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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 9/2002)

Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement


Anne Hacket / Gerd Mutz
Inhalt

Einleitung

I. Ist es sinnvoll, das bürgerschaftliche Engagement zu quantifizieren?

II. Gibt es einen Strukturwandel des Ehrenamtes?

III. Gibt es einen Motivationswandel?

IV. Wir brauchen eine regelmäßige Engagementberichterstattung

Einleitung
Bürgerschaftliches Engagement ist in den letzten Jahren zu einem öffentlichen Thema geworden. Weil den großen Wohlfahrtsverbänden die Ehrenamtlichen fehlten, wurde eine "Krise des Ehrenamtes" befürchtet. Es schien, als seien immer weniger Menschen bereit, sich auf ein Ehrenamt einzulassen. In den folgenden wissenschaftlichen Debatten ging es zunächst darum, die Zahl der Engagierten und die Engagementbereitschaft in der Bevölkerung im Vergleich mit anderen Ländern zu ermitteln. Das Ergebnis war niederschmetternd: Deutschland fand sich in internationalen Vergleichen auf den letzten Rängen (z. B. Eurovol-Studie [1] ) wieder. Um dieses überraschende Ergebnis zu erklären, wurden eine Reihe quantitativer und qualitativer Studien gestartet. Deutschland sah sich als ein Land mit der höchsten Zahl an Vereinen, einem ausgeprägten Verbandswesen und prinzipiell sehr hilfs- und engagementbereiten Menschen. In einer Vielzahl von Veröffentlichungen wurde ein "Wandel des Ehrenamtes" vermutet, und die Diagnose gestellt, dass gesamtgesellschaftliche Individualisierungstendenzen die treibende Kraft sein könnten: Die "Krise des Ehrenamtes" wurde mit abnehmender Hilfs- und Verantwortungsbereitschaft assoziiert und in ein Bild von Individualisierung eingefügt, das mit den Begriffen: Ich-Gesellschaft und Egotrip korrespondierte.

  • PDF-Version: 65 KB


  • Zur Person
    Anne Hacket
    Dipl.-Soz., geb. 1973; wissenschaftliche Mitarbeiterin im Münchener Institut für Sozialforschung (MISS).

    Anschrift: MISS, Dachauer Straße 189/III, 80637 München.
    E-Mail: Anne.hacket@sozialforschung.org

    Veröffentlichungen u. a.: (zus. mit Josef Preißler/Wolfgang Ludwig-Mayerhofen) am unteren Ende der Bildungsgesellschaft, in: Eva Barlösius/Wolfgang Ludwig-Mayerhofen (Hrsg.), Die Armut der Gesellschaft, Opladen 2001.

    In den wissenschaftlichen Diskussionen kristallisierten sich zwei Themenbereiche heraus, die den Blickwinkel vom pessimistischen Beklagen abnehmender Mitmenschlichkeit hin zu Veränderungen und neuen Entwicklungen im Bereich des Ehrenamtes lenkten: Es wurden erstens ein Strukturwandel des Ehrenamtes [2] und zweitens ein Motivwandel [3] deutlich, der mit dem gesellschaftlichen Wertewandel einher geht. Beides hängt mit Individualisierungsprozessen zusammen, aber in einer anderen Weise, als dies in den öffentlichen Klagen zum Ausdruck gekommen ist. In sehr viel differenzierter Weise handelt es sich um Pluralisierungs- und Entgrenzungstendenzen, die wir in übrigen Tätigkeitsbereichen der Gesellschaft auch feststellen können. Am Horizont erscheint keine wie auch immer formierte Erlebnisgesellschaft, sondern es zeigt sich eine sich weiter entwickelnde Vielfalt in den Strukturen und Motiven; Menschen verweigern sich nicht der Verantwortung und dem Engagement, sie suchen nach anderen Formen und Möglichkeiten. Diese differenzierte Sicht machte den Weg frei für unvoreingenommene Forschungen.

    Zur Person
    Gerd Mutz
    PD, Dr. rer.pol., geb. 1952; Leiter des Münchner Istitut für Sozialforschung (MISS).

    Anschrift: MISS, Dachauer Straße 189/III, 80637 München.
    E-Mail: GerdMutz@socialsciencel.de

    Veröffentlichungen u. a.: Zahlreiche Veröffentlichungen zur interkulturellen Arbeitssoziologie.

    Gleichzeitig gab es Hinweise darauf, dass die Höhe der Ehrenamtsquote durchaus nicht eindeutig ist. Auch in der Großen Anfrage an die Bundesregierung 1996 [4] wurde darauf hingewiesen, dass eine solide und breite Datenbasis zur Konkretisierung weiterer Fragen fehlt. Diese Lücke sollte der so genannte Freiwilligensurvey schließen, der 1998 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Auftrag gegeben wurde. [5] "Untersuchungsziel ist ein Gesamtblick zu freiwilligem Engagement in Deutschland, unter Einbeziehung verschiedener Formen wie ehrenamtlicher Tätigkeit, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement in Initiativen und Projektgruppen und Selbsthilfe. Dabei sollen Umfang, Art, Strukturbedingungen und Motivation freiwilligen Engagements dargestellt werden" [6] . Mit dem Datenmaterial aus fast 15 000 telefonischen Interviews liegt die bisher umfassendste Untersuchung freiwilliger Tätigkeiten vor - dem entsprechend hoch waren die Erwartungen, die in diese Studie gesetzt wurden. Die Ergebnisse waren insbesondere im Hinblick auf die Höhe der errechneten Freiwilligenquote überraschend. Dies löste eine rege Diskussionen über die Qualität der Studie, die Gültigkeit der Daten und deren Interpretationen und Konsequenzen aus. [7]
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    09. Februar 2012
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    Traditionslinien bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland
    Editorial
    Traditionslinien bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland
    Bürgerengagement im Sozialstaat
    Kommunale Förderbedingungen für bürgerschaftliches Engagement
    Freiwilligendienste in der Bürgergesellschaft
    Bürgerschaftliches Engagement in Europa
    Empirische Befunde zum bürgerschaftlichen Engagement
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