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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 14-15/2007)
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Feldpost eines Frontsoldaten |

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Astrid Irrgang
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Frontabschnitte werden zu Lebensabschnitten |
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Autobiographische Texte sind ebenso wie andere Quellengattungen kein Abbild von Wirklichkeit, sondern ein vieldeutiges Konstrukt wirklicher Erfahrungen, dessen Beschaffenheit sich ebenso sehr individuellen wie kulturellen Vorgaben verdankt. Autobiographische Texte sind soziale Texte mit einem schwer quantifizierbaren Anteil an Vergesellschaftung. Als methodisches Problem stellt sich die Herausforderung, wie sich Denken, Fühlen und Handeln erfassen und darstellen lassen, damit der Anspruch auf wissenschaftliche Relevanz erhoben werden kann. Eine Antwort liegt im Bemühen um Schlüssigkeit der Rekonstruktion dieses Einzelfalles. Zur Schärfung der Einzelfallanalyse trägt auch die Auswertung umfangreicher Primär- und Sekundärquellen bei.
Feldpost ist von äußerer und innerer Zensur gekennzeichnet. Diese Zensur äußert sich in einer geradezu prismatischen Aufbrechung der Berichte in den unterschiedlichen Gegenständen und Formen, die Stölten und seine Briefpartner wählen: Mit der Familie wird ein bildungsbürgerlicher Dialog geführt, der in der Korrespondenz mit dem Vater wesentlich von dem Bemühen getragen ist, seinen Erwartungen zu entsprechen; die Freundin erfährt sehr viel mehr über seine jeweilige Gemütsverfassung, und dem Freund öffnet Stölten sich am meisten auch über Kriegsgräuel. Die hohe Schreibfrequenz Stöltens, der auch unter höchster Kampfanspannung nicht selten drei Briefe am Tag verfasste, gestattet es, sein adressatenorientiertes Schreiben in die Untersuchung einzubeziehen. Stölten und seine Briefpartner führten ihre Korrespondenz auf einer hohen sprachlichen und reflektierenden Ebene, was ebenfalls zur Faszination der Lektüre beiträgt. Betrachtet man die Stölten'sche Feldpost mit diesem Vorwissen, so sind ihm, wie wahrscheinlich vielen Soldaten, Frontabschnitte zu Lebensabschnitten geworden. Leitmotiv ist Stöltens Pflicht- und Gehorsamsethos. Es führt den Soldaten Stölten vom kampfbegeisterten Abiturienten über den bei aller Ernüchterung verlässlichen Kämpfer und engagierten Offizier zum verzweifelten, todesbereiten Soldaten im Endkampf.
In Russland, der ersten Etappe, springt die Siegesgewissheit des der Schule durch Notabitur Entronnenen hervor, weniger der verbrecherische Charakter des Unternehmens "Barbarossa", den Stölten allerdings durch humanes Verhalten zu relativieren sucht. Stölten verschließt die Augen nicht vor den Begleiterscheinungen des deutschen Vormarsches in der Sowjetunion, sie erschüttern ihn aber nicht so tief, dass die Anpassung an die Welt des Krieges misslingen könnte. Die Kluft zwischen den zivilen, verinnerlichten Werten und der Barbarei des Krieges quält Stölten noch nicht, er vermag sie zu schließen. Schon in diesem ersten Einsatz finden sich jedoch in der Korrespondenz die typischen Sprachstrategien von Feldpost: Verschweigen, Verharmlosen, Poetisierung, Phraseologisierung und Imagepflege. Belastungserlebnisse entziehen sich zu seinem eigenen Erstaunen der Versprachlichung und werden in der Korrespondenz weitgehend ausgespart. Die Menge des zu Verdrängenden wächst, ohne dem Vergessen anheim zu fallen.
Ein längerer Lazarettaufenthalt 1941/42 konfrontiert den an schwerer Furunkulose Erkrankten mit der Erfahrung, den bedrückenden Erlebnissen ausgesetzt zu sein und nicht "an der Front und im Kampf Gesundung und Vergessen finden" zu können. So kommt es zu dem nur auf den ersten Blick paradoxen Wunsch, aus dem Lazarett wieder in den kameradschaftlichen Einsatz an die Ostfront zurückzufinden, "auch wenn diese Welt mit der meinen nur die Grenze gemein hat". Spätestens hier, wo mit Fronteinsätzen Entlastung gesucht wird, obwohl jene doch die Schrecken des zu Verdrängenden nur anwachsen lassen, vollzieht sich auch im Innenleben Stöltens ungewollt und unbewusst die Indienstnahme des militärischen Anforderungskatalogs. Einer besonderen Nähe zum Nationalsozialismus bedarf es dazu nicht.
Seine mehrmonatige Spezialausbildung am neuen Panzertyp "Tiger" im Reich absolviert er 1943 nur widerwillig, so sehr drängt es ihn, das Gelernte an der Front anzuwenden. In dieser Phase ist Stölten ganz von den Anforderungen seines soldatischen Lebens eingenommen. Männliche Bewährung in Gefahr, Führung in bedrohter Lage haben ihre Spuren hinterlassen. Dies fällt auch den Eltern auf: "Peter war am Sonntag auf Urlaub hier, laut, stürmisch, fast zu zackig, von seiner Führeraufgabe stärker geprägt, als wir das je für möglich gehalten hätten. Aber er wird auch da dank seiner starken inneren Kräfte das Gleichgewicht wieder finden. Im Geheimen arbeiten schon alle guten Geister wie Hölderlin und Rilke, denen er sehr zugetan ist, an dieser Aufgabe." In einem Brief an die Mutter erläutert Stölten seine Prägung: "Vom Kommiss will ich auch nicht wieder erzählen. Er ist aber nun einmal ein notwendiges Übel, und ich muss, um etwas zu leisten gerade bei uns innerlich daran beteiligt sein. Seid froh, dass Ihr Euch alle so aus dem Geist der Zeit heraushalten könnt - und sagt mir dies nicht zu oft. Ich muss doch weghören, weil ich mehr als hier nicht sagen kann, und mich leider nicht zu einem Bild des Offiziers ändern kann, der reitet, ins Kasino geht, mit ein paar Führungsaufgaben und Ehrbegriffen spielt und im Übrigen so hoch über dem Dienst steht, dass die Erziehung zum Soldaten allein die Uffz. leisten müssen."
Hier sehen wir eine Motivkette, von der sich zu lösen Stölten nicht nur nicht gelingt - er unternimmt solche Versuche wohl auch gar nicht. Er sieht sich als Soldat, als Offizier, und er sieht hier auch seine gegenwärtige Berufung, selbst wenn für die Nachkriegszeit andere Wünsche existieren. Als Soldat führt er Befehle Vorgesetzter aus, ohne für sich das Recht einer sachlichen oder gar moralischen Beurteilung zu beanspruchen. Seiner Berufung nachkommend will er "Leistung" bringen. Mangelhafte Leistungen würden ihn nicht nur um den beruflichen Erfolg bringen, sondern auch seine gefühlte Berufung verschütten. Der Offiziersberuf ist ihm daher nicht nur Arbeit, sondern, auch im Kleinen, Wirken im Kernbereich seiner Berufung.
Im Sommer 1944 durchlebt Stölten in der Normandie seine erste tiefe Krise. Durch einen selbstverursachten Unfall kampfunfähig, überlebt er als einziger Offizier seiner Kompanie die Landung der Alliierten. Die bisherigen Mittel der Selbstdisziplinierung und -darstellung versagen. Stöltens Seelenleben erreicht, erneut im Lazarett sich selbst ausgeliefert, einen ungekannten Tiefpunkt. Es gelingt ihm, mittels eines an Hölderlins "Hyperion" angelehnten, anspruchsvollen Essays, seiner Verzweiflung Herr zu werden. In einem fiktiven Dialog zwischen fünf jungen Menschen wird das Nichts, ein Abgrund der Sinnlosigkeit, der alles und jeden zu verschlingen droht, durch den Glauben an höheren Sinn und Bestimmung aufgehoben. Von diesem Zeitpunkt an zeichnet Stölten eine starke Opferbereitschaft aus, deren Unterströmung das als Schuld gefühlte Überleben im Blick auf seine gefallenen Kameraden ist. Der "Triumph des Überlebenden" (Elias Canetti) bleibt ihm fremd.
Auf der nächsten Station, dem Warschauer Aufstand, wird Stöltens Haltung auf eine fürchterliche neue Probe gestellt. Entsetzt schreibt er über den rücksichtslosen deutschen Einsatz gegen die unterlegenen polnischen Aufständischen: "Wie hätte Bosch seine Höllenphantasien gemalt, wenn er das gesehen hätte?" In den nach einer Logik der Selbstaufopferung handelnden Polen erkennt er seine eigentlichen ideellen Verbündeten, gegen die er gleichwohl mit allen militärischen Mitteln vorzugehen hat. In diesem Widerspruch hilft ihm nur blanker Zynismus. Er schreibt eine Satire des Grauens, Hieronymus Bosch in Prosa. Im Untergang Haltung zu bewahren, wie es die polnischen Aufständischen bis zur Kapitulation tun, und der Wert, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, werden für ihn zum Vorbild für den zu erwartenden Untergang Deutschlands und wohl auch seiner eigenen Person.
Stölten benennt die deutsche Unterlegenheit gegenüber den übermächtigen Gegnern. Doch Zweifel an der Wünschbarkeit eines deutschen Sieges werden nicht benannt und sind auch nicht versteckt erkennbar. Obwohl er, wie die Quellen nahe legen, die Chance eines ehrenvollen Rückzugs hat, schlägt er sein Leben und das seiner Panzerbesatzung im Januar 1945 in die Schanze und verbrennt in seinem Kampfwagen. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 55 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte? |
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