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Informationen zur politischen Bildung (Heft 254)

Weg zur Gleichberechtigung


Gisela Helwig
Inhalt

Einleitung

Frauenrechte sind Menschenrechte

Erste Schritte

Anfänge in Deutschland

Vormärz

Unterschiedliche Richtungen

Weimarer Republik

Frauen im Nationalsozialismus

Neubeginn

Neubeginn

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende der Kampfhandlungen in Europa lagen die meisten deutschen Großstädte in Schutt und Asche. Tieffliegerangriffe und Nächte im Luftschutzkeller gehörten nun zwar der Vergangenheit an, aber für einen großen Teil der Bevölkerung verband sich die Erleichterung, noch einmal davongekommen zu sein, mit der Sorge um das nackte Überleben. Zahllose Menschen, vor allem Frauen und Kinder, suchten nach der Vertreibung und Flucht aus den deutschen Ostgebieten eine neue Bleibe. Außerdem standen auch viele, die im Krieg aus besonders gefährdeten Gebieten evakuiert worden waren, nach ihrer Heimkehr vor zerbombten Häusern.

Bei Kriegsende war rund ein Viertel aller Wohnungen in Deutschland zerstört, ein Großteil beschädigt. Menschen hausten in Kellern, Ruinen und Bunkern. In der unmittelbaren Nachkriegszeit fehlte es an allem: Nahrung, Wasser, Heizmaterial, Bekleidung, Medikamenten. Die Organisierung des Überlebens oblag vor allem den Frauen - fast vier Millionen Männer waren gefallen, Hunderttausende infolge von Kriegsverletzungen arbeitsunfähig, und rund 12 Millionen befanden sich in Gefangenschaft, zum Teil bis in die fünfziger Jahre. Neben der Versorgung von Kindern und Alten leisteten Frauen Schwerstarbeit.

In den vier Besatzungszonen verfügten die Alliierten die Arbeitspflicht für Frauen im Alter von 15 bis 50 und für Männer von 14 bis 65 Jahren. In Berlin, wo 1945 rund zwei Drittel der 3,1 Millionen Einwohner weiblich waren, wurden die Frauen ab 1. Juni zur Mithilfe bei der Trümmerbeseitigung herangezogen. Eine damals 36 Jahre alte Berlinerin berichtet: "Ich war bei der Straßenreinigung angestellt. Da gab es große Pferdewagen, auf die haben wir die Steine aufgeladen. Pferde gab es nicht mehr, deshalb mußten wir Frauen die Wagen ziehen und schieben. An jeder Seite ein paar Frauen. Da hieß es: volladen mit Schippen, immer rauf und wegbringen [...]. Na ja, viel Lohn haben wir damals nicht gekriegt. 61 Pfennige waren das damals, glaub ich. Aber wir haben eine höhere Karte gekriegt, eine Arbeitskarte, das war das Attraktive daran. Denn die Hausfrauenkarte, die ich zuerst bekam, das war wirklich zum Leben zu wenig [...]. 300 Gramm Brot [...] und sieben Gramm Fett pro Tag." (aus: "Wie wir das alles geschafft haben".

Im zu mehr als der Hälfte zerstörten Berlin gab es rund 60000 "Trümmerfrauen" - im Verhältnis zur Einwohnerzahl weitaus mehr als in anderen Städten. Doch überall verrichteten Frauen Schwerstarbeit, "Männerarbeit", so bei der Schuttbeseitigung, in Fabriken und auf dem Bau. Der Ärger über die im Vergleich zu den Kollegen um rund 40 Prozent niedrigeren Löhne wurde durch die bessere Versorgung zumindest teilweise kompensiert. Mit den Lebensmittelkarten für "Schwerarbeiter" konnte man, wenn die Zuteilungen an die Verkaufsstellen ausreichten, doppelt soviel Brot und fünfmal soviel Fleisch und Fett kaufen wie mit den "Hausfrauenkarten", die zur letzten Kategorie gehörten.

1945/46 wurden in den vier Besatzungszonen mehr als 5000 überparteiliche und -konfessionelle Frauenausschüsse gegründet, die durch Hilfe zur Selbsthilfe und soziales Engagement zur Überwindung der alltäglichen Not beitrugen. Sie richteten Kindergärten ein und organisierten mit Hilfe von Spenden kostenlose Schulspeisungen. Im Rahmen der Aktion "Rettet die Kinder" stellten Berlinerinnen in über die ganze Stadt verteilten Nähstuben aus gesammeltem Material warme Bekleidung her. Frauenausschüsse richteten Beratungsstellen ein, vermittelten zwischen Bürgerinnen, Bürgern und Behörden, koordinierten die gesundheitliche Vorsorge für Schulkinder, überwachten die Einzelhandelspreise und protestierten gegen die Lohndiskriminierung weiblicher Erwerbstätiger.

Viele Ausschußmitglieder waren vor 1933 nicht nur in karitativen Organisationen, sondern auch in Parteien tätig gewesen und versuchten nun, Frauen politisch zu aktivieren. Der Frauenausschuß in Frankfurt am Main setzte sich für volle politische und ökonomische Gleichstellung ein, der Dortmunder Ausschuß wollte "durch Aufklärung in Wort und Schrift die Frau im demokratischen Geist erziehen und ferner mitwirken im Kampf um die Gleichberechtigung der Frau auf politischem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet, in der kulturellen Betreuung von Frauen sowie in der Schaffung von Frauenberatungsstellen und Frauenheimen".

Gleichberechtigungsgebot

Der aktiven Teilnahme der Frauen am Wiederaufbau schien zunächst auch ein zunehmendes politisches Engagement zu entsprechen. So konnte 1949 das Gleichberechtigungsgebot des Grundgesetzes (GG) durch eine Flut von Protestschreiben gegen das ursprünglich negative Votum des Parlamentarischen Rates durchgesetzt werden. Elisabeth Selbert (SPD, 1896-1986) - neben Helene Wessel (Zentrum, 1898-1969), Helene Weber (CDU, 1881-1962) und Friederike Nadig (SPD, 1897-1970) eine der vier "Mütter" des Grundgesetzes - war eine beispielhafte Mobilisierung der Frauen für die von ihr eingebrachte Formulierung ("Männer und Frauen sind gleichberechtigt") gelungen.

Mitte der fünfziger Jahre hatte die SPD gut 19 Prozent, die CDU 17 Prozent weibliche Mitglieder, und von 1949 bis 1957 stieg der Anteil weiblicher Bundestagsabgeordneter von 7,1 auf 9,2 Prozent. Parallel zur ökonomischen Konsolidierung setzte dann allerdings eine gegenläufige Entwicklung ein, die in Krisenzeiten in den Hintergrund gedrängten geschlechtsspezifischen Rollenmuster gewannen wieder an Bedeutung. Der Rückzug bzw. die Zurückdrängung der Frauen in die Familien zog ihren Verzicht auf Mitwirkung im öffentlichen Leben nach sich.

Bis 1965 ging der Anteil weiblicher Mitglieder in der SPD um 1,6 und in der CDU um 3,7 Prozentpunkte zurück. Der Anteil von Frauen an den Bundestagsabgeordneten ihrer Parteien sank zwischen 1953 und 1965 in der SPD von 13 auf 8,8 Prozent und in der CDU von 8,1 auf 5,9 Prozent. Entsprechend dieser Entwicklung in den beiden größten Parteien verminderte sich die Frauenquote im Bundestag 1965 auf 6,6 Prozent und erreichte 1972 mit 5,8 Prozent ihren Tiefststand.

 

Quellentext
Alltag Berliner Hausfrauen

1947

Die meisten von uns wissen aus eigener Erfahrung, welche Zeit und Kraft das Herbeischaffen von Nahrung, von Holz, oft auch von Kohle beansprucht. Lange Fahrten mit der S-Bahn und daran anschließende Fußmärsche sind für zahlreiche Frauen aus dem Stadtinnern notwendig, um mehrmals in der Woche Brennholz aus den umliegenden Wäldern heranzuschleppen. Man sieht Scharen solcher schwer bepackter Frauen (auch Männer und Jugendliche) täglich in den Abteilen der S-Bahn und weiß, daß derartige Expeditionen einen halben oder ganzen Vormittag kosten. Hinzu kommt das oft stundenlange Warten der Frauen auf den Ämtern, um dort Ausweise, Bezugsscheine, Atteste, Erlaubnisscheine zu erlangen. Unzählige dringliche Beschaffungen für Gesunde und Kranke sind an derartige Scheine gebunden und erfordern Fahrten und lange Wartezeiten. Aufmerksam beobachtende Ärzte haben diesen ”Leerlauf”, der im alltäglichen Leben der Familien eine erhebliche Rolle spielt, als ”zermürbend” bezeichnet, weil hier unentwegt Energien verbraucht werden, die der wirklichen Arbeitsleistung entzogen, sozusagen im leeren Raum verpuffen. Da dieser Leerlauf oft von nagendem Hunger begleitet wird, kann er, besonders in der kalten Jahreszeit, empfindlich reagierende Menschen erheblich schwächen. Zeitraubendes Hin- und Herlaufen erfordern auch die unzähligen Tauschgeschäfte, in die fast alle Hausfrauen verstrickt sind, sei es um eine Rolle Näh- oder Stopfgarn zu erzielen, oder um einige Nähnadeln, ein Paar alte Schuhsohlen, Nägel und was immer im Augenblick nötig gebraucht wird, durch einfachen oder durch Kettentausch schließlich zu erwerben. Rechnet man die tatsächliche tägliche Arbeitsleistung der Hausfrauen hinzu, das immer mühseliger werdende Flicken der abgenutzten Wäsche, das Stopfen der Strümpfe, die Umränderung alter Kleider für heranwachsende Kinder, so begreift man, daß alle diese Arbeiten allein schon den Tag einer Familienmutter ausfüllen, ja häufig überfüllen. Dort, wo der Mann fehlt, und die Kinder noch zu jung sind, werden die Sonntage von den Müttern häufig zu Hamsterfahrten benutzt, um von Fremden oder Verwandten aus der ländlichen Umgegend zusätzliche Nahrung heranzuholen. Im Winter erschwert das Zusammengedrängtsein in einem Raum die Haushaltsführung, weil in allzu großer Beengtheit ein ständiger Kampf geführt wird, um das Mindestmaß an Sauberkeit, Ordnung und Zufriedenstellung der einzelnen Familienmitglieder zu erreichen. [...]

Klaus-Jörg Ruhl (Hg.), Frauen in der Nachkriegszeit 1945-1963, München 1988, S. 27 f.

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10. Februar 2012
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