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Informationen zur politischen Bildung (Heft 277)

Türkische Minderheit in Deutschland


Faruk Şen
Inhalt

Einleitung

Erste Arbeitsmigration

Integrationsbemühungen

Veränderungen in der Sozialstruktur

Alltagsleben

Parallelgesellschaften?

Türkische Unternehmen

"Integrationsbilanz"

Veränderungen in der Sozialstruktur
Mit Blick auf die Veränderung der soziodemographischen und sozioökonomischen Struktur bleibt das Jahr 1973 der wichtigste Einschnitt in der Geschichte der türkischen Migration nach Deutschland. Denn mit Anwerbestopp und Familiennachzug veränderte sich die Sozialstruktur der türkischen Migranten gravierend. Kamen zu Beginn der türkischen Zuwanderung fast ausschließlich erwerbstätige Männer in die Bundesrepublik, sind inzwischen nur noch ein Viertel der türkischstämmigen Menschen als „Gastarbeiter” nach Deutschland gekommen: 53 Prozent wanderten im Zuge der Familienzusammenführung ein, und 17 Prozent der erwachsenen Türkinnen und Türken sind bereits hier geboren.

Mehr als die Hälfte der Erwachsenen lebt bereits länger als 20 Jahre hier. Von den circa zwei Millionen türkischen Staatsangehörigen sind etwa 800000 jünger als 21 Jahre, weitere 445000 sind zwischen 21 und 30 Jahre alt. Damit stellen die jungen Migranten 60 Prozent der türkischen Gesellschaft in der Bundesrepublik. Der Bevölkerungsanteil der ausländischen Jugendlichen beträgt in der Altersgruppe zwischen 15 und 18 Jahren zehn Prozent. Die Hälfte der jungen türkischen Minderheit ist in Deutschland geboren oder hier aufgewachsen. Knapp drei Viertel der 18- bis 25-jährigen haben mindestens die weiterführende Schule in Deutschland besucht.

Ethnische Vielfalt

Bis 1973 wurden „die Türken” in Deutschland als eine homogene Gruppe wahrgenommen. Die Differenziertheit türkischen Lebens in Deutschland dringt erst langsam und verspätet ins Bewusstsein der deutschen Gesellschaft. Auch die schon von Beginn an bestehenden ethnischen und religiösen Unterschiede unter den seit 1961 Eingewanderten sind kaum bekannt.

Neben Türken (im Sinne der ethnischen Zugehörigkeit) sind in großer Zahl Kurden, aber auch Angehörige fast aller anderen in der Türkei lebenden ethnischen und religiösen Gruppen in die Bundesrepublik gekommen. Dazu zählen die Aseris, die in Deutschland eine recht große Gruppe bilden, sowie in kleinerer Zahl Krimtataren, Kasachen und Uiguren.

Genaue Zahlenangaben zur Bevölkerungsgröße dieser Gruppen gibt es nicht, da eine statistische Erfassung nach ethnischer Zugehörigkeit in Deutschland nicht stattfindet. Auf das Vorhandensein und die ungefähre Größe der Gruppen lässt sich in erster Linie aus der Existenz entsprechender Selbstorganisationen schließen.

Die Gründung eigener Vereine zeigt, dass ethnische, kulturelle, religiöse oder konfessionelle Bezüge eine Rolle spielen. Durch die Selbstorganisationen sollen die Eigenarten erhalten und gepflegt werden. In einzelnen Fällen ist hiermit auch eine politische Orientierung verbunden, wie bei einem Teil der kurdischstämmigen Migrantinnen und Migranten aus der Türkei. Aufgrund politischer Aktivitäten kam es in Deutschland zeitweilig zu Spannungen zwischen kurdischstämmigen und anderen Zuwanderergruppen.

Die Kurden sind nach den Türken die zweitstärkste ethnische Gruppe aus der Türkei, stammen aber auch aus dem Iran, Irak, Syrien und dem Libanon. Ihre Gesamtzahl wird von den kurdischen Organisationen auf 400000 bis 500000 geschätzt, wobei etwa 90 Prozent aus der Türkei kommen sollen. Die Zahl der kurdischen Asylsuchenden und -berechtigten dürfte 30000 bis 40000 betragen.

Auch hinsichtlich der Religion sind die Zuwanderer aus der Türkei nie eine homogene Gruppe gewesen. Geschätzte 98 Prozent bekennen sich zum Islam, davon gehört die Mehrheit der sunnitischen Glaubensrichtung an. Nahezu ein Drittel zählt sich zu den Aleviten, die sich hinsichtlich Lebensweise und Religionsausübung beträchtlich von den Sunniten unterscheiden. Insgesamt leben in der Bundesrepublik Deutschland Angehörige von 47 unterschiedlichen ethnischen bzw. religiösen oder konfessionellen Gruppen aus der Türkei.
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10. Februar 2012
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