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Informationen zur politischen Bildung (Heft 277)
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Türkische Minderheit in Deutschland |

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Faruk Şen
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Die türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland ist inzwischen so heterogen, dass die Erstellung einer Integrationsbilanz für die Gruppe „der Türken” fast unmöglich ist. Neben Integrationserfolgen im Bildungsbereich und auch im Erwerbsleben bestehen in genau diesen Bereichen nach wie vor Probleme, denen sich Gesellschaft und Politik stärker zuwenden müssen. Eine Integration kann nur dann gelingen, wenn beide Seiten, also sowohl Zuwanderergruppen wie auch deutsche Gesellschaft, die entsprechende Einstellung teilen und daraus Konsequenzen ziehen.
Bis in die neunziger Jahre hinein wurde nicht vom dauerhaften Verbleib der Zuwanderer ausgegangen, so dass Umorientierung oder Reformen verspätet kamen. Beispielsweise wurde das Konzept der „interkulturellen Pädagogik”, die dem Ressourcenansatz folgt und die gegenseitige Öffnung und das gegenseitige Lernen in den Mittelpunkt rückt, erst im Verlauf der neunziger Jahre angewandt. Der Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes als ordentliches Unterrichtsfach, in der Öffentlichkeit seit 1999 intensiv diskutiert und mit Sorge betrachtet, fehlen bislang die Voraussetzungen. Im Jahr 2002 wurde schließlich von der nordrhein-westfälischen Landesregierung die Einrichtung eines Lehrstuhls für islamische Theologie und Religionspädagogik beschlossen, an dem Lehrerinnen und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet werden sollen.
Generationsvergleiche
Um die bestehenden Probleme der Integration zu verdeutlichen, sollen zwei Gruppen, zwischen denen besonders große Unterschiede bestehen, betrachtet werden: Die erste Generation der Arbeitsmigranten und ihre Kinder, die zweite Generation.
Der „typische” Arbeitsmigrant der ersten Generation, die momentan rund ein Viertel der türkischen Bevölkerung ausmacht, verfügt über eine eher geringere Schul- und Berufsausbildung, meist einen niedrigen Berufsstatus und eher schlechte deutsche Sprachkenntnisse - seine Chancen in der deutschen Gesellschaft sind sehr gering. Er nimmt zugleich Diskriminierung weniger stark wahr, vermutlich weil er geringere Ansprüche an eine Integration stellt. Er orientiert sich an den in der Heimat gebliebenen Familienangehörigen und Freunden seiner Generation, zu denen er vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht im Vergleich besser abschneidet. Er fühlt sich eher mit der Türkei als mit Deutschland verbunden und neigt dazu, sich die Rückkehr offen zu halten. Entsprechend wenig ausgeprägt ist die Absicht zur Einbürgerung. Somit richtet sich sein Handeln eher auf eine Bewahrung der Herkunftskultur.
Im Gegensatz dazu ist die zweite Generation durch eine verbesserte Schul- und Ausbildung, eine höhere berufliche Stellung und ein besseres Sprachniveau charakterisiert - die Chancen, an der deutschen Gesellschaft teilzuhaben, sind also besser, wenngleich noch deutliche Differenzen zu ihr bestehen. Zugleich nehmen die Mitglieder dieser Gruppe Diskriminierung aufgrund der völlig anderen Ansprüche sehr viel stärker wahr, was die subjektive Wahrnehmung der Teilhabechancen relativ beeinflusst. Diese Gruppe richtet sich im Unterschied zur ersten Generation an den deutschen Gleichaltrigen aus, zu denen der Vergleich negativ ausfällt.
Ein „typischer” Angehöriger der zweiten Generation fühlt sich mit Deutschland und der Türkei gleichermaßen verbunden und hat selten die Absicht zu remigrieren. Trotzdem werden eigenethnische Organisationen zusätzlich zur Teilnahme am deutschen gesellschaftlichen Leben genutzt. Die Nähe zur deutschen Gemeinschaft, die sich in Kontakten, in einem positiven Deutschlandbild und im interethnischen Freizeitverhalten ausdrückt, ist stärker als bei der ersten Generation. Die zweite Generation eignet sich allmählich die Werte der deutschen Gesellschaft an, wobei die Herkunftskultur nach wie vor eine wichtige Rolle spielt.
Insgesamt hat sich die zweite Generation im Unterschied zur ersten teilweise an die deutsche Gesellschaft angepasst. Unübersehbar ist aber, dass innerhalb der zweiten Generation die Integration unterschiedlich verläuft. Zum einen existiert die bereits beschriebene typische Zweitgenerationsgruppe. Zum anderen finden sich jedoch Zweitgenerationsangehörige, deren Teilhabechancen nach wie vor sehr gering sind und die sich von der deutschen Gesellschaft eher zurückziehen. Diese - wenn auch kleine - Gruppe nutzt zur Verbesserung ihres sozialen Status verstärkt eigenethnische Strukturen, die die Abschottung weiter unterstützen können.
Diese Übersicht macht deutlich, dass von gelungener oder misslungener Integration der Türken in Deutschland im 40. Jahr der Migration keine Rede sein kann. Vielmehr ist die Lebenssituation der Türken in Deutschland, genauso wie ihr Verhältnis zu den Deutschen und ihren Institutionen, äußerst komplex und differenziert.
Die Beantwortung der Frage nach der gelungenen Integration wird zudem dadurch erschwert, dass unter Integration Verschiedenes verstanden wird. Ist die Existenz türkischer Diskotheken, türkischer Fußballvereine, türkischer Wohnviertel oder Lebensmittelgeschäfte ein Zeichen misslungener Integration? Wo hört das legitime Bestreben, im Verbund mit den Landsleuten zu sein, auf und wandelt sich in eine Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts? Sicher müssen für eine gelungene Integration türkische Zuwanderer und deutsche Aufnahmegesellschaft stärker als bisher zusammenwirken. |
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10. Februar 2012
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