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Informationen zur politischen Bildung (Heft 254)
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Weg zur Gleichberechtigung |

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Gisela Helwig
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Im September 1843 erschien in den "Sächsischen Vaterlandsblättern" ein aufsehenerregender Leserbrief. "Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht", hieß es da. Louise Otto (1819-1895), die Verfasserin, zeichnete mit ihrem Namen, was für Frauen damals durchaus nicht üblich war, denn Schriftstellerinnen versteckten sich in der Regel hinter männlichen Pseudonymen, um überhaupt publizieren zu können. Louise Otto hatte ihre früheren sozialkritischen Schriften mit "Otto Stern" signiert. Doch in Robert Blum, dem Herausgeber der "Vaterlandsblätter", fand sie einen Sympathisanten, der sie als Mitarbeiterin engagierte.
Die Aufbruchstimmung im Vormärz, der Vorphase der Revolution von 1848/49, gab auch den Emanzipationsbestrebungen neue Impulse. Demokratische Frauenvereine unterstützten die Aufständischen, und es entstanden die ersten Frauenerwerbs- und -bildungsvereine. Neben Männern kämpften auch Frauen auf den Barrikaden, sie fochten in Wort und Schrift für Freiheit und Gleichheit, durften jedoch an der ersten deutschen Nationalversammlung in Frankfurt nur als Zuschauerinnen teilnehmen.
Unter dem Motto "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen" gründete Louise Otto 1849 in ihrer Heimatstadt Meißen die erste politisch orientierte deutsche "Frauen-Zeitung". Neben der Forderung nach Demokratie und rechtlicher Gleichstellung lag der Journalistin besonders daran, die Probleme der Arbeiterinnen öffentlich zu machen. Doch drei Jahre später fiel die Zeitung einem neuen Pressegesetz zum Opfer: Nur Männer durften Schriftleiter sein.
Die Revolution von 1848/49 war gescheitert, und auch die Ansätze zu einer organisierten Frauenbewegung waren zunächst zunichte gemacht. 1850 untersagte das Preußische Vereins- und Versammlungsgesetz, das bis 1908 Gültigkeit hatte, Frauen, Schülern und Lehrlingen die Mitgliedschaft in politischen Vereinen und die Teilnahme an deren Versammlungen. Wörtlich hieß es in §8: "Frauenspersonen [...] dürfen den Versammlungen und Sitzungen solcher politischen Vereine nicht beiwohnen." Das Vereinsgesetz von 1854 des damaligen preußisch dominierten Bundestages in Frankfurt am Main hatte in allen deutschen Staaten die Auflösung von Arbeitervereinen mit politischen Zielsetzungen zur Folge, was auch das Ende für die in diesen Vereinen tätigen Frauenabteilungen bedeutete.
Den repressiven Rahmenbedingungen der nachrevolutionären Epoche entsprechend stockte die Entwicklung der bürgerlichen Frauenbewegung eine geraume Zeit. Doch Louise Otto-Peters (wie sie sich seit ihrer Heirat mit dem Schriftsteller und Freiheitskämpfer August Peters nannte) hatte ihr frauenpolitisches Ziel, welches sie als Journalistin in der Zeit der Revolution verfochten hatte, nicht aus den Augen verloren. Auf der von ihr initiierten ersten deutschen Frauenkonferenz wurde 1865 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Frauenverein (ADF) gegründet, der als Dachverband die Interessen von Frauenbildungs- und -erwerbsvereinen bündelte. In der Satzung wurde "die Arbeit [...] für eine Pflicht und Ehre des weiblichen Geschlechts" erklärt und die Beseitigung aller "der weiblichen Arbeit im Wege stehenden Hindernisse" gefordert. Louise Otto-Peters, die dem Frauenverein 30 Jahre lang vorstand, rief die Mitglieder zur Eigeninitiative auf: "Nur wenn wir Frauen lernen, uns aus eigener Kraft zu helfen, können wir selbständig wden und in späteren Jahren als Gleichgestellte mit den Männern arbeiten."
Von politischer Gleichstellung war vorerst nicht mehr die Rede. Die Lebensumstände eines großen Teils der weiblichen Bevölkerung hatten sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts grundlegend gewandelt. Die zunehmende Industrialisierung veränderte nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch das Familienleben. Hatten Produktionsstätte und Haushalt zuvor vielfach eine Einheit gebildet, so verstärkte sich nun im Bürgertum die geschlechtsspezifische Aufgabenteilung, während in Arbeiterfamilien häufig beide Ehepartner - und nicht selten auch die Kinder - den Lebensunterhalt in Industriebetrieben verdienten. In Preußen beispielsweise beschäftigten Maschinenspinnereien um die Mitte des 19. Jahrhunderts 13000 Arbeiter und 12400 Arbeiterinnen. Die Frauen, die für Hungerlöhne 13 bis 14 Stunden am Tag schufteten, hatten zusätzlich noch die Familie zu versorgen. Den Heimarbeiterinnen ging es kaum besser. Nach einem Bericht der "Frauen-Zeitung" von 1852 mußte etwa eine geschickte Spitzenklöpplerin zwölf Stunden am Tag ununterbroch arbeiten, um das Existenzminimum für zwei Personen zu erwirtschaften. Mädchen wurden bereits im Alter von vier, fünf Jahren zur Mithilfe angehalten. Ein schweres Los hatten auch die weiblichen Jugendlichen, die vom Land in die Städte strömten, um sich dort für Kost, Logis und wenig Geld als Dienstmädchen zu verdingen. Die Arbeit war schwer, die Behandlung bestenfalls herablassend.
In den Bürgerhäusern suchte man - zumindest nach außen - dem Bild zu entsprechen, das der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich von Riehl (1823-1897) 1855 in seinem Bestseller "Die Familie" als idealtypisch entwarf: die patriarchalische Hausgemeinschaft, in der die Frau die Abhängigkeit vom Mann als "gottgewollt" hinzunehmen hatte. Während sich die Söhne auf das Berufsleben vorbereiteten, warteten ihre Schwestern bei Klavierspiel und Handarbeit auf eine gute Partie. Doch diese "Idylle" war brüchig. Aus finanziellen Gründen waren auch viele Töchter "aus gutem Haus" - insbesondere bei schlechten Heiratschancen - auf Erwerbstätigkeit angewiesen. Die Auswahl war nicht groß, Fabrik und Handel entfielen als nicht standesgemäß, berufliche Qualifikationen waren kaum vorhanden, und so fristeten nicht wenige unverheiratete Frauen ein kümmerliches Dasein als Gesellschafterin oder Gouvernante. Ihr Ansehen war ebenso gering wie ihr Einkommen.
Verbesserung der Bildung
Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, daß die bürgerliche Frauenbewegung zunächst das Recht auf Bildung in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellte. Viele derjenigen, die sich vehement für Chancengleichheit einsetzten, hatten in der Jugend hinter ihren Brüdern zurückstehen und ihr Wissen autodidaktisch erwerben müssen.
Insbesondere Helene Lange (1848-1930) sind viele Fortschritte in der Mädchenbildung zu verdanken. Der 1890 von ihr mitbegründete und geleitete Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein spielte in der bürgerlichen Frauenbewegung eine bedeutende Rolle.
1887 hatte Helene Lange, Oberlehrerin an einer privaten höheren Töchterschule, in einer Petition an den preußischen Unterrichtsminister gefordert, für den "wissenschaftlichen Unterricht auf der Mittel- und Oberstufe der öffentlichen höheren Mädchenschulen" mehr wissenschaftlich ausgebildete Lehrerinnen einzustellen. Dazu mußten zunächst die nötigen Voraussetzungen geschaffen werden. In Preußen gab es 1876 116 staatliche Lehrerseminare für Männer und nur fünf für Frauen. Zusammen mit Minna Cauer (1841-1922), der Vorsitzenden des Berliner Vereins Frauenwohl, und der Zahnärztin Franziska Tiburtius (1843-1927) - die in der Schweiz studiert hatte, weil deutsche Universitäten Frauen gelegentlich zwar als Gasthörerinnen zuließen, aber nicht immatrikulierten - ersuchte Helene Lange 1888 und 1889 den Wissenschaftlichen Zentralverein aller deutschen Bundesstaaten in Berlin um die Einführung von "Realkursen" zur Vorbereitung weiblicher Jugendlicher auf ein Hochschulstudium. Solche Kurse wurden ein Jahr später eingericht und 1893 in "Gymnasialkurse" umgewandelt. Im selben Jahr forderte eine 60000 Unterschriften enthaltende Massenpetition des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins die Freigabe des Studiums für Frauen.
Bislang war nur in Einzelfällen besonders begabten Mädchen der Besuch von Jungengymnasien erlaubt worden. Das änderte sich in den neunziger Jahren: 1896 bestanden am Königlichen Luisengymnasium in Berlin sechs Schülerinnen als Externe das Abitur - "sämtlich mit gutem Erfolg". Im Februar 1900 gestattete Baden als erstes deutsches Bundesland Frauen das Studium. Die anderen Länder folgten bis 1909 - gegen teilweise massiven Protest der Professoren. Besonders populär war diese neue Bildungspolitik nicht, wie ein Zitat aus "Meyers Konversationslexikon" von 1909 belegt: "Die Besorgnis, daß das Studium unter der weiblichen Jugend eine allgemeine Verbreitung erlangen und so die Erfüllung der besonderen sozialen Aufgaben und Pflichten des weiblichen Geschlechts beeinträchtigen könnte, ist mindestens übertrieben. Das berufsmäßige Frauenstudium wird aus naheliegenden Gründen stets auf engere Kreise beschränkt bleiben. Wo es einmal über das natürliche Bedürfnis, durch besondere Umstände ermuntert oder agitatorisch gepflt, hinausgreift, bleibt die Reaktion gewiß nicht aus."
Anfang 1920 wurden Frauen zur Habilitation zugelassen, und im März 1923 erhielt Margarethe von Wrangell als erste Frau in Deutschland eine ordentliche Professur für Pflanzenernährung an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Hohenheim. Als zweite deutsche Professorin lehrte die Soziologin und Pädagogin Mathilde Vaerting ab Oktober 1923 in Jena.
Die bürgerliche Frauenbewegung setzte sich mehrheitlich für gleiche Bildungschancen, den Zugang zu bestimmten Berufen sowie allgemein für Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein, ohne jedoch die herrschenden gesellschaftlichen Strukturen in Frage zu stellen. Führende Vertreterinnen wie Helene Lange und die Pädogogin und Schriftstellerin Gertrud Bäumer (1873-1954) gingen vielmehr grundsätzlich von geschlechtsspezifischen Eigenschaften, Verhaltensweisen und Aufgabenbereichen aus. "Denn unerschütterlich steht eines auch in der neuen Zeit: Der Gedanke, daß der höchste Beruf der Mutterberuf ist, insofern er den Beruf der Erzieherin des heranwachsenden Geschlechts in sich schließt" (Helene Lange). Mutterschaft war nicht nur biologisch gemeint, sondern in übertragenem Sinne als grundlegender Wesenszug der Frauen, der sie insbesondere zu pädagogischen und pflegerischen Tätigkeiten befähige. Den Begriff der "geistigen Mutterschaft" hatte Henriette Schrader (1827-1899) geprägt, die sich zusammen mit Henriette Goschmidt (1825-1920) und der Gründerin des Kinderschutzvereins Lina Morgenstern (1830-1909) für die Einrichtung von Kindergärten engagierte.
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Quellentext
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Anfänge des Frauenstudiums
Franziska Tiburtius, die später die erste praktizierende Ärztin Berlins wurde, studierte in Zürich. Im Deutschen Reich durften Frauen bis zur Jahrhundertwende nicht studieren.
Also, die große Teegesellschaft ist nun glücklich vorüber; zwölf, sage zwölf Zürcher Damen, die noch nie eine Studentin nahebei gesehen haben. Begreift Ihr, daß es unsereinem komisch vorkommt, gefragt zu werden, ob Studieren sehr schwer ist, ob man schon in der Anatomie gewesen, ob einem das Lernen gar nicht über würde usw., um sich dann nachher mehr oder weniger verblümt sagen zu lassen, daß man doch eigentlich wie ein anderer Mensch sei? Mich will man kaum als Studentin anerkennen, weil ich keine kurzen Haare und ein leidlich anständiges Kleid trage. […]
In den nächsten Jahren hatte ich während des Ferienaufenthaltes daheim noch viele Fragen und Verwunderung auszuhalten. Man kam mir ganz liebenswürdig entgegen - so etwa wie: ”Ach so, Sie studieren Medizin, na ja, wir wollen nicht davon sprechen!” mit einem gewissen wohlwollenden Augenzwinkern. Da habe ich […] etwas innere Energie aufbieten müssen, um fühlen zu lassen, wie ich meinen Beruf auffasse - ohne besondere Worte. Und die Herren haben es verstanden.
Franziska Tiburtius (1871) in: Susanne Asche/Anne Huschens (Hg.), Frauen, Frankfurt/ M. 1990, S. 108.
Im Sommersemester 1900 kamen die Medizinstudentinnen Hermine Edenhuizen und Frida Busch gemeinsam nach Bonn. Beim Betreten der Hörsäle wurden die Freundinnen nicht wie in Berlin ”mit scharrenden Füßen und Pfiffen” begrüßt. Dennoch ”kostete es uns zu Beginn des Semesters trotzdem jedesmal wieder eine Überwindung, in die Kollegs zu gehen. Wir schoben gern eine die andere vor für den ersten Eintritt […]. Wir empfanden es dankbar, daß wir alles Unangenehme zu zweien erlebten”, schrieb Hermine Edenhuizen in ihren Lebenserinnerungen.
Das Verhältnis zu den Kommilitonen war in Bonn anders. ”Die fröhlichen Rheinländer versuchten es mit ,Kavaliertum‘ und ,Hofmachen‘.” Auf den ersten Studentinnen lastete ein enormer Erwartungsdruck. ”Es wäre ja auch ein zu großes Fiasko gewesen, wenn eine studierende Frau nervlich versagt hätte. Solche Schwächen konnten sich nur die männlichen Kommilitonen erlauben. Wir fühlten uns schon an sich verpflichtet, ein gutes Examen zu machen.”
Annette Kuhn, Brigitte Mühlenbruch, Valentine Rothe (Hg.), 100 Jahre Frauenstudium an der Universität Bonn, Dortmund 1996, S. 27.
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20. März 2010
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