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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 40-41/2006)
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Wer ist was in der deutsch-türkischen Nachbarschaft? |

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Ferdinand Sutterlüty
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Ethnischer Verwandtschaftsglaube |
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Bei der Stigmatisierung des ökonomisch erfolgreichen und politisch aktiven Teils der türkischen Bevölkerung ist eine Vorstellung von entscheidender Bedeutung, die ethnische Zugehörigkeit als Verwandtschaftsverhältnis auffasst. Die deutschen Stadtteilbewohner agieren dabei auf der Grundlage der naturalistischen Vorstellung, sie seien mit anderen Mitgliedern ihrer ethnischen Gruppe "verwandt" und mit der türkischstämmigen Bevölkerung "nicht verwandt". Es handelt sich dabei um eine symbolische Tiefendimension sozialer Ungleichheit, das heißt um ein verborgenes, den Individuen gar nicht reflexiv verfügbares Wahrnehmungsmuster. Es beruht zum einen auf der Idee einer biologischen Blutsverwandtschaft und Abstammungsgemeinschaft unter den Angehörigen der ethnischen Eigengruppe. Zum anderen geht es dabei um die Vorstellung der Verwandtschaft im Sinne eines familialen Interaktions- und Solidarsystems, das weit über den Rahmen biologischer Gemeinsamkeitsvorstellungen hinausgeht. Dieses Solidarprinzip, das sich an einem idealisierten Modell familialer Interaktion orientiert, verschmilzt mit der Vorstellung einer konsanguinalen Gemeinsamkeit bzw. mit einer "geglaubten Blutsverwandtschaft".
Die Idee einer ethnischen Blutsverwandtschaft geht mit einer quasifamilialen Binnenmoral der Reziprozität einher und steht hinter negativen Klassifikationen gegen den avancierenden Teil der türkischen Bevölkerung. Das unausgesprochen wirksame Verwandtschaftsmodell der Ethnizität führt dazu, dass eine ethnisch neutrale Verteilung materieller Güter bekämpft wird. Erst muss die Solidarität, so die Logik dieses Modells, der eigenen, als Verwandtschaftsverband gedachten ethnischen Gruppe gelten, mit der "primordiale" Zugehörigkeitsgefühle verbunden werden, das heißt Gefühle einer unmittelbaren, als natürlich empfundenen Bindung an die Eigengruppe. Die gleichwertige Teilhabe und Partizipation von Migranten passt nicht in dieses partikularistische Bild. So empört sich etwa eine Vertreterin der größten Fraktion im Barrener Stadtrat auf einer Bürgerversammlung mit folgenden Worten über die "Forderungen" türkischer Vereine an das örtliche Programm Soziale Stadt NRW: "Die wollen unsere deutschen Gelder haben!" Diese auf der Versammlung lautstark beklatschte Äußerung besagt so viel wie: Das Geld muss in der Familie bleiben, für die nichtdeutschen Anderen sind wir nicht verantwortlich. Die ethnische Verwandtschaftsidee verhindert "zivile", das heißt auf gemeinsamen Interessen oder politischen Überzeugungen basierende Bindungen zwischen Deutschen und Türken. Die deutschen Stadtteilbewohner wollen nicht hinnehmen, dass die eigene, verwandtschaftlich definierte Hausmacht zugunsten von Fremden an Boden verliert. Nicht die Suche nach zivilen Gemeinsamkeiten, sondern ein ethnisch erweiterter Nepotismus beherrscht ihr Tun. Aufgrund der beschriebenen Verwandtschaftsvorstellungen ruft die erfolgreiche türkische Anwohnerschaft ein spezifisches Handlungsproblem des interethnischen Austausches auf den Plan, das die Suche nach kritisierbaren Verhaltensmerkmalen anleitet. Es bringt die beschriebenen negativen Klassifikationen gegen türkische Aufsteiger hervor. Die symbolische Tiefenstruktur des ethnischen Verwandtschaftsmodells ist ihr generatives Prinzip. |
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10. Februar 2012
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Dossier |
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Migration
16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben 2010 allein in Deutschland. Was bedeutet das für die Integration? Wie sieht das Asyl- und Zuwanderungsrecht in Europa aus, und welche globalen Trends zeichnen sich ab? |
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Experten / Experts |
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Experten Migration
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