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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 26/2004)

Mittendrin statt nur dabei?


Zur Entwicklungsdynamik von Fußball, Medien und Kommerz
Dirk Schindelbeck
Inhalt

"Begeisterung für eine edle Sache ..."

"Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch!"

"Ich trinke J., weil..."

Toni Schumacher und das Entertainment

Profifußball und Weihnachten

Fußballclub als Unterhaltungskonzern

Fußballclub als Unterhaltungskonzern
Nach der ebenso atemberaubenden wie überhitzten Entwicklung der Geldmaschine Profifußball in den neunziger Jahren scheint heute eher Nachdenklichkeit angezeigt - nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe, dem Börsenfiasko von Borussia Dortmund und der Rückkehr der Fußball-Grundversorgung zu den öffentlich-rechtlichen Sendeformaten. Auch der Möllemann'sche Traum vom Fußball als Zeremonienmeister auch anderer Unterhaltungs-"Contents" scheint deutlich relativiert. Sicherlich sind und bleiben Fußball und (TV-) Medien nach wie vor aufeinander angewiesen, schon weil sie - in einer geradezu symbiotischen Wechselbeziehung stehend - voneinander profitieren wie keine andere Sportart, welche die Massen erreicht. Es scheint allerdings, dass die Karten zur Zeit neu gemischt werden. Bei fast jedem Spieler-Interview ist diese Unsicherheit inzwischen auszumachen, deutlich wahrzunehmen an der seit etwa zwei Jahren festzustellenden Tendenz der Aktiven (Trainer wie Spieler) zur indignierten Zurückweisung der stereotypen Reporterfrage: "Welche Erklärung haben Sie für Ihr schlechtes Spiel?"

Noch scheinen viele der Aktiven nicht begriffen zu haben, dass nicht sie, welche die Leistung bringen, das "Produkt" Fußball machen, sondern diejenigen, die ihre Leistung transportieren, kommentieren und einordnen. Die Musterfälle Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann sollten Lehre genug sein. Seinerzeit bloße Zuarbeiter der Fußball-Shows der neunziger Jahre, sind sie über lange Zeiträume auf dem Bildschirm präsent geblieben und inzwischen zu Mediengrößen mit eigenen Talksshows aufgestiegen, wohingegen viele der einst von ihnen interviewten Rasen-Helden heute der Vergessenheit anheim gefallen sind.

Selbst Heißsporn Uli Hoeneß, vor noch nicht allzu langer Zeit ein würdiger Ekel-Alfred-Nachfahr, scheint diese Lektion in Sachen Medien inzwischen gelernt zu haben, gibt sich locker und moderat. Schon mittelfristig - das weiß nicht nur er - sitzen die Medien am längeren Hebel. Ein Spieler, der sich ihnen gegenüber durch unpassende oder gar pampige Äußerungen (z.B. Lothar Matthäus) geoutet hat, wird in Zukunft wenig Chancen haben, nach seiner Karriere als Aktiver zum gefragten "Studio-Experten" aufzusteigen. Für einen solchen Profi bedeutetet der Tag seines Abschieds vom Fußball zwangsläufig auch das Ende seiner Medienkarriere.

Insofern gilt, was Toni Schumacher 1987 schrieb - man müsse als Profi in seiner aktiven Zeit so viel Geld auf der "hohen Kante" haben, dass man für den Rest seiner irdischen Tage ausgesorgt habe[25] - nur noch eingeschränkt. Längst ist eine andere Strategie für die reiferen Jahre eines Ex-Fußball-Profis angesagt, wofür einmal mehr die Lichtgestalt des deutschen Fußball als Beleg herhalten mag. Was die geniale Nummer 5 in ihrer aktiven Zeit an Geldern einstrich, erscheint - angesichts der derzeitigen Werbeverträge Beckenbauers - geradezu lächerlich. Die Medien - und nur sie - sind es, die solche Chancen eröffnen. Zum Beispiel: Selbst der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, Reiner Calmund, ist, ohne in seiner Person auch nur einen Hauch von Sportlichkeit vermitteln zu können, von der Sportbühne im Augenblick nicht wegzudenken. Längst hat ihn die Werbewirtschaft als Sympathieträger entdeckt. "Leibesfülle plus rheinischer Mutterwitz", um sein Markenzeichen zu charakterisieren, reichen völlig aus, souverän und auf gleicher Augenhöhe mit den Waschbrettbäuchen 20-jähriger Jungnationalspieler mithalten zu können.

Vielleicht sollte man es mit Walter Jens halten, der angesichts dieses immer noch tolldreisten Spektakels nur noch eins, nämlich Bodenhaftung, sucht: "Ein Stadionbesuch ist ab und zu wichtig, um den Fernseheindruck zu relativieren." Auf seine Art pflichtete ihm unlängst sogar Felix Magath bei: "Wir haben in den letzten zwanzig Jahren zu viel an das Geld und zu wenig an den Fußball gedacht!"[26]
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10. Februar 2012
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Sport und Politik/Gesellschaft
Editorial
Was symbolisiert das "Wunder von Bern"?
Fußball als globales Phänomen
Mittendrin statt nur dabei?
Hochleistungssport im internationalen Vergleich
Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung von Frauen
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Aus Politik und Zeitgeschichte
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