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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)
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Feldpost eines Frontsoldaten |

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Astrid Irrgang
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Autor der Briefe ist der Frontsoldat Peter Stölten, einer von 20 Millionen Soldaten der Deutschen Wehrmacht. Er wurde im Laufe des Krieges zum Leutnant befördert und schließlich zum nationalsozialistischen Führungsoffizier ernannt. Stölten kämpfte an zentralen Frontabschnitten: beim Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 bis zum Winter 1942/43; nach einer Ausbildungsphase im Reich bei der Landung der Alliierten in der Normandie im Sommer 1944; bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes 1944 und schließlich in den Abwehrkämpfen in Ostpreußen 1944/45, in deren Verlauf Stölten gefallen ist.
Peter Stölten wurde 1922 geboren und wuchs mit zwei jüngeren Schwestern behütet in einer protestantisch-bildungsbürgerlichen Familie in Berlin-Zehlendorf auf. Der Vater, Dr. Wilhelm Stölten, hatte im Ersten Weltkrieg gedient, beide Eltern waren in der bündischen Jugend engagiert gewesen. Die Schulaufsätze aus der Gymnasialzeit zeugen von einem temperamentvollen, reich begabten, neugierigen Jungen, der Maler werden wollte. Stölten zog als Notabiturient "in der Hoffnung auf manches Abenteuer und manches Erlebnis und manchen moralischen Nutzen" ebenso wie alle anderen Jungen seiner Schulklasse freiwillig in den Krieg. Fünf Jahre später, wenige Wochen vor seinem Tod in Ostpreußen, waren ihm seine vorher so geliebten Zeichenutensilien "fremd geworden wie einem Eskimo das Fischbesteck". Er spürte seine "Wesensschatten auf einer Skala tanzen mit Minus davor", konnte vom Kriegsgeschehen nur noch "satirisch berichten und einer Frau schon gar nicht" und formulierte zum Jahreswechsel 1944/45 "keine persönlichen Ziele mehr, nur noch Wünsche". Das Glacis, auf dem Stölten sich operieren sah, verengte sich im Laufe seines Kriegseinsatzes immer mehr. Waren Phantasien zu Beginn des Kriegseinsatzes erwartungsvoll in die Zukunft gerichtet, wandten sich diese im Laufe der Jahre immer mehr zur eigenen Vergangenheit, von deren Glück und Anlauf sich Stölten abgeschnitten wusste.
Schon von der Geographie seiner Einsätze her handelt es sich bei Stölten um einen ungewöhnlichen Zeitzeugen, stellte ihn doch sein langes Überleben in den gefahrvollen Erlebnisräumen weit außerhalb der Überlebensstatistik eines deutschen Frontsoldaten. Über seine Eindrücke hat er seiner Familie und seiner Braut ausführlich und gedankenreich berichtet. Er stand dabei unter einem auch international als typisch zu bezeichnenden Mitteilungsdruck des Soldaten im Felde gegenüber der Heimat. Das Schreiben von Briefen in der Extremsituation Krieg hatte entlastende und stabilisierende Funktion. Die Kommunikation mit der Heimat war Ersatz für dortiges Leben und ein Ausflug in den verbauten Teil der zivilen Biographie. Alle am Krieg beteiligten Nationen erkannten die Angewiesenheit ihrer Soldaten auf diese Kontakte und bemühten sich, Einfluss auf die Art der Gesprächsführung mit der Heimat zu nehmen.
Der Austausch mit der Heimat war nicht nur im "Dritten Reich" das Herzstück geistiger Kriegführung. Unmittelbar nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen begann die deutsche Feldpost ihren Dienst. Während der sechs Kriegsjahre versorgte sie, anders als ihre Vorgängerin im Ersten Weltkrieg, zuverlässig ein immer größeres Gebiet, das auf dem Höhepunkt der deutschen Expansion vom Nordkap bis zum Kaukasus, den Pyrenäen und Nordafrika reichte. Sie versah ihren Dienst auch noch, als die Wehrmachtsführung sich von Hitler auf seinem Weg in die Katastrophe hatte mitnehmen lassen und unter Aufgabe jeglicher militärischer Verantwortung einen aussichtslosen Kampf um die letzten Quadratkilometer des Reiches weiterführte. Es sollte nicht unerwartet kommen, überrascht aber doch, dass es für einen solch riesigen Apparat ein "Leben nach dem Tode" gibt: Seine humanitäre Komponente hat die Katastrophe überdauert und arbeitet bis heute, jedes staatlichen Einflusses entkleidet, in Gestalt des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes weiter, nach wie vor portofrei und mit dem Frankierstempel "Kriegsgefangenenpost".
Stöltens Wahrnehmung des Krieges, seiner Rolle in ihm und ihre Darstellung gegenüber verschiedenen Adressaten über fünf Jahre hinweg bilden den Kern des Erkenntnisinteresses. Es geht dabei um eine Antwort auf das zuletzt von Martin Humburg und Klaus Latzel formulierte Desiderat von Einzelfallstudien. Insbesondere diese beiden Autoren haben mit ihren umfangreichen systematischen Arbeiten die Terra incognita vermessen, innerhalb derer es die Koordinaten von Stölten auszumachen gilt.
Als Spiegelfigur dient der Gefreite Heinrich Böll und seine ebenfalls umfangreiche Kriegskorrespondenz, um die unterschiedliche Haltung zu illustrieren, aus der heraus einzelne Soldaten sich dem Kriegsgeschehen unterwarfen. Böll tritt aus diesen Briefen, anders als Stölten, als am Soldatentum Leidender und um Abstand zum Kriegsgeschehen Bemühter hervor. Er fand keinen Anschluss unter seinen Kameraden und nutzte jede Gelegenheit, sich dem Dienst zu entziehen, etwa durch das Fälschen von Urlaubsscheinen oder das Simulieren von Krankheiten - eine Haltung, die Stölten nicht mit seinem Selbstverständnis hätte vereinbaren können. Man kann sagen, dass Böll der Typ des Landsers war, der, ohne Engagement für überwölbende Kriegsziele, wie Millionen anderer der Einberufung folgte, das unvermeidbare Minimum seiner soldatischen Pflichten erfüllte und im Übrigen eine Mitverantwortung für das große Ganze nicht sah. Das schließt nicht aus, dass er in seinem engeren Umfeld so gehandelt hat, wie es ihm seine christliche Grundhaltung nahe legte.
Wenn vor dieser Folie ein vergleichender Blick auf Stölten geworfen wird, so hat dieser vor allem eines mit dem Soldaten Böll gemein: die Vorstellung von der Begrenztheit des Verantwortungsbereiches durch einen vorgegebenen militärischen Rahmen. Böll hilft diese Begrenzung dabei, die Einsicht in das Verbrecherische des Krieges zu bewältigen. Stölten indes sieht eher das einzelne crimen, dem er im Rahmen seiner Möglichkeiten zu begegnen sucht, etwa durch Korrektheit beim "Requirieren" oder durch Erste Hilfe gegenüber einem russischen Verwundeten. Den Schluss vom Einzelnen auf das Allgemeine scheint er sich kaum gestattet zu haben. Es ist auch diese Fokussierung auf sein Umfeld, die Stölten zum todesmutigen Kämpfer werden lässt. Aus dieser Nahsicht im vergleichenden Exkurs Böll-Stölten verliert die in der Forschung häufig so monolithisch erscheinende Wehrmacht einiges von ihrer Homogenität.
In Stöltens Briefen kann ein Spannungsbogen von jugendlicher Kriegsbegeisterung über einen mehr und mehr zur Gewohnheit gewordenen Umgang mit tödlichen Gefahren bis zu seinem möglicherweise sogar gesuchten Tod gegen Ende des Krieges ausgemacht werden. Dabei wächst mit Stöltens Einsicht in den katastrophalen Kriegsverlauf seine Verzweiflung bei der Suche nach einem Sinn der brutalen Auseinandersetzung. Diese Verzweiflung begleitet ihn; möglicherweise führt sie ihn in sein letztes Gefecht um das ostpreußische Dorf Jadden im Januar 1945.
So sehr Stölten in Ratlosigkeit über den Sinn des Krieges geriet, so wenig gestattete er sich gleichzeitig, seine Rolle in diesem Krieg in Frage zu stellen und ein Abseits zu suchen. Stöltens Engagement war Folge der Bemühung um ein "richtiges Leben" in einem von uns heute zweifelsfrei als "falsch" einzuordnenden Kontext. Dieser Befund einer starken, unauflösbaren inneren Gebundenheit, ohne dass eine nationalsozialistische Grundgesinnung vorgelegen hat, ist von hoher Brisanz; sie ist der deutungsbedürftige Zug von Stöltens soldatischer Persönlichkeit. Der Schluss, dass Stölten kein Nationalsozialist war, liegt nahe, denn es fehlte ihm nicht nur "Führerglauben", sondern auch jede Neigung zum Antisemitismus oder die Zuschreibung eines Untermenschentums seiner slawischen Gegner.
Stöltens Einzelschicksal wird vor der Kulisse der jeweiligen Kriegsschauplätze ausgeleuchtet. Durch Auswertung von Akten aus Militärarchiven kann nicht nur der historische Kontext, sondern auch und vor allem das engere Umfeld dargestellt werden, in dem sich Stölten bewegte. Dabei liegt auf der Hand, dass der Fokus nicht auf der Suche nach Überraschungen in der Kulisse liegt, sondern darauf, wie Stölten sich an den Gegebenheiten der Wirklichkeit mehr und mehr gerieben und schließlich aufgerieben hat. Es geht um die Rekonstruktion seiner Wahrnehmung, seines inneren Erlebens und seiner Voraussetzungen, weniger um den äußeren historischen Geschehenszusammenhang. Aus militärhistorischer Sicht ist von den Briefen wenig Neues zu erwarten. Es ist gleichwohl die Deutung von Stöltens Fall, der Befund einer gewissen Typizität und ihrer sozialen Wirksamkeit, mit denen dieser äußere historische Geschehenszusammenhang besser verstanden werden kann. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
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