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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 41/2002)

Ganztagsschule mit Tradition: Frankreich


Mechthild Veil
Inhalt

I. Republikanische Tradition

II. Aufbau und Struktur des französischen Schulwesens

III. Der Schulalltag

IV. Jenseits der republikanischen Gleichheitsidee

IV. Jenseits der republikanischen Gleichheitsidee

Der französische Sozialphilosoph Alain Finkelkraut sagte einmal, dass jeder das Recht habe, die Schulrealität mit dem republikanischen Versprechen eines hohen Bildungsniveaus für alle konfrontieren zu dürfen. [31]

In den kontrovers geführten Diskussionen in Deutschland über Vor- und Nachteile der Ganztagsschule hegen deren Befürworter die Hoffnung, dass diese mehr soziale Chancengleichheit herstellen könne. Diese Erwartung knüpft sich vor allem an Vorschulen (Kindergärten ab dem 3. Lebensjahr) und an Grundschulen im Ganztagsbetrieb. Aus diesem Grunde hat das Land Rheinland-Pfalz auch seine Pilotprojekte mit diesen Schultypen begonnen. [32]

Die Erfahrungen Frankreichs sind in vielfältiger Hinsicht im Sinne von "best-practice" aufschlussreich: Ein Schulsystem, dass von der Vorschule bis zum Abitur im Ganztagsschulbetrieb organisiert ist, übernimmt Sozialisationsaufgaben, die in Deutschland noch häufig von der Familie geleistet werden. Auch die Sozialisationsleistungen kirchlicher Einrichtungen können - wenn, wie in Frankreich, das Prinzip des Laizismus gilt - aus dem öffentlichen Schulwesen verdrängt werden. Es sind dann die Schule und das Schulleben, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt repräsentieren. Schulpolitik wird Teil der Gesellschaftspolitik und zur wesentlichen Sozialisationsinstanz.

In Frankreich sind es die Vor- und Grundschulen, die Sozialisationsleistungen im positiven Sinne erfüllen, das heißt den Erwartungen auf mehr Chancengleichheit entsprechen. Wie Untersuchungen des französischen Bildungsministeriums von 1973 und 1997 zeigten, wirkt sich der Besuch einer école maternelle positiv auf die weitere Schulkarriere vor allem in den Grundschulen aus. Kinder mit Vorschulerfahrungen bleiben seltener sitzen als andere. Diese Effekte treten bei allen Schülern und Schülerinnen mit Vorschulerfahrungen aus unterschiedlichen sozialen Schichten auf. Die sozialen Unterschiede zwischen den Herkunftsfamilien können allerdings - auch das zeigen die Studien - entgegen "überhöhten" Erwartungen nicht einfach beseitigt werden. Diese werden lediglich abgeschwächt. Arbeiterkinder müssen noch immer häufiger eine Klasse wiederholen als die Kinder der cadres, auch wenn beide über Vorschulerfahrungen verfügen. Das französische Bildungsministerium versucht, familiäre Defizite durch vorzeitige Einschulung in den "sozialen Brennpunkten" zu kompensieren.

Für die Diskussion hierzulande ist es wichtig zu berücksichtigen, dass sich die école maternelle nicht an ausgewählte Zielgruppen (wie z. B. benachteiligte Familien, Kinder erwerbstätiger Mütter oder Alleinerziehende) wendet, sondern für alle mit der Aufgabe geschaffen wurde, aus Individuen Franzosen zu machen. Die gesellschaftliche Bedeutung hat Vorrang vor der sozialen. Das soziale Bindeglied besteht in der Vermittlung eines allgemeinen Kulturguts und kultureller Techniken.

Was sich positiv in der maternelle und in der Grundschule auswirkt, die Vermittlung einheitlicher Werte, wird zu einem Problem in der Sekundarstufe, in den collèges uniques. Denn auf die collèges stürmen zwei Entwicklungen ein, die stören: zum einen die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft mit der Herausbildung disparater Interessen und zum anderen eine verstärkte Zuwanderung, welche die gesellschaftliche Heterogenität verstärkt. Kritiker stimmen darin überein, dass sich die Schule in diesem Zeitabschnitt - konzipiert als eine für alle Schüler einheitliche - zu wenig auf gesellschaftlichen Wandel einstellt. Diese Kritik, die von Eltern, Lehrern, Schülern und Experten geteilt wird, zielt auf das zentralistische Bildungskonzept, das sich als zu starr erweist, und weniger auf das Konzept Ganztagsschule. Diese wird nicht in Frage gestellt.

Die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft durch Zuwanderung entwickelt sich unter Bedingungen einer starken städtischen Segregation zu schulpolitischem Sprengstoff. Gewalttätige Revolten in den Vorstädten (cités), die Pierre Bourdieu und sein Forscherteam in "La misère du Monde" eindrucksvoll dokumentierten, sind Ausdruck fehlender Sozialisationsleistungen der collèges. Die Rekrutierung der Schüler nach dem Wohnsitzprinzip verdoppelt die negativen Effekte: In einigen Stadtteilen kommen bis zu 90 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien, weshalb viele Eltern nach Ausweichstrategien suchen. Allein gelassen mit diesen Problemen, ist die Schule, auch als Ganztagseinrichtung, überfordert.

Positive Erfahrungen aus dem französischen Beispiel sind die häufig erwähnten Vorteile, die erwerbsorientierte Mütter aus dem Ganztagsschulwesen ziehen. Denn in Frankreich ist es ideologisch nicht verdächtig, wenn Frauen (Eltern) ihre Kinder dem Staate anvertrauen, diese an der Schulpforte oder an der Tür der maternelle abgeben, um anschließend ohne schlechtes Gewissen "arbeiten zu gehen". Das schlechte Gewissen berufstätiger Mütter ist oftmals eine Plage für Frauen in Deutschland. Ganztagsschulen in Frankreich sind eng mit dem republikanischen Staat in Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche verknüpft und von daher als gesellschaftliches Gut von Männern und Frauen akzeptiert. Dass Frauen in Frankreich diese Einrichtung der ganztätigen Betreuung und Unterrichtung nutzen, um Beruf und Familie miteinander zu verbinden, drückt sich in den höheren Erwerbsquoten von Müttern und vielleicht auch in den höheren Geburtenraten aus. [33]
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08. Februar 2012
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