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Politische Bildung: (k)ein Thema für die Bevölkerung? Was wollen die Bürger?

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung


12.11.2002
In Wissenschaft und Praxis vor allem der außerschulischen politischen Bildung wird viel darüber debattiert, wie politische Bildung sein sollte. Was ist das Richtige für die jeweilige zu erreichende Zielgruppe?

I. Sich auf die Lebensverhältnisse der Menschen einstellen



Sind politische Bildung, Orientierungshilfen und Informationen zu gesellschaftlichen Zusammenhängen eigentlich nur eine Holschuld der Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie? Sind sie nur einem kleinen Teil der Bevölkerung vorbehalten, der sich stark politisch interessiert, engagiert und dazu bereit ist, die Angebote eines Bildungsträgers, der in der Regel nicht in der Nähe seines Wohn- und Arbeitsplatzes wirkt, zu nutzen? Wenn dieser Bürger besonders gut ausgebildet und kompetent im Umgang mit den (Neuen) Medien ist, kann er sich natürlich auch etwas flexibler, zeit- und ortsunabhängig online informieren oder auf das reichhaltige Buchsortiment der Zentralen für politische Bildung zurückgreifen. Was aber ist mit dem weitaus größeren Teil der Gesellschaft, der vielfältigen anderen Aktivitäten nachgeht und der nicht bereit ist - so wünschenswert das auch wäre -, viel Zeit dafür aufzuwenden, sich über die in den Medien vermittelten Informationen hinaus politisch weiterzubilden? Politik spielt im Leben vieler Menschen - nicht erst seit der Entwicklung der Erlebnis-, Medien- und Überflussgesellschaft - eben nur eine untergeordnete Rolle, für die man nicht bereit oder in der Lage ist, annähernd so viel Zeit zu investieren wie die Informationselite. Aus der 14. Shell-Jugendstudie ist bekannt, was ihre Vorläuferstudien bereits andeuteten: Auch die nachwachsende Generation zeigt sich zwar der Demokratie verpflichtet, ist leistungsbereit und bringt sich (auch gesellschaftlich und politisch) ein, sieht Politik aber nicht als etwas Verpflichtendes und Notwendiges, sondern eher als etwas Nebensächliches an.

Die moderne Demokratie geht einher mit einer ganzen Reihe von strukturellen Veränderungen und Weiterentwicklungen, die auch eine veränderte Bürgerrolle erfordern: Gemeinschaftliches Handeln in der Bürgergesellschaft, mit mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation, veränderten Engagements, mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung, aber auch mehr unübersichtlichen Verhältnissen, sind dafür nur einige Dimensionen bzw. Determinanten. Hinzu kommen die Veränderungen der Arbeitsgesellschaft mit dem damit verbundenen Flexibilisierungs- und Qualifikationsdruck sowie die - um eine erziehungswissenschaftliche Dimension zu nennen - Anforderung des selbstgesteuerten und lebenslangen Lernens. All das sind Aspekte, die politische Bildung einerseits notwendiger denn je machen, um den Menschen die zur Bewältigung ihrer Bürgerrolle erforderlichen Angebote zu unterbreiten. Es ist aber andererseits auch eine völlig andere Bildungsarbeit gefordert: eine Bildungsarbeit, die sich intensiver auf die Lebensverhältnisse der Menschen einstellt. Das bedeutet vor allem, nicht mehr nur darauf zu warten, dass sich Menschen, die hochmotiviert sind, in den Veranstaltungen einfinden.

Hier hat sich in der Vergangenheit einiges bewegt; politische Erwachsenenbildung, die auf die freiwillige Nutzung ihrer Angebote angewiesen ist, sucht immer wieder nach neuen "Feldwegen", um weitere Zielgruppen zu erschließen. Hier sei beispielsweise an die Bemühungen der Integration von politischer Bildung und kultureller oder (wieder einmal) beruflicher Bildung erinnert, aber auch an neue Angebotsformen wie erlebnisorientierte Lern-Events, Gesellschaftsspiele oder Internetangebote. Allerdings ist es selbst mit diesen Bemühungen nicht gelungen, wirklich neue Wege zu gehen, die helfen, die geringe Reichweite auszubauen. So stagniert organisierte außerschulische politische Bildung seit eh und je bei ein bis maximal fünf Prozent jährlich erreichten Bürgern. Folglich kann man mit großer Wahrscheinlichkeit von der Validität der These ausgehen, dass die bisherige politische Bildungsarbeit an den Erwartungen und Lebensverhältnissen der Bürger vorbeigeht, wenn die Menschen überhaupt von deren Existenz wissen. [1] Oder ist politische Bildung vielleicht gar kein Thema für die Bürger, sind sie einfach desinteressiert? So oder so stellt sich die Frage, was denn die Bürger eigentlich wollen.

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Fußnoten

1.
Detaillierte Ausführungen zur Situation politischer Erwachsenenbildung finden sich in Karsten Rudolf, Politische Bildung und Markt - Marktforschung für die außerschulische politische Bildung: Chancen, Grenzen und Strategien (Band 1), Büdingen 2003. Der Band wird ab Mitte 2003 kostenlos unter http://www.berichtpolitischebildung.de abzurufen sein.