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Informationen zur politischen Bildung (Heft 277)

Türkische Minderheit in Deutschland


Faruk Şen
Inhalt

Einleitung

Erste Arbeitsmigration

Integrationsbemühungen

Veränderungen in der Sozialstruktur

Alltagsleben

Parallelgesellschaften?

Türkische Unternehmen

"Integrationsbilanz"

Alltagsleben
Durch den Familiennachzug wurde die deutsche Gesellschaft mit einem für sie neuen Phänomen konfrontiert. Sie musste plötzlich feststellen, dass die sozialen Folgen der Migration bisher nicht berücksichtigt worden waren. Schulen, Kindergärten und Behörden sowie das Gesundheitssystem waren auf die neue Bevölkerungsgruppe nicht eingestellt und sind es zum Teil bis heute nicht.

Erst mit dem inzwischen mehr oder weniger expliziten Bekenntnis zur Einwanderungsrealität im Zuge der Diskussion um die gesetzliche Regelung von Zuwanderung in den Jahren 2000/2001 scheint eine pragmatische Debatte um die Notwendigkeiten für ein Zusammenleben der unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Deutschland möglich geworden zu sein.

Unterdessen hat sich der Handlungsbedarf in manchen Bereichen vergrößert. Zu einem drängenden Problem hat sich besonders die Versorgung der älteren muslimischen Migrantinnen und Migranten im System der deutschen Altenhilfe entwickelt. Ein Blick auf die hier entstehenden Probleme illustriert, wie Migration Gesellschaft verändert und wie sich Herausforderungen ergeben, die bei der zunächst von wirtschaftlichen Interessen geleiteten Anwerbung von Arbeitskräften nicht kalkuliert waren.

Erste Generation im Rentenalter

Türkische Migranten stellen spezifische Anforderungen an ihre Versorgung im Alter, die in den mitunter noch immer vorhandenen kulturellen und sozialen Unterschieden zur deutschen Gesellschaft begründet liegen. Die Tatsache, dass die Einrichtungen der Altenversorgung auf diese Bedürfnisse bis dato mit wenigen Ausnahmen nicht eingerichtet sind, hat nicht zuletzt mit dem lange verteidigten deutschen Selbstverständnis zu tun, keine Einwanderungsgesellschaft zu sein - obwohl inzwischen über sieben Millionen Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland leben.

Die Rückkehrneigung ist in der Gruppe der Älteren deutlich ausgeprägter als in der zweiten und dritten Generation. Allerdings sind selbst unter den über 60-jährigen die Rückkehrwilligen in der Minderheit. Im Jahr 1999 prognostizierte das Zentrum für Türkeistudien einen Anstieg der ausländischen Bevölkerung über 60 Jahre von rund 500000 auf circa 2,8 Millionen im Jahr 2030. Der Anteil der alten Menschen an der ausländischen Bevölkerung steigt demnach von 6,8 Prozent im Jahre 1997 auf 24,1 Prozent 2030, und ist damit in dieser Bevölkerungsgruppe nicht so hoch wie unter den Deutschen (1997 22,5 Prozent; 2030: 36,2 Prozent). Der Überalterungsprozess ist aber ungleich dynamischer.

Die ab 1961 angeworbenen türkischen Arbeitskräfte erreichen jetzt langsam das Rentenalter. Sie stellen zugleich die Gruppe, die insbesondere aufgrund des muslimischen Glaubens von den Deutschen als die „fremdeste” unter den Arbeitsmigranten empfunden wird. Ihre Integration in das System der deutschen Altenversorgung wird daher auch größere Probleme als die der übrigen südeuropäischen Zugewanderten bereiten.

Für die türkischstämmigen Menschen sind die Rückkehrschranken in der Regel höher als für Spanier oder Italiener, für die schon aus infrastruktureller und aufenthaltsrechtlicher Sicht das Pendeln zwischen dem Altersruhesitz im Herkunftsland und der Familie in Deutschland eher ein gangbarer Weg sein kann. Sie haben jederzeit die Möglichkeit innerhalb der EU den Standort zu verlagern. Migrantinnen und Migranten aus der Türkei, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, laufen dagegen Gefahr, ihren Aufenthaltsstatus und somit die Option zu verlieren, den Wohnort im Alter erneut nach Deutschland zu verlegen.

Die Kommunen und die Altenhilfeträger stehen vor einer Reihe von neuen Aufgaben. Die Versorgung älterer Migranten stellt sich insbesondere in den Zentren der Groß- und Mittelstädte, in denen rund zwei Drittel der über 60-jährigen Migranten leben. Angebote der Altenversorgung und -betreuung, die sich gezielt an diese Gruppen richten, ließen sich durch die Ausbildung und den Einsatz einer überschaubaren Zahl interkulturell geschulten Personals gewährleisten. Dies betrifft beispielsweise die Schaffung von freien Plätzen in Alters- und Pflegeheimen, wofür entsprechendes Personal erforderlich ist. Auch private Pflegedienste werden in Zukunft in größerer Zahl interkulturell kompetentes Personal benötigen, das entsprechend ausgebildet werden muss.

Aus der spezifischen räumlichen Verteilung ergeben sich sowohl besondere Belastungen, als auch einige tendenziell günstige Lebensumstände: Zwar muss in den Kernstädten mit höheren Mieten, wenig Wohnraum und relativ großer ökologischer Belastung gerechnet werden - dafür sind aber die Verkehrsanbindungen günstig, es bestehen gute Chancen, sich in ethnische Selbstorganisationen zu integrieren, aber auch Zugang zu deutschen Angeboten der Altenarbeit zu finden.

Neben den Unterschieden betrifft die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung deutsche und zugewanderte Menschen in gleichem Maße: immer früheres Berufsaustrittsalter, Erhöhung der Lebenserwartung, räumliche und familiäre Ausgrenzung Pflegebedürftiger sowie die Professionalisierung von Pflege, eine zunehmende Zahl von Single-Haushalten, die rasche Verfallszeit von Wissen und die gesellschaftliche Diskriminierung Älterer.

Viele Zugewanderte unterliegen diesen Bedingungen sogar noch in verschärfter Form, da sie aufgrund gesundheitlicher Belastungen im Arbeitsleben oftmals früher aus ihrem Beruf ausscheiden als ihre deutschen Mitbürger. 1999 bezogen nach Auskunft der Rentenversicherungsträger beispielsweise 34 Prozent der türkischen Rentenempfänger ihre Rente aufgrund verminderter Erwerbsfähigkeit, bei den deutschen Rentnerinnen und Rentnern lag der Anteil bei 8,8 Prozent. Die vermeintlich intakteren Familienstrukturen von Zugewanderten sind indessen immer weniger geeignet, die älteren Menschen aufzufangen. Einerseits unterliegen die Familientraditionen auch unter Zugewanderten einer Erosion, andererseits werden viele Vorteile der verbleibenden Familienstrukturen durch die vergleichsweise schwierige finanzielle Situation der Zuwandererfamilien konterkariert.

Trotz vergleichbarer Betroffenheit haben die Entwicklungsaufgaben der Altenhilfe selbst - unter anderem die Kompensation und Erhaltung von Kompetenzen zur selbstständigen Lebensführung, die Akzeptanz von Kompetenzverlusten, die Bildung von Interessen- und Solidargemeinschaften, die Definition neuer Lebensaufgaben - für Deutsche und Zugewanderte oft unterschiedliche Bedeutung.

In der Gesundheitsvorsorge ist eine andere Herangehensweise insbesondere an ältere Musliminnen und Muslime notwendig. Da Gebrechlichkeit als Alterserscheinung von ihnen eher akzeptiert wird, messen sie der Gesundheitsvorsorge oftmals einen geringen Stellenwert zu. Krankheiten werden allgemein ganzheitlicher verstanden, was die Kommunikation mit deutschen Schulmedizinern erschwert.

Auch das muslimische Selbstverständnis stellt an das Pflegepersonal, das mit älteren Zugewanderten arbeitet, besondere Ansprüche. Kulturelle Sensibilität ist schon bei der alltäglichen Betreuung notwendig - vom Speisenangebot über das Verhalten der Pflegekräfte beim Betreten eines von einem Muslimen bewohnten Zimmers bis hin zu den Sprachkenntnissen der Pflege- und Betreuungskräfte.
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18. März 2010
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