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Informationen zur politischen Bildung (Heft 277)
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Türkische Minderheit in Deutschland |

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Faruk Şen
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Die Art und Weise, wie Deutsche und Zuwanderer inzwischen miteinander leben, wird unterschiedlich bewertet. In der politischen Debatte macht seit einiger Zeit das Schlagwort der „Parallelgesellschaften” die Runde, oftmals verknüpft mit der implizit oder explizit geäußerten Sorge um die Radikalisierung der muslimischen Zuwanderer.
Tatsächlich bilden sich bei der türkischen Minderheit, wie auch teilweise bei den anderen Zuwanderergruppen, immer weiter gehende ethnische Infrastrukturen. In Berlin und in den großen Städten des Rhein-Ruhr-Gebietes können vom Einkauf über den Friseurbesuch bis zur Mitgliedschaft in einer Fußballmannschaft alle Alltagsbeschäftigungen heute weitgehend innerhalb der türkischen Gemeinschaft erledigt werden. Mit der Dauer des Aufenthalts entwickelten sich Organisationsstrukturen weiter und etablierten sich mit der Zeit immer mehr Angebote in unterschiedlichen Lebensbereichen.
Besonders erfolgreich sind sie dort, wo Angebote entweder gar nicht bestanden oder die Integration in Strukturen der deutschen Gesellschaft als mangelhaft empfunden wurde. Diese ethnischen Selbstorganisationen können in einem eigendynamischen Prozess den Rückzug in die eigene Gruppe verstärken. Sie benötigen für den Erhalt und den Ausbau ihres Einflusses das ethnospezifische kulturelle Potenzial der türkischen Minderheit. Die Integration der Migranten würde dagegen mit den vitalen Eigeninteressen der ethnischen Selbstorganisationen kollidieren.
Die Abspaltung erfasst inzwischen auch gesellschaftliche Bereiche, denen traditionell ein großes Integrationspotenzial zugeschrieben wird. Das gilt insbesondere für die in Deutschland populärste Sportart Fußball. Hier offenbart sich der Rückzug in ethnische Nischen in der steigenden Anzahl eigenethnischer Mannschaften.
Die Gründe liegen in einem Gemisch sozialer und kultureller Ursachen: Das gilt zum Beispiel für die gemeinsame Freizeitgestaltung (Alkoholverbot für Muslime). Außerdem fühlen sich viele türkische Jugendliche schon im Jugendbereich deutscher Vereine bei der Mannschaftsaufstellung von den deutschen Trainern benachteiligt. Dies wiegt besonders schwer, da die Suche nach sozialer Anerkennung durch den Sport aufgrund mannigfaltiger anderer Benachteiligungen bei Zuwanderern weitaus ausgeprägter ist als bei Deutschen.
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Quellentext
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Ausgewählte türkische Organisationen in Deutschland
Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB)
Der mitgliederstärkste türkisch-islamische Einzelverband ist die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion” (Diyanet I.şleri Türk Islam Birliği, abgekürzt: DITIB). [...] Deren Zahl (Mitgliedsvereine - Anm. d. Red.) ist auf 780 angewachsen. Neben Moscheevereinen sind in der Union auch Elternpflegschaften und Sportvereine vertreten. Insgesamt zählt der Verband etwa 150000 Mitglieder. [...] Die [...] DITIB vertritt das türkische Modell des Laizismus [...]. Als Ableger des „Staatlichen Amtes für Religionsangelegenheiten” (Diyanet Işleri Başkanlığı - DIB) im Ausland koordiniert die Organisation die Betreuung der Mitgliedsvereine. [...] z.B. [...] die Versorgung der Moscheegemeinden mit Imamen, die vom Staatlichen Amt für Religionsangelegenheiten entsendet werden und ihr Gehalt vom türkischen Staat beziehen. [...]
Dem Selbstverständnis nach setzt sie sich für die Integration unter Wahrung der türkischen und muslimischen Identität ein. [...]
Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG)
Gemessen an der Zahl der angeschlossenen Moscheevereine, der Nebenorganisationen und Mitglieder bildet die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) den zweitgrößten Einzelverband türkischer Muslime in Deutschland. [...] Allein in Deutschland liegt die Zahl der Moscheegemeinden bei 274 [...].
Die IGMG begreift sich als Vereinigung, die ihre Mitglieder in religiösen, kulturellen und sozialen Belangen betreut. Hierzu gehört hauptsächlich die Arbeit der Moscheegemeinden, die in Form eigener Abteilungen (Frauen, Jugend [...]) oder Nebenorganisationen Aktivitäten und Angebote organisieren. [...] Die Imame sind in der Regel ausgebildete Theologen aus der Türkei, die von der Mitgliedsgemeinde durch Spenden sowie die Erträge aus angegliederten Gemischtwarenläden finanziert werden. Das theologische Personal wird teilweise in eigenen Einrichtungen geschult. [...]
Seit einigen Jahren wird die IGMG vom Verfassungsschutz beobachtet und in dessen jährlichen Berichten genannt, da sie als verfassungsfeindlich eingestuft wird.
Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)
Einer der ältesten Dachverbände türkischer Muslime in Deutschland ist der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ bzw. IMKB für Islam Kültür Merkezleri Birliği) mit Sitz in Köln. [...] Diesem sind bundesweit rund 300 Gemeinden angeschlossen. Der Verband nennt eine Mitgliederzahl von ca. 20000, die Anzahl der Gemeindemitglieder insgesamt wird für Deutschland mit ca. 100000 beziffert. [...]
In Deutschland gilt das Hauptaugenmerk des Verbandes der Wahrung der türkisch-islamischen Identität der Jugendlichen. Die Aktivitäten beschränken sich vornehmlich auf Korankurse und Unterricht in islamischem Recht, Ethik und Geistesgeschichte. [...]
Türk Federasyon
Die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Europa” (Avrupa Demokratik Ülkücü Türk Dernekleri Federasyonu), kurz Türk Federasyon genannt, gehört zu den Dachverbänden, die bereits in den siebziger Jahren gegründet wurden. Ihre Anhänger werden auch Ülkücüler (Idealisten) oder Bozkurtçular (Graue Wölfe) genannt. [...] Die Gründung der Türk Federasyon 1978 in Frankfurt/M. [...] ging auf eine Initiative des Führers der „Partei der Nationalistischen Bewegung” [...] zurück. [...] Rund 200 Mitgliedsvereine werden vom Verband selber angegeben, von denen die meisten als türkische Kultur- oder Idealistenvereine firmieren. die Zahl der Mitglieder [...] dürfte heute bei 5000-6000 liegen. [...]
Im Gegensatz zu den anderen Dachverbänden ist die Türk Federasyon weniger religiös, sondern eher nationalistisch-politisch ausgerichtet.
Türkisch-Islamische Union in Europa (ATIB)
Die ATIB (Avrupa Türk Islam Birliği) ist aus einer Abspaltung von der Türk Federasyon hervorgegangen. Den Hintergrund bildeten ideologische Differenzen, [...]. Der ATIB sind eigenen Angaben zufolge bundesweit circa 123 Vereine angeschlossen, und die Zahl der Mitglieder liegt bei 11500. Stärker als die Türk Federasyon orientiert sich der Verband an einer Verbindung zwischen türkischem Nationalismus und Islam [...]. Als Hauptzielsetzung wird die Bewahrung und Entwicklung der kulturellen Werte und ihre Weitergabe an die folgenden Generationen definiert. Die ATIB begreift sich als Interessenvertretung einer auf Dauer in Deutschland lebenden türkischen Minderheit [...].
Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu (AABF)
[...] Die offizielle Gründung der internationalen Vereinigung erfolgte im Jahre 1993 unter der Bezeichnung „Föderation der Aleviten-Gemeinden in Europa”. [...]
Der Föderation der Aleviten-Gemeinden in Deutschland gehören bundesweit 90 Vereine an [...].
Die AABF versteht sich als unabhängige, demokratische und dem Laizismus verpflichtete Interessenvertretung der Aleviten, in der nicht auf Unterschiede der Religion, Rasse, Sprache und nationale Herkunft geachtet wird. So sind im Verband nicht nur türkische, sondern auch kurdische Aleviten organisiert. [...]
Faruk Şen/Hayrettin Aydın, Islam in Deutschland, München 2002, S. 51 ff.
Rat der Türkeistämmigen Bürger (RTS)
1993 wurde der „Rat der Türkeistämmigen Bürger” (RTS) [...] als lose Vereinigung von 17 türkischen und deutsch-türkischen Mitgliedsverbänden mit circa 2000 Vereinen unterschiedlicher Orientierung ins Leben gerufen. Die RTS definiert ihr Ziel als „die Wahrung aller Belange der türkischen Staatsbürger in Deutschland und die Unterstützung und Koordinierung von Bemühungen verschiedener Vereine und Verbände” [...]. Allgemeine politische Forderungen der RTS sind zum Beispiel doppelte Staatsbürgerschaft, Bekämpfung der Fremdenfeindlichkeit und Schutz vor Übergriffen sowie Verbesserung der Situation türkischer Migranten und ihrer Nachkommen im sozialen, gesundheitlichen und im Bildungsbereich. [...]
Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD)
1995 erfolgte die Gründung der „Türkischen Gemeinde in Deutschland” (TGD), in der 15 Dachorganisationen [...] mit über 150 Vereinen zu einem Spitzenverband zusammengeschlossen sind. Die entsprechend der föderalen Strukturen der Bundesrepublik organisierte TGD versteht sich als parteipolitisch unabhängige Interessenvertretung der 2,3 Millionen Deutschland-Türken. Im Arbeitsprogramm werden rechtliche Gleichstellung und Gleichbehandlung, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit sowie soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bedürfnisse als vorrangige Tätigkeitsfelder bestimmt. Im Vergleich zum RTS tritt die TGD aber auch oftmals als Verfechter der Interessen der Türkei auf, wenn es um die deutsch-türkischen [...] Beziehungen geht. [...]
Kurdische Organisationen
Gemessen an der PKK (Partiya Karkeren Kurdistan, Arbeiterpartei Kurdistans) sind KOMKAR (Föderation der [Arbeiter-]Vereine aus Kurdistan in der BRD e.V.) und die Kurdische Gemeinde (Civata Kurd li Almanya) in Deutschland nahezu bedeutungslos. Die PKK wird als weitaus einflussreichste und anhängerstärkste Organisation und damit - zumindest im politisierten Teil der kurdischstämmigen Bevölkerung in Deutschland - als einzig wirksame Vertreterin kurdischer Interessen wahrgenommen.
Gemein ist den kurdischen Organisationen, dass sich ihre Aktivitäten zum einen auf die Mobilisierung der kurdischen Bevölkerungsgruppe in Deutschland richten und zum anderen auf die deutsche Politik und Öffentlichkeit, um so auf die staatlichen Stellen in der Türkei zur Lösung des Konfliktes Einfluss zu nehmen. In diesem Sinne arbeiten kurdische Organisationen in enger Kooperation, vor allem wenn es um die Frage der völkerrechtlichen Anerkennung der Kurden in Deutschland geht.
Canan Atilgan, Türkische politische Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland (Materialien für die Arbeit vor Ort
Nummer 9 der Konrad-Adenauer-Stiftung), Sankt Augustin 2002, S. 20 ff.
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Empfundene Ungleichbehandlung
Das Ausmaß der Ungleichbehandlung von Türken und Deutschen variiert je nach Lebensbereich, wobei die stärkste Diskriminierung im nicht-öffentlichen Sektor festzustellen ist. In einigen Bereichen wie Gastronomie, Polizei und Justiz konstatieren in den Umfragen des Zentrums für Türkeistudien zwischen 80 Prozent und 90 Prozent der Befragten keine Ungleichbehandlung. Im Umgang mit der deutschen Bevölkerung, beim Einkauf und in der Nachbarschaft, liegt der Anteil derer, die Diskriminierung erfahren, schon bei rund einem Viertel.
In den von sozio-ökonomischer Konkurrenz geprägten Bereichen sieht dies noch ungünstiger aus. Bei der Wohnungs- und Arbeitssuche sowie am Arbeits- bzw. Ausbildungsplatz, also in Bereichen mit Verteilungskonflikten aufgrund knapper Ressourcen, wird Ungleichbehandlung von den Betroffenen mehrfach und häufig beobachtet (zwischen 38 Prozent und 43 Prozent). Insgesamt haben ein Viertel aller Befragten bereits Ungleichbehandlung zwischen den beiden Volksgruppen erfahren, neun Prozent einmal und 17 Prozent auch schon mehrfach. Drei Vierteln der türkischen Migranten blieb dies bisher erspart.
Türkisch-deutsche Kontakte
Trotz dieser tendenziellen Ausgrenzung ist die These von den „Parallelgesellschaften” zu relativieren. Mehr als drei Viertel der türkischen Migranten haben nach Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien, die unter 1000 türkischstämmigen Zuwanderern in Nordrhein-Westfalen 1999 und 2000 durchgeführt wurden, Kontakte zu Deutschen, die über das gegenseitige Grüßen hinausgehen. Am häufigsten findet die Begegnung in der Nachbarschaft statt, dort stehen 81 Prozent in regelmäßiger Verbindung mit Deutschen. Auch am Arbeitsplatz haben 78 Prozent Kontakte zu deutschen Kollegen, und im Freundes- und Bekanntenkreis finden sich bei 75 Prozent der Befragten Deutsche. Ein Drittel der Migranten unterhält sogar familiäre bzw. nähere verwandtschaftliche Beziehungen zu Deutschen. Somit ist nicht nur der eher erzwungene Austausch am Arbeitsplatz stark ausgeprägt, sondern auch der weitgehend freiwillige Umgang in der Nachbarschaft und im Freundeskreis.
Schulische Bildung
Bildung unterstützt den Zugang der Migranten zur deutschen Gesellschaft und erleichtert den Erwerb grundlegend wichtiger Kenntnisse und Fertigkeiten, insbesondere das Erlernen der Sprache.
Die Chancen an Schulbildung, beruflicher Ausbildung und am Arbeitsmarkt sind für Migrantinnen und Migranten noch immer deutlich schlechter als für die Angehörigen der deutschen Gesellschaft. Dennoch hat sich das Schul- und Ausbildungsniveau der jungen Türkinnen und Türken im Vergleich zur ersten Generation der Arbeitsmigranten deutlich erhöht. Allerdings besteht ein gravierendes Problem: Auch die zweite und dritte Generation heterogenisiert sich mehr und mehr - eine Gruppe mit höherer Schul- und qualifizierter Berufsausbildung steht einer beträchtlichen Zahl gerade von Jugendlichen ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung gegenüber.
Im Schuljahr 1998/1999 besuchten rund 936700 ausländische Schülerinnen und Schüler deutsche Schulen, 408712 von ihnen waren türkischstämmige Kinder und Jugendliche, damit gingen 49 Prozent der Türken unter 21 Jahren zur Schule. 1995 betrug dieser Anteil noch 63 Prozent, zehn Jahre zuvor 86 Prozent, wobei die absoluten Schülerzahlen zwischen 1980 und 1999 leicht zugenommen haben, zugleich jedoch die Anzahl türkischer Jugendlicher in Deutschland enorm gestiegen ist.
Der Rückgang der Schülerzahlen deutet darauf hin, dass heute weniger ausländische Jugendliche bzw. ihre Familien den Wert höherer Schulbildung erkennen. Noch in den achtziger Jahren galt dies als wichtiges Erziehungsziel und einzige Möglichkeit, als Angehöriger der zweiten Migrantengeneration in der deutschen Gesellschaft sozial aufzusteigen. Ein Grund für diese Entwicklung liegt möglicherweise darin, dass zwar bei türkischen Familien der Wunsch vorhanden ist, dass die eigenen Kinder in der Schule und im Berufsleben Erfolg haben, sie jedoch befürchten, dass sich die Kinder ihnen durch den großen Einfluss der Bildungseinrichtungen kulturell entfremden.
Daneben bestehen weitere migrationsspezifische Probleme: Der Wert, der gerade im muslimischen Kulturkreis der Bildung traditionell beigemessen wird, verfällt in der zweiten und dritten Zuwanderergeneration angesichts der Verlockungen des schnellen Geldes, verdient mittels ungelernter Tätigkeiten. Die enormen Schwierigkeiten der türkischen Jugendlichen, auch mit höherer schulischer oder beruflicher Ausbildung auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, verstärken diese Entwicklung. Zwar hat sich die Qualität der Schulabschlüsse der ausländischen Jugendlichen bis 1993 leicht verbessert, doch hat sich der Trend zu qualifizierten Abschlüssen seit 1993 merklich verlangsamt und im Falle der Erlangung der Hochschulreife sogar umgekehrt.
1999 waren neun Prozent aller Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen Ausländer: An Grundschulen betrug ihr Anteil zwölf Prozent, an Hauptschulen 17 Prozent, an Realschulen sechs Prozent und an Gymnasien nur vier Prozent. Die Verteilung der ausländischen Schulabgänger belegt im Vergleich zu den deutschen deutlich schlechtere Voraussetzungen für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt: Rund 19 Prozent der ausländischen Jugendlichen verlassen die Schule ohne Abschluss. 42 Prozent erreichen den Hauptschulabschluss, 29 Prozent den Realschulabschluss und nur sieben Prozent erlangen die Hochschulreife. Von den deutschen Schulabgängern erreichen 26 Prozent die Hochschulreife, 25 Prozent einen Hauptschulabschluss und nur acht Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss.
Berufliche Integration
Auf die berufliche Bildung wirkte sich die Stagnation bei den Schulabschlüssen ausländischer Schülerinnen und Schüler noch stärker aus: Von 1995 bis 1998 sank ihre Ausbildungsquote von 41,1 auf 37,8 Prozent. Bei den deutschen Altersgenossen stieg diese Quote im selben Zeitraum hingegen leicht von 63,8 auf 65,9 Prozent. Mit dem Übergang von der Schule in den Ausbildungsbereich stellen sich für ausländische Jugendliche also noch besondere Probleme, die mit den relativ geringwertigen Schulabschlüssen zusammenhängen.
Der Blick auf die Gruppe der türkischen Auszubildenden ergibt folgende sektorale Verteilung: 48 Prozent absolvieren ihre Ausbildung in Industrie und Handel, 39 Prozent im Handwerk. Auf Freie Berufe (Arzthelferin, Rechtsanwaltsgehilfin und ähnliches) entfallen zehn Prozent der Ausbildungen, während im Öffentlichen Dienst kaum türkische Auszubildende zu finden sind (ein Prozent). Die Berufswahl selbst konzentriert sich auf wenige Tätigkeiten. Junge Frauen wählen vor allem eine Ausbildung als Friseurin, Arzt- bzw. Zahnarzthelferin oder Verkäuferin. Junge Männer lassen sich bevorzugt zum Kfz-Mechaniker, Maler und Lackierer oder Elektro-, Gas- und Wasserinstallateur ausbilden, obwohl diese Berufe wenig zukunftsträchtig und die Aufstiegschancen gering sind.
Andererseits sind inzwischen rund 24000 türkische Studierende an deutschen Hochschulen immatrikuliert, vor allem in den Fächern Wirtschaft und Recht sowie Ingenieurwesen und Kulturwissenschaften. Sie stellen 1,4 Prozent aller Studierenden sowie rund acht Prozent der 18- bis 25-jährigen Türkischstämmigen und haben zu 73,4 Prozent das deutsche Schulsystem durchlaufen - eine höhere Quote als bei allen anderen ausländischen Studierenden. Dies zeigt eine Entwicklung hin zur Integration, die in Anbetracht von rund 30 Prozent deutschen Studierenden in der Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren allerdings noch eine Randerscheinung ist.
Insgesamt verfügen 33 Prozent der jungen Türkischstämmigen zwischen 18 und 30 Jahren über keine berufliche Ausbildung. Immerhin 52 Prozent erreichten einen schulischen oder betrieblichen Berufsabschluss oder sind gerade dabei ihn zu erwerben, drei Prozent haben eine Meister- oder Technikerausbildung absolviert und vier Prozent erreichten einen Universitätsabschluss.
Die recht gleichförmige Wahl von wenig weiter qualifizierenden Ausbildungsplätzen bzw. den vollständigen Verzicht auf Ausbildung seitens der Mehrheit der gering qualifizierten jungen Türken lässt sich durch die Bedeutung erklären, die ethnische Gemeinschaften haben. Sozialisationsbedingungen in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil und niedriger Wohnqualität sind mit spezifischen, zumeist geringen Bildungschancen verbunden. Wenn bereits die Elterngeneration in ihrer Volksgruppe über innerethnische Netzwerke verfügt, ist es auch für die zweite Generation wahrscheinlich, dass sie entsprechende Beziehungen aufbaut. Diese stellen durchaus einen Sozialisationsgewinn dar, der für den Zugang zu den Arbeitsmärkten der ethnischen Gemeinschaft von Bedeutung, für die formalisierte Stellenvergabe in der deutschen Gesellschaft aber hinderlich sein kann.
Zum Abschluss dieses Abschnitts noch ein Blick auf die Beschäftigungsstruktur der jungen Türken: Von den Jugendlichen bis einschließlich 24 Jahren, die einer Beschäftigung (inklusive Ausbildung) nachgehen, sind elf Prozent als ungelernte Arbeitskräfte tätig, knapp ein Viertel ist angelernt und ein weiteres Viertel sind Facharbeiter. Jeder Fünfte ist Angestellter auf der unteren, ungefähr jeder Zehnte auf der mittleren Ebene.
Der Anteil der an- und ungelernten Arbeitskräfte nimmt mit steigendem Alter noch zu: Sind zwei Drittel der über 60-jährigen und 71 Prozent der 45- bis 59-jährigen Türkischstämmigen Arbeiter, sind es unter den 18- bis 29-jährigen „nur” noch 41 Prozent. Entsprechend steigt bei den Jüngeren der Facharbeiter-, vor allem aber der Angestelltenanteil gegenüber den Älteren deutlich an. Knapp ein Viertel der 18- bis 29-jährigen Erwerbstätigen sind Angestellte. Die Beschäftigungsstruktur der zweiten Generation der Türken in Deutschland ist damit im Vergleich mit der ersten Generation bereits differenziert und heterogen. Im Vergleich mit der deutschen Gesellschaft weisen die türkischen Arbeitskräfte aber noch immer einen deutlichen Qualifizierungsrückstand auf.
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Quellentext
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„Hilfe zur Selbsthilfe” Das AIM- (Projekt Ausbildung und Integration für Migranten -Anm. d. Red.) Projektbüro liegt mitten in der Lübecker Altstadt. Zwei junge, engagierte Frauen, die gelernte Einzelhandelskauffrau Hulya Keskin (34) und die Bürofachkraft Desirée Wetzel (27), entfalten hier seit September gewaltige Schaffenskraft.
In rund neunzig Fällen, so ihre Statistik, haben sie türkischen und anderen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren bislang auf die Sprünge geholfen. Sie vermitteln Nachhilfe bei Schulproblemen, helfen Praktikumsstellen zu finden, suchen im Internet nach Lehrstellen, und wenn die Jugendlichen nicht fündig werden, ruft Hulya Keskin bei Betrieben an. [...]
Weil es in Deutschland etliche ausländische Unternehmen mit einem Milliardenumsatz gibt, weil viele dieser Betriebe gerne Lehrlinge ausbilden möchten, jedoch die formalen Voraussetzungen nicht erfüllen, verfolgt der Verein Türkische Gemeinde - eine bundesweite nicht religiöse Interessenorganisation türkischer und türkischstämmiger Leute - seit Februar 1998 in Schleswig-Holstein noch ein weiteres erfolgreiches Projekt: Migranten schaffen zusätzliche Lehrstellen, von Wirtschaftsministerium und Arbeitsamt Kiel finanziert. Von den rund 900 türkischen Unternehmen in diesem Bundesland sind zwar nur 100 als Ausbildungsbetriebe geeignet. [...] Diese 100 Betriebe aber hätten mit Hilfe des Vereins 160 zusätzliche Ausbildungsplätze geschaffen. [...]
„Türkische Eltern wissen wenig über das deutsche Schul- und Ausbildungssystem”, sagt Keskin. Damit das anders wird, gehört Außendienst zu den wichtigen Aufgaben der Projektleiterin.
So organisieren Keskin und Wetzel Elternabende und Projekttage in Schulen mit hohem Ausländeranteil und heimsen dafür viel Beifall ein: „Viele türkischen Eltern kamen zum ersten Mal”, jubelte der Leiter einer Grund- und Hauptschule, was Keskin keineswegs überrascht. Türkische Eltern wagten sich normalerweise nicht in deutsche Schulen, „weil sie als Außenseiter angeguckt werden und weil sie die Sprache nicht verstehen”.
Die beiden Projektfrauen referieren auf Türkisch und auf Deutsch über Berufsorientierung, weiterführende Schulen, duales System, und während der Projekttage schleppen sie alle, die wollen, zur Orientierung aufs Arbeitsamt. „Wenn ein Jugendlicher es schafft, bin ich stolz, ihm dabei geholfen zu haben”, sagt Keskin. Und Wetzel ergänzt: „So werden sie integriert, unabhängig von Hautfarbe und Nationalität.” [...]
Monika M. Metzner: „Am Kopftuch soll es nicht scheitern”, in: Frankfurter Rundschau vom 12. Juni 2002.
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10. Februar 2012
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