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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 49-50/2003)

Vernetzte Welten - Identitäten im Internet


Joana Breidenbach / Ina Zukrigl
Inhalt

Einleitung

Ethnologie des Cyberspace

Expansive Verwirklichung und expansives Potenzial

Expansive Verwirklichung und expansives Potenzial
Das Internet wird von Menschen für die unterschiedlichsten Interessen genutzt und mit verschiedenen Bedeutungen versehen. Statt sie auf eine der eingangs skizzierten utopischen und dystopischen Positionen zu reduzieren, erscheint es uns sinnvoller, auf ihre Entwicklungspotenziale hinzuweisen. Miller und Slater schlagen zwei analytische Dimensionen vor - "expansive Verwirklichung" und "expansives Potenzial" -, unter denen neue Medien betrachtet werden können.

Expansive Verwirklichung bezieht sich auf die Möglichkeit, mit Hilfe neuer Kommunikationsmedien zu werden, "what one thinks one really is (even if one never was)". So verwirklichen E-Mail und Chat medial die Idealversion einer intakten Familie, deren Mitglieder im engen Kontakt miteinander stehen. Ebenso hilft die neue Technologie imaginären Gemeinschaften wie den Aleviten oder den Assyrern, sich der eigenen Gruppe und der Weltöffentlichkeit auf eine Art und Weise zu präsentieren, die durch geographische Entfernungen und politische Zwänge bislang verhindert wurde. Kulturelle Besonderheiten, wie die in Trinidad typischen verbalen sexuellen Flachsereien, die in Großbritannien leicht als sexistisch (miss)interpretiert werden würden, können im Cyberspace ausgelebt werden. Virtuelle Räume bieten Menschen ferner die Möglichkeit, multiplen Identitäten Ausdruck zu verleihen. Zum Islam konvertierte Niederländer, die im realen Leben eine große soziale Kluft zu marokkanischen und surinamesischen Muslimen erleben, können diese Kluft in virtuellen Diskussionsrunden überbrücken und sich als Teil einer globalen Religionsgemeinschaft erfahren.

Das expansive Potenzial der neuen Medien geht über den Aspekt der Selbstverwirklichung hinaus und verweist auf die Möglichkeit, neue Bezüge und Visionen - wie man selbst und die eigene Gesellschaft sein könnten - zu entwickeln. In Staaten wie Trinidad oder Südafrika sprechen Ethnologen von einer "natürlichen Affinität" zum Netz, da dieses - weitgehend unabhängig von der Anzahl der Anschlüsse - instinktiv als Medium begriffen wird, mit dem man zentrale Werte und Bedürfnisse der Gemeinschaft (nach Selbstdarstellung oder Partizipation) vorantreiben kann. Ebenso entstehen mit Hilfe des Internets Solidaritätsnetze, die ohne neue Kommunikationstechnologien nicht vorstellbar gewesen wären. Mailinglisten und Diskussionsgruppen, ob gegen die Besetzung Tibets durch China oder gegen die Militärjunta in Burma, ermöglichen die Zusammenarbeit von Aktivisten und mobilisieren eine weltweite Öffentlichkeit. Durch direkten Kontakt und gemeinsame Foren entsteht bei den Teilnehmern ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Vergleichbare neue Gemeinschaften finden sich auch auf einigen der "Expat"-Foren, auf denen sich Mitglieder "globaler Familien" ungeachtet ihrer Nationalität emotional unterstützen. Widersprüche, die im Alltag der Diaspora häufig zu Loyalitätskonflikten führen (Passe ich mich dem Gastland an? Gebe ich damit meine Kultur preis?), können im geschützten Raum von Diskussions- oder Mailinglisten thematisiert werden. Muslimische Jugendliche, die sich im Spannungsfeld zwischen pluralistischer Gastkultur und den Erwartungen ihrer Familien bewegen, haben im Netz die Chance, zu eigenen Positionen zu finden. Denn anders als die herkömmlichen Massenmedien erzeugen Internet-Technologien, insbesondere E-Mail und Chat, "Wahrheit" und "Realität" diskursiv. Sie werden nicht von Autoritäten verkündet, sondern entstehen im Dialog der verschiedenen Teilnehmer. So können ungewohnte Positionen ausgetestet, verworfen oder angenommen werden.
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10. Februar 2012
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