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Informationen zur politischen Bildung (Heft 257)
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Geschichtliche Entwicklung |

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Joachim Betz
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Die politische Fragmentierung Indiens nach dem Tode Aurangzebs erschwerte den Handel der europäischen Handelsniederlassungen, die sich seit dem 17. Jahrhundert in Indien etabliert hatten; sie wandten innerhalb ihrer Gebiete eigenes Recht an. Die britischen und französischen Niederlassungen unterstützten unterschiedliche Fraktionen in den dynastischen Nachfolgekämpfen Süd- und Nordindiens. Französische Kräfte konnten den Briten aber nicht lange widerstehen. Die Briten wiederum schlugen in der Schlacht von Plassey 1757 gegen die Bengalen den Nawab von Bengalen, der sie sechs Jahre zuvor aus Kalkutta vertrieben hatte, und leiteten damit den Beginn der englischen Herrschaft auf dem Subkontinent ein. Großbritannien herrschte bis zu den Unruhen 1857 indirekt durch die Ostindiengesellschaft über Indien, was die territoriale Ausdehnung und wirtschaftliche Ausbeutung jedoch nicht hinderte. Südindien und die Gangesebene fielen Ende des 18. Jahrhunderts unter britische Herrschaft, um 1830 folgten Zentral- und Nordostindien, 1849 wurde der Panjab annektiert. Die dabei verwandten Expansionsmethoden waren die Einsetzung der Ostindiengesellschaft zur Einziehung von Steuern und der Abschluß militärischer Allianzen (gegen Tributzahlungen und Souveränitätsabtretung) mit den Fürsten.
Die faktische Inbesitznahme weiter Teile Indiens durch die Ostindiengesellschaft war anfangs begleitet von einer beispiellosen Ausbeutung des Landes, bis - getragen von öffentlicher Empörung - diesem Treiben mit dem India Act von 1784 ein Ende zu machen versucht wurde. Privathandel wurde untersagt, kommerzielle und finanzielle Funktionen strikt getrennt, die Einziehung der Agrarsteuer vereinheitlicht und ein System unabhängiger Gerichte eingeführt. Die Regulierung des Landbesitzes führte jedoch in Zusammenhang mit der Einsetzung der Steuereintreiber (Zamindars) als Grundherren zu einer erheblichen Belastung der Landwirtschaft und zog rasch aufeinanderfolgende Hungersnöte nach sich. Die Briten brauchten sich mit ihren Grundsteuerforderungen nur an die "Grundherren" zu halten; diese wiederum waren für die Ablieferung der Grundsteuern allein verantwortlich, so daß viele der Versuchung unangemessen überhöhter Forderungen erlagen.
Zudem wurden Millionen von indischen Webern und Färbern arbeitslos durch den Import billigerer Tuche aus England. Indien wurde auf den Status eines Rohstoffproduzenten reduziert. Mit den Engländern kamen auch bald Missionare, die zwar keine Massenkonversionen bewirken konnten, deren Schulen, Hospitäler und persönlicher Einsatz auf die spätere Bewegung in Indien zur Reform des Hinduismus aber einen tiefen Einfluß hatten. Unter dem Generalgouverneur Lord Bentick wurden das indische Zivil- und Strafrecht nach englischem Muster kodifiziert und besonders gegen die Menschenwürde verstoßende Praktiken wie die Witwenverbrennung oder Ritualmorde wurden untersagt. Die Einführung westlichen Unterrichts (in englischer Sprache) zwang die bislang persischsprachige Verwaltungselite zu entsprechender Umstellung. Englisch wurde mehr und mehr zur alleinigen Amtssprache.
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Quellentext
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Religionen und Religionskonflikte
Konfuzianer, Taoisten, Shintoisten und Buddhisten glauben wie die Hindus nicht an einen Gott, der allmächtig die Geschicke lenkt. Götter bleiben ihrer Ansicht nach einem höheren Weltgesetz unterworfen, das den Menschen in seinem letzten Zweck undurchschaubar ist und nur als notwendig anerkannt werden kann. Insofern vermag auch kein Gott für sich allein alle Verehrungen zu beanspruchen. Taoisten oder Shintoisten etwa empfinden es nicht als anstößig, zwischendurch in einem Tempel der Buddhisten oder Konfuzianer oder gar einer Kirche um den Segen der Götter oder guten Geister zu bitten, und umgekehrt. Besonders für Konfuzianer und auch einen Teil der Buddhisten spielen Götter eine völlig untergeordnete Rolle, und desto weniger ist es für sie von Belang, sich gegenüber Gottesvorstellungen oder Kulturen anderer Religionen klar abzugrenzen. [...]
Aus abendländischer Sicht ist gerade dies schwer nachzuvollziehen. Denn sobald wir mit unterschiedlichen Glaubenslehren und Weltanschauungen konfrontiert sind, fühlen wir uns genötigt, uns in einem klaren Entweder-Oder für eine Überzeugung zu entscheiden. Anders die Hindus, anders die Völker des Fernen Ostens: Sie urteilen nach dem Prinzip des Sowohl-als-Auch. Sie sehen in keinem religiösen Dogma, in keiner philosophischen These die umfassende (und damit ausschließliche) Wahrheit verkörpert. Ihnen erscheinen alle Denksysteme - mögen sich diese konkret in vielen Details auch vehement widersprechen - nur als Teil einer unendlich vielfältigen "Universalwahrheit". In jeder fremden Konfession glauben sie noch geistige Splitter der "Ganzheit" zu erkennen. Und so kann es für sie in letzter Steigerung dahin kommen, daß der Suchende sich aus den verschiedensten Überzeugungen das ihm Genehme auswählt, ohne nun den Eindruck zu haben, Unvereinbares nebeneinander zu verehren.
Die Gemeinsamkeiten gehen aber noch weiter. Auch aus der Sicht fernöstlicher Völker hat letztlich nicht ein Gott die verbindlichen ethnischen Richtlinien für das tägliche Leben geschaffen, die höchste Instanz über allen Gottheiten ist vielmehr ein anonym waltendes "Weltgesetz". Die Buddhisten nennen diese Macht "Dharma", wie die Hindus. [...]
Ganges und Yamuna mit einem Netzwerk unzähliger Nebenflüsse durchziehen [...] nur ein Viertel der Fläche des indischen Subkontinents. Dennoch ist diese langgezogene Ebene mit rund 2000 Kilometern Durchmesser stets bevorzugtes Ziel für Eroberer gewesen. Dort lebte bis in das Spätmittelalter hinein nahezu die Hälfte aller Inder, dort wurden viele Jahrhunderte lang die höchsten Ernteerträge erwirtschaftet, die bestentwickelten Bewässerungssysteme errichtet, die prachtvollsten Städte gebaut. Zu wundern braucht es daher nicht, wenn es auf diese Region vorrangig auch die muslimischen Eroberer abgesehen hatten. Verhängnisvoll bis in unsere Gegenwart sollte die Tatsache werden, daß die Muslime in jenem Teil Indiens das sozial-religiöse System der Hindus am intensivsten bekämpften, wo es seinen mythischen Ursprung hat.
Seit dem elften Jahrhundert waren muslimische Turkvölker aus dem Iran, aus Afghanistan und den Steppen Innerasiens mit immer neuen Eroberungsstößen in die Ebene von Ganges und Yamuna vorgedrungen. [...] Jäh und plötzlich sahen sich die Hindus dem bis dahin nachhaltigsten Identitätsschock ihrer Geschichte ausgesetzt. [...] Muslime aber brachten erstmals die Überzeugung nach Indien, es gebe nur den "einen" Gott für die ganze Menschheit, und seine Offenbarung müsse den "Unwissenden" weltweit durch Mission nahegebracht werden. Wie die Christen damals betrachteten die Muslime "Vielgötterei" als einen derart schweren Makel, daß es geradezu "heilige Pflicht" sei, die "Ungläubigen" notfalls mit Gewalt zu bekehren. Entsprechend heftig wüteten die Eroberer in Pilgerstädten wie Varanasi, Mathura und Ayodhya. [...] Gerade in diesen religiösen wie kulturellen Zentren kam es ihnen darauf an, auffällige neue Symbole zu setzen - besonders dort sollten Moscheen als Ausdruck des "wahren" Glaubens auf den Grundmauern von "Götzen"tempeln triumphieren. [...]
Auf ihren Eroberungszügen in Indien [...] sind Muslime erstmals Völkern begegnet, zu deren Religion und Kultur sie keinerlei innere Verwandtschaft mehr erkennen konnten. Und damit setzte eine Tragödie ein, deren Folgen bis heute nicht bewältigt sind - ja zu immer neuen Konflikten und blutigen Unruhen führen. Einst haben die Hindus Tempel und Paläste errichtet, die in ihrem architektonischen Rang unseren gotischen Domen und Renaissanceschlössern gleichkommen. Wir können dies an jenen Bauten ermessen, die unbeschadet alle islamischen Eroberungsstürme überstanden haben. Sie aber finden wir in Nordindien überwiegend meist nur abseits der traditionellen Kulturzentren. [...]
Schwerpunkt muslimischer Tempelzerstörung blieben also Städte in der Gangesebene, dort, wo Kultur und Religion der Hindus entstanden sind. Dort leben heute aber auch die meisten Muslime: In vielen Städten machen sie bis zu einem Drittel, in manchen gar die Hälfte aller Einwohner aus.
Desto nachhaltiger konzentriert sich in der Ebene von Ganges und Yamuna der antimuslimische Affekt [...], nicht zuletzt, weil diese Region - mit den Bundesstaaten Uttar Pradesh und Bihar - besonders dicht besiedelt ist.
Gerhard Schweizer, Indien, Stuttgart 1995, S. 44 ff. und 108 f.
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Anfänge der Nationalbewegung
Die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen - besonders die Entmachtung der alten, herrschenden Klasse - , die die Briten in Indien bewirkten, führten zur berüchtigten Sepoy Rebellion (1857), dem vor allem von der bäuerlichen Bevölkerung unterstützten Aufstand der indischen Söldner (Sepoy, von sipahi: Soldat) der Ostindiengesellschaft. Der Aufstand wurde in einer Serie von militärischen Aktionen blutig niedergeschlagen.
Die Rebellion brachte das formale Ende des Mogulreiches und den Beginn der direkten englischen Herrschaft über Indien. Im Jahre 1877 wurde Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien proklamiert. An die Spitze der indischen Regierung wurde ein Vizekönig gestellt, unterstützt von einem mit sehr begrenzten Funktionen ausgestatteten Exekutiv- und einem Legislativrat (im wesentlichen bestehend aus Mitgliedern ernannter Regierungen bzw. Beratungsorgane). Britisch-Indien wurde in Provinzen und diese in Distrikte unterteilt und vom Indian Civil Service verwaltet, einem prestigeträchtigen und gut bezahlten Beamtenapparat, der nur allmählich Indern seine Tore öffnete.
Die nicht direkt unter das Kolonialregime fallenden indischen Fürstenstaaten (insgesamt 562, mit einem Flächenanteil von mehr als 50 Prozent an Britisch-Indien) mußten sich völkerrechtlich der Souveränität Großbritanniens unterwerfen, behielten innenpolitisch aber weitgehende Autonomie. Die Rebellion brachte eine dauerhafte Separation der Briten von den Indern, die von ihnen mit sozialer Herablassung behandelt wurden. So hatten Inder keinen Zugang zu bestimmten Berufen (etwa dem Offiziersdienst), und es war nur eine Frage der Zeit, bis deren westlich ausgebildete Elite politische Gleichheit forderte.
Der im Dezember 1885 gegründete Indian National Congress (INC) (die spätere Kongreßpartei), wurde das zentrale Sprachrohr des aufkommenden indischen Nationalismus. Seine Mitglieder bestanden anfangs fast ausschließlich aus Freiberuflern und Unternehmern aus hohen Kasten. Maßvolles Ziel seiner Aktivitäten war zunächst eine stärkere Partizipation der indischen Bevölkerung an der Regierung des Landes. Das geringe Entgegenkommen der britischen Regierung führte aber um die Jahrhundertwende zu einer Radikalisierung der Kongreßpartei. Zunächst agitierte sie - durchaus auch zum Nutzen ihrer eigenen Mitglieder - für die Indisierung der höheren Beamtenschaft, die Verringerung der Militärausgaben und für die Gewährung der bürgerlichen Freiheiten. Sie tat dies vor allem auch des-wegen, weil der Aufstieg der Kongreßpartei von willkürlichen Verhaftungen und Deportationen durch die Briten begleitet war.
Parallel zur politischen Bewußtwerdung der Hindus entwickelte sich langsam ein stärkeres Selbstbewußtsein der Muslim-Elite, gefördert durch Wahlen zu dem oben genannten Exekutiv- und Legislativrat und durch bewußte Unterstützung der Engländer (Gründung muslimischer Bildungseinrichtungen, Einrichtung religiös separierter Wahlkreise) gegen die nationalistische Kongreßbewegung. Diese Entwicklung fand ihren Ausdruck in der Gründung der All-India Muslim League (Muslimliga, 1906). Die Liga war zunächst ausgesprochen staatstragend und versuchte im übrigen, die politischen Rechte der muslimischen Bevölkerung in Indien zu schützen.
Die unglückliche Entscheidung des Vizekönigs (1905), die zu groß gewordene und unterschiedlich entwickelte gemischt muslimisch-hinduistische Provinz Bengalen zu teilen, löste eine massive antibritische, teils terroristische Protestwelle aus. Sie bewirkte einen Boykott britischer Waren und eine weitere Radikalisierung der Kongreßpartei (in ihrer Forderung nach Selbstregierung). Die britische Regierung erhöhte daraufhin mit einer Verfassungsreform 1909 den Anteil der zu wählenden Mitglieder des Legislativrates und führte separate Wählerschaften für die Muslime ein. Außerdem entsandte sie Inder in den Exekutivrat.
Der Erste Weltkrieg stimulierte revolutionäre wie auch konstitutionelle Aktivitäten in Indien. Bengalen und der Panjab wurden von einer Welle der politischen Gewalt erfaßt, die von den Briten brutal erstickt wurde. Gleichzeitig versuchten der Kongreß und die Muslimliga, die erstmals eine gemeinsame, auf weitergehendere Verfassungsreformen zielende politische Plattform fanden, Indiens Beitrag zum Krieg in politische Konzessionen umzusetzen.
London reagierte mit deutlichen Zugeständnissen. Mit den Montagu-Chelmsford (Montford)-Reformen (1921) bekam Indien eine neue Verfassung, zehn Prozent der männlichen erwachsenen Bevölkerung erhielten das Wahlrecht. Die Provinzen bekamen erhebliche finanzielle und gesetzgeberische Kompetenzen. Der zentrale Legislativrat erhielt eine in Wahlen bestellte zweite Kammer.
Der Kongreß unter der Führung von Mahatma Gandhi wies die Reformen als nicht ausreichend zurück. Gandhi hatte seine ersten politischen Erfahrungen bei der Vertretung der indischen Minderheitsinteressen in Südafrika gewonnen. Nach seiner Rückkehr 1914 gelang es Gandhi, aus dem INC, bis dahin eine jährlich tagende Versammlung der indischen Bildungselite, nach 1920 eine Massenorganisation zu machen. Aus ihr ging die Congress-Party (Kongreßpartei) hervor, die bis in die jüngste Vergangenheit fast durchgehend die Regierung stellte.
Gandhi rief zu indienweiten Aktionen des gewaltfreien Widerstands auf. Die politische Mobilisierung setzte sich trotz der Inhaftierung Gandhis fort und erreichte andere Gruppen, wie die Sikhs, die gegenüber der Kolonialregierung die eigene Tempelverwaltung durchsetzten. In Maharashtra entstand eine politische Bewegung der sogenannten Unberührbaren unter Bhimrao Ramji Ambedkar, in Südindien mit der Gerechtigkeitspartei eine Gruppierung, die separate Wahlkreise für Hindus aus niedrigen Kasten forderte. Die Wiedergründung der Kommunistischen Partei Indiens (erstmals gegründet 1920 in Taschkent), wichtiger indischer Verbände (Gewerkschaften, Handelskammer, Studentenverband) und hinduistischer Kampforganisationen fällt ebenfalls in diese Zeit.
Salzmarsch
Im Gefolge einer Kommission, die 1928 die bisher praktizierte Selbstverwaltung überprüfen sollte, in der aber kein einziges indisches Mitglied vertreten war, berief der Kongreß eine Allparteienkonferenz ein. Sie sollte eine politische Alternative zum Kommissionsbericht formulieren. Die Kongreßpartei forderte volle Unabhängigkeit, die zum 26. Januar 1930 erreicht sein sollte, und Gandhi lancierte eine Massenbewegung zivilen Ungehorsams. Er nahm das britische Salzmonopol als Aufhänger und organisierte einen Marsch der Massen ans Meer zur Salzgewinnung, der mit der Verhaftung von über 100000 Personen, inklusive des Führungsgremiums der Kongreßpartei, endete.
Gandhi wurde bald wieder freigelassen, und in London fanden Verhandlungen zur konstitutionellen Reform statt, die 1935 in einer neuen Verfassung für Britisch-Indien ihren Ausdruck fanden (Gouvernment of India Act). Deren Prinzipien waren Föderalismus (bei rechtlicher Autonomie der Provinzen, aber starker Position der Zentrale) und die Reservierung von Parlamentssitzen für Minderheiten. Die Frage vollständiger Unabhängigkeit wurde offen gelassen. Die 1937 abgehaltenen Provinzwahlen brachten in den meisten Provinzen deutliche Mehrheiten für die Kongreßpartei. Die Muslimliga konnte nur in einer Provinz die Mehrheit erringen, ihr Angebot der Regierungsbeteiligung wurde von der Kongreßpartei zurückgewiesen. |
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10. Februar 2012
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