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Informationen zur politischen Bildung (Heft 254)

Weg zur Gleichberechtigung


Gisela Helwig
Inhalt

Einleitung

Frauenrechte sind Menschenrechte

Erste Schritte

Anfänge in Deutschland

Vormärz

Unterschiedliche Richtungen

Weimarer Republik

Frauen im Nationalsozialismus

Neubeginn

Frauen im Nationalsozialismus

Adolf Hitler, seit dem 30. Januar 1933 Reichskanzler, faßte seine Vorstellung von Frauenpolitik auf dem Reichsparteitag der NSDAP am 8. September 1934 in Nürnberg vor der NS-Frauenschaft zusammen: "Wenn früher die liberalen intellektualistischen Frauenbewegungen in ihren Programmen viele, viele Punkte enthielten, die ihren Ausgang vom sogenannten Geiste nahmen, dann enthält das Programm unserer nationalsozialistischen Frauenbewegung nur einen einzigen Punkt, und dieser Punkt heißt das Kind. [...] Was der Mann an Opfern bringt im Ringen seines Volkes, bringt die Frau an Opfern im Ringen um die Erhaltung dieses Volkes in den einzelnen Zellen [...]. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für das Sein oder Nichtsein ihres Volkes."

In derselben Rede erteilte Hitler jeglichen Emanzipationsbestrebungen eine deutliche Abfuhr: "Das Wort von der Frauenemanzipation ist ein nur vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort, und der Inhalt ist von demselben Geist geprägt. Die deutsche Frau brauchte sich in den wirklich guten Zeiten des deutschen Lebens nie zu emanzipieren, sie hat genau das besessen, was die Natur ihr zwangsläufig als Gut zur Verwaltung und Bewahrung gegeben hat. [...] Wir empfinden es nicht als richtig, wenn das Weib in die Welt des Mannes, in sein Hauptgebiet eindringt, sondern wir empfinden es als natürlich, wenn diese beiden Welten geschieden bleiben."

 

Quellentext
NS-Frauenideologie

Das nationalsozialistische Frauenbild war im Grunde kein Frauen-, sondern ein Mutterbild: Ein weiblicher Mensch wurde fast nie als ”Frau” gesehen, sondern immer gleich als ”Mutter”, denn nach den Vorstellungen der NS-Ideologen war die Frau ein naturbestimmtes Wesen. […] Wenn Frauen in der NS-Ideologie ausgezeichnet wurden, dann unter der doppelten Reduktion auf die ”deutsche Mutter”; denn eine Frau, die keine ”Deutsche” im rassenideologischen Sinn war, wurde nicht als Mensch anerkannt. […]

Auf die Seite der ”geburtenfördernden” Maßnahmen gehören neben rein ”ideellen” Anreizen wie dem Mutterkreuz die Ehestandsdarlehen für junge ”deutsche” und ”erbgesunde” Familien, […] die starke Einschränkung von Verhütungsmitteln und die Todesstrafe für aktive Abtreibung sowie die ständige Werbung an ”deutsche”, ”erbgesunde” Männer und Frauen, Familien zu gründen und viele Kinder zu bekommen.

Zu den ”geburtenverhindernden” Maßnahmen gehörten die hunderttausend Zwangssterilisationen und die Zwangsabtreibungen an als ”erbkrank” angesehenen ”Deutschen” und an Jüdinnen und Zigeunerinnen, die Morde an angeblich ”erbkranken” psychisch Kranken, die ”Nürnberger Rassegesetze” und schließlich auch die millionenfachen Morde an den europäischen Juden. […]

Das Frauen- bzw. Mutterbild des NS-Kults blieb von der Wirklichkeit der Frauenarbeit weitgehend unberührt. In den Kult-Texten kommt Arbeit von Frauen nur als direkte Arbeit für die Familie vor oder als Ersatzarbeit für den in den Krieg gezogenen Mann. Im letzteren Fall ist die Frau dann allerdings meist Bäuerin und geht statt ihres Ehemanns aufs Feld, übt also eine Arbeit aus, die sich gut mit dem NS-Frauenbild, dessen Ideal die ”deutsche” Bäuerin mit zehn Kindern war, vereinbaren ließ.

Erst gegen Ende des Krieges wird in den Reden der ”Mütterehrungsfeiern” auch der ”arbeitenden Frau” bzw. der ”Frau im Rüstungseinsatz” gedankt, die natürlich auch dann noch nebenbei viele Kinder bekommen sollte. In den Kult-Texten selbst, in den Liedern und Gedichten der Muttertagsfeiern, kommt Frauenarbeit weiterhin nur als Familienarbeit bzw. als Bäuerinnenarbeit vor. […]

Der NS-”Mutterkult” war nicht ein Aspekt der NS-Frauenideologie unter anderen, sondern ihr Zentrum, er entsprach der bestimmenden Vorstellung, die die Nazis von (”deutschen”) Frauen hatten. […] Eine Frau, die keine Kinder hatte oder wollte, galt nicht als richtige Frau, deshalb brauchte sie im Kult nicht berücksichtigt zu werden.

Irmgard Weyrather, Muttertag und Mutterkreuz, Frankfurt/M. 1993, S. 9 ff.


Verfolgung und Widerstand

Zwischen 1933 und 1945 wurden Zehntausende Frauen aus politischen Gründen festgenommen. Bereits 1933 richteten die Nationalsozialisten in Moringen, Stadelheim, Brauweiler und Gotteszell Frauenlager ein. Allein in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück wurden von 1939 bis 1945 132000 Frauen aus 23 Nationen eingeliefert. Rund 92000 von ihnen starben an Krankheiten, Unterernährung und Erschöpfung oder wurden ermordet.

Die Verfolgung von Frauen begann unmittelbar nach der "Machtübernahme" und richtete sich zunächst gegen Politikerinnen: So wurde die frühere Breslauer Reichstagsabgeordnete Minna Cammers (SPD) im März 1933 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) verhaftet und umgebracht, weil sie Flugblätter gegen die Nazis verteilt hatte. Die kommunistischen Reichstagsabgeordneten Franziska Kessel und Helene Fleischer wurden ebenfalls von NS-Trupps getötet. Neben anderen mußten auch Marie Elisabeth Lüders (DDP) oder Christine Teusch (Zentrum), die nach dem Kriege in der bundesdeutschen Politik eine bedeutende Rolle spielten, mehrere Monate in Gestapo-Kerkern verbringen.

Jede Form von Widerstand wurde von den Nationalsozialisten unerbittlich verfolgt: Das erste Todesurteil gegen eine Frau wurde am 20. Juni 1938 an Liselotte Hermann in Berlin-Plötzensee vollstreckt; sie hatte Flugschriften über die illegale Aufrüstung in den Friedrichshafener Dornier-Werken verteilt. Auch die Studentin Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe Weiße Rose, die Flugblätter gegen NS-Regime und Krieg verfaßt und verteilt hatte, wurde 1943 in München-Stadelheim hingerichtet. Hunderte weitere Frauen wurden ermordet, hingerichtet oder starben an Haftfolgen, weil sie illegales Material aus dem Ausland nach Deutschland gebracht, Kurierdienste für Widerstandsgruppen geleistet, Flugblätter verteilt, ausländische Sender abgehört, die Arbeit in Munitionsfabriken verweigert, Juden oder Zwangsarbeitern geholfen, Widerstandskämpfer beherbergt, öffentlich das Mißlingen des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 bedauert oder Zweifel am "Endsieg" geäußert hatten.

Vorhandene Statistiken vermitteln nur ein unvollständiges Bild des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus, der Anteil der Frauen wird auf etwa 20 Prozent geschätzt, wobei die Mitarbeit und Solidarität vieler Unbekannter nicht erfaßt ist.

Passive Mehrheit

Doch die Mehrheit stand dem neuen Regime passiv gegenüber, während eine große Minderheit offen mit dem Nationalsozialismus sympathisierte, wie zahllose Fotos und Filmaufnahmen belegen. Die NS-Frauenschaft, 1935 in den Rang einer "Gliederung" der NSDAP erhoben, hatte im März 1939 2,3 Millionen Mitglieder. Nimmt man das Frauenwerk hinzu, war nach Angaben von Gertrud Scholtz-Klink, Leiterin beider Organisationen, 1941 jede fünfte deutsche Frau über 18 Jahre organisatorisch erfaßt. Bereits 1935 hatte sie als Führerin der NS-Frauenschaft geschwärmt: "Es ist das erste Mal, daß Frauen verantwortlich sind, für ihre Entwicklung, ihre Lebensart, ihren menschlichen Anstand und ihre Pflichterfüllung dem Volksganzen gegenüber. Es ist auch das erste Mal, daß Frauen sich in so geschlossener Bereitwilligkeit und Disziplin der Führung von Frauen anvertrauen, Ordnung und Einheit halten in den eigenen Reihen."

Viele Deutsche, darunter auch viele Frauen, haben ihre Inaktivität während der NS-Zeit später mit dem Hinweis zu entschuldigen versucht, sie hätten sich nicht um Politik gekümmert und außerdem von den Verbrechen der Nazis nichts gewußt.

An den Schaltstellen von Partei und Staat gab es im Nationalsozialismus jedoch keine Frau. Der gelegentlich auch heute noch erhobene Vorwurf, die Frauen hätten Hitler an die Macht gebracht ("entdeckt, gewählt, vergöttert" - Joachim Fest) läßt sich nicht belegen. Bei den Reichstagswahlen von 1930 entschieden sich bedeutend weniger Frauen als Männer für die NSDAP, und auch bei den Wahlen vom Juli und November 1932 lag ihr Stimmenanteil noch geringfügig niedriger (rund zwei Prozent). Nicht zu leugnen ist allerdings, daß viele Frauen mehr oder weniger verhängnisvolle Handlangerdienste geleistet haben, so beispielsweise als Vermittlerinnen der NS-Ideologie in den Schulen und im Bund Deutscher Mädel (BDM), bei Zwangssterilisierungen oder Tötungen von Menschen und als brutale KZ-Aufseherinnen.

Andererseits waren Frauen in besonderer Weise Opfer politischer Manipulation. Die antiemanzipatorischen Inhalte der NS-Ideologie wurden in einer Weise umgesetzt, die auf eine tiefe Verachtung des weiblichen Geschlechts schließen ließ. Die Überbetonung der Mutterschaft korrespondierte mit der Überzeugung, daß Frauen zu verantwortlichen Positionen in Beruf und Gesellschaft nicht taugten. Sie verloren das passive Wahlrecht, wurden aus dem öffentlichen Dienst herausgedrängt, ihr Zugang zu Universitäten wurde auf zehn Prozent der Neuimmatrikulationen beschränkt, sie durften nicht mehr Anwältin oder Richterin werden, im Gesundheitswesen keine leitenden Stellungen bekleiden und wurden nicht mehr zur Habilitation zugelassen. Ehestandsdarlehen waren von der Aufgabe der Erwerbstätigkeit und einem "Ehetauglichkeits-Zeugnis" der Frau abhängig. Unfruchtbarkeit und die Weigerung, Kinder zu bekommen, wurden zu Scheidungsgründen erklärt. Vom Abtreibungsverbot blieben jüdische und osteuropäische Frauen ausgenommen, wofür rasstisch motivierte Gründe ebenso maßgeblich waren wie für die Zwangssterilisierungen.

Bei der Beschränkung beruflicher Möglichkeiten ging es mehr um qualitative als um quantitative Aspekte. Zwar wurden Frauen unter dem Vorwand "Doppelverdienertum" zunächst auch aus den Betrieben herausgedrängt. Aber bereits 1936, als durch den beschleunigten Aufbau der Wehrmacht ein Mangel an Arbeitskräften entstand, galt Frauenarbeit plötzlich als "unentbehrlicher Faktor", vor allem in der Rüstungsindustrie. Zwischen 1935 und 1939 stieg der Anteil weiblicher Beschäftigter in der Industrie von 32,8 auf 39 Prozent. 210000 schulentlassene Mädchen leisteten 1939 ein obligatorisches Pflichtjahr auf dem Land und in kinderreichen Familien.

Nachdem sie im September 1939 den Zweiten Weltkrieg entfacht hatten, scherten sich die Nationalsozialisten nicht mehr um ihre früheren Einschränkungen und Verbote. Nun mußten Frauen überall da einspringen, wo die zur Wehrmacht eingezogenen Männer fehlten. Außerdem wurden sie zu militärischen Hilfsleistungen verpflichtet. Ab 1940/41 wurden Frauen zu Telefonistinnen, Fernschreiberinnen und Funkerinnen ausgebildet. Da die Werbung um freiwillige Flakhelferinnen erfolglos blieb, verpflichtete man 1943 rund 45000 Frauen des Reichsarbeitsdienstes. Im Sommer 1944 forderte das Regime auch von Frauen den "totalen Kriegseinsatz". Die Zahl der Wehrmachtshelferinnen wurde von 150000 auf 300000 verdoppelt. Im Frühjahr 1945 dienten etwa 500000 Frauen beim Militär.

Die Frage nach dem "Frausein" im Nationalsozialismus stellt heute einen wesentlichen Teilbereich frauengeschichtlicher Forschung dar. Im "Frauenlexikon" heißt es dazu: "Die These, daß der Antifeminismus dem Rassismus und dem Biologismus vorgelagert ist, gewinnt in der gegenwärtigen Diskussion an Überzeugungskraft [...]. Der Nationalsozialismus stellt sich in der Frauengeschichtsforschung heute als die höchste Stufe einer tief in die deutsche und europäische Geschichte eingewurzelten antifeministischen Tradition dar, die uns auf die Frage sowohl nach den historischen Ursprüngen der Frauenunterdrückung [...] als auch nach den heute noch lebendigen antifeministischen Traditionen verweist."

Während der Antifeminismus der Nationalsozialisten alle Frauen traf, waren "die bis zur absoluten Wertlosigkeit abgewerteten Frauen" (Ute Benz) wie Jüdinnen, weibliche Sinti und Roma, Polinnen, Russinnen und andere Osteuropäerinnen darüber hinaus einem erbarmungslosen und mörderischen Rassismus ausgesetzt.
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09. Februar 2010
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