Skandale - am offensichtlichsten im großen Bundesliga-Skandal der Saison 1970/71, als sich herausstellte, dass der Abstieg bestimmter Vereine gegen Zahlung von Schmiergeldern manipuliert worden war.[8]

"Besonders wertvollen Spielern" wie dem ebenso erfolgreichen wie populären Ausnahmestürmer des HSV und der deutschen Nationalmannschaft Uwe Seeler war auch mit dem neuen System nicht gedient. Um ihn zu halten, mussten Konstruktionen jenseits des Spielfelds geschaffen werden. So war "Uns Uwe" der erste, der sein "eigentliches" Geld schon 1961 außerhalb des grünen Rasens verdiente: als Generalvertreter im norddeutschen Raum in Diensten des Sportschuhherstellers Adidas. Wie kein anderer markiert er damit die Übergangssituation im bundesdeutschen Fußball. Erst die Generation nach ihm, die der Beckenbauers, Netzers und Overaths, hatte über ihre Popularität die Chance, an die (ganz) großen Werbeeinnahmen zu kommen - um den Preis freilich einer stets wachsenden Entfremdung von den Fans. Die ersten Werbeauftritte mit Fußballern gerieten aber noch hausbacken, wie die Fernsehspots mit Lothar Emmerich und Siegfried Held von Borussia Dortmund zeigten, die schon kurz nach dem Gewinn des Europapokals 1966 artig ihre Suppe ("Kraft in den Teller - Knorr auf den Tisch!") löffelten. Noch schien es zu dieser Zeit kaum vorstellbar, die Popularität der Ballartisten auch für dem Sport eher fern stehende Produkte wie Klebstoffe, Autositze oder Versicherungen einzusetzen, was seit Mitte der achtziger Jahre kein Thema mehr ist.
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10. Februar 2012
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Sport und Politik/Gesellschaft
Editorial
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