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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 41/2002)

Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich


Mechthild Veil
Inhalt

I. Republikanische Tradition

II. Aufbau und Struktur des französischen Schulwesens

III. Der Schulalltag

IV. Jenseits der republikanischen Gleichheitsidee

I. Republikanische Tradition

Ganztagsschulen in Frankreich haben mit die längste Tradition in Europa. Sie bestehen dort seit dem Jahre 1881. Die III. Republik führte durch ihren Bildungsminister Jules Ferry die obligatorische Grundschule als Ganztagsschule ein. Französische Kinder besuchen heute Ganztagsschulen von der Vorschule (école maternelle), über die fünfjährige Grundschule (école primaire), die Sekundarstufe (collège unique) und über das Gymnasium (lycée) bis zum Abitur. Das heißt, Schule in Frankreich ist synonym mit Ganztagsschule. Schule und Ganztagsschule bilden auch sprachlich eine Einheit, es gibt im Französischen keinen Ausdruck für Ganztagsschule.

Zur Person
Mechthild Veil
Dr. phil., geb. 1944; selbständige Sozialwissenschaftlerin im "Büro für Sozialpolitik und Geschlechterforschung in Europa", Frankfurt a.M.

Anschrift: Büro für Sozialpolitik, Kasseler Str. 1a, 60486 Frankfurt a.M.
E-Mail: mechthild.veil@t-online.de
Internet: Sozialpolitikvergleich

Veröffentlichungen u.a.: Alterssicherung von Frauen in Deutschland und Frankreich, Berlin 2002 (i.E.)

Diese normative Setzung hat Auswirkungen auf die Schulforschung. Weil der ganztägige Unterricht mit der allgemeinen Schulpflicht verknüpft ist und "es schon immer so war", problematisiert die Gesellschaft diese Schulform nicht. Sie stellt sie nicht zur Disposition. Die Ganztagsschule ist Bestandteil von Alltagswerten und -kulturen, die fest in der französischen Gesellschaft verankert sind. So ist Franzosen im Allgemeinen nur schwer zu vermitteln, dass Schulen in Deutschland keine festen Öffnungszeiten garantieren. Was als selbstverständlich erscheint und auf gesellschaftliche Akzeptanz stößt, entwickelt sich selten zum Gegenstand der Forschung. Aus diesem Grunde ist in Frankreich die Forschung über Vor- und Nachteile von Ganztagsschulen kaum entwickelt, was natürlich nicht bedeutet, dass es keine Forschung, Fragestellungen und kritischen Stimmen zu schulpolitischen Auseinandersetzungen gibt. Diese sind gerade in letzter Zeit wieder virulent geworden; neben der Frage der Unterrichtsinhalte streiten unterschiedliche Akteure (Lehrer- und Elternverbände, Gewerkschaften, Politiker und Schüler) vor allem über den Zeitaspekt (rythme scolaire): die Verteilung der Schulstunden über den Tag, die Woche und das Jahr - kurz ganz allgemein über die Frage, wie der Schulrhythmus zukünftig aussehen soll.

Ganztagsschule in Frankreich ist vor allem ein politisches und weniger ein pädagogisches Konzept, das aus den Abgrenzungsbewegungen der III. Republik Ende des 19. Jahrhunderts gegenüber dem Einfluss der katholischen Kirche auf Familie und Erziehung entstanden ist. Im Jahre 1881 etablierte sich das französische republikanische Erziehungssystem, das auch die berufliche Ausbildung einschließt, als eine öffentliche Aufgabe. Die Gründungsideen beruhen auf den republikanischen Prinzipien der Gleichheit und Freiheit, auf staatlicher Kontrolle, auf Kostenfreiheit und auf dem Laizismus, das heißt der Neutralität gegenüber Religionen. Mit dem Prinzip des Laizismus vollzog sich im Schulwesen die Trennung von Kirche und Staat bereits vor ihrer gesetzlichen Verankerung im Jahre 1904. [1]

Die Kirche wurde aus dem staatlichen Schulwesen vertrieben. Als Kompromiss gewährte ihr der Staat einen schulfreien Tag in der Woche für den Katechismusunterricht und für die kirchliche Jugendarbeit; damals war es der Donnerstag, seit 1972 ist es der Mittwoch. [2] Das Prinzip des Laizismus brachte es ebenfalls mit sich, dass die kirchlich geführten Privatschulen verdrängt wurden. Diese so genannten "freien Schulen" (écoles libres) verschwanden zwar nicht vollständig, wurden jedoch unter staatliche Aufsicht gestellt. [3] Im Gegenzug dafür erhalten sie finanzielle Förderung durch den Staat. [4] Der immer wieder aufflackernde Schulstreit (querelle scolaire) "zwischen den antiklerikalen Anhängern einer einheitlichen Staatsschule (laics) und den Befürwortern staatlich subventionierter Privatschulen (cathos = catholiques)" [5] zeigt, dass die Trennung von Kirche und Staat im Schulwesen noch lange nicht "verdaut" ist.

Aufgabe des weltanschaulich unabhängigen Schulwesens, das ohne religiöse Symbole und ohne Religionsunterricht auszukommen hat, war es, den Nationalstaat und die Republik als Staatsform gegen äußere und innere Feinde im Kampf gegen Monarchie und "Klerikalismus" zu festigen. Der republikanische Staat mutierte zum Pädagogen der Gesellschaft. Dies erschien notwendig, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, welcher seit der Auflösung der Zünfte in der Französischen Revolution als gefährdet angesehen wurde, zu konstituieren. Denn es war der Staat, der durch Vereinheitlichung der Werte (Sprache und Symbole), der Maße und Gewichte und vor allem durch das einheitliche Schulwesen aus der Masse von Individuen eine Nation, das heißt Franzosen, machen sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm der Staat - wiederum als "Pädagoge der Nation" - die Aufgabe der Regulierung und Modernisierung der Wirtschaft durch eine Strategie der industriellen Erziehung. [6] Diese integrative Funktion, die das nationale Schulwesen auch in der Gegenwart noch innehat, wird zumeist wenig beachtet.

Dem Schulwesen kommt also eine emotional stark verankerte symbolische Aufgabe zu; es soll die wesentlichen Integrationshilfen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gewähren und ist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte politisch "hoch aufgeladen". Schulpolitik in Frankreich ist zugleich Gesellschaftspolitik. Schnell können sich organisatorische Probleme, z. B. Änderungen im Lehrplan, zu politisch brisanten Fragen entwickeln. Werner Zettelmeier bezeichnet die Entwicklung des Bildungssystems deshalb als einen feinfühligen Gradmesser für gesellschaftliche Transformationen. [7]
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10. Februar 2012
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