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Informationen zur politischen Bildung (Heft 296)

Gesellschaftliche Strukturen


Joachim Betz
Inhalt

Pluralität mit Vor- und Nachteilen

Armut und Verteilung

Gesellschaftliche Konfliktlinien

Staatliche Sozialpolitik

Pluralität mit Vor- und Nachteilen
Indien wird nicht zu Unrecht als Staat immenser gesellschaftlicher Pluralität betrachtet. Zumal mit Blick auf andere, auseinandergebrochene Vielvölkerstaaten stellt sich ganz natürlich die Frage, wie diese enorme Vielfalt gebändigt oder zusammengehalten werden kann. Zur Erklärung lässt sich das verhältnismäßig konstante und ergiebige wirtschaftliche Wachstum anführen, aber auch die relativ ausgewogene Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie politische Faktoren wie die demokratische Ordnung und die föderalen Strukturen wirken stabilisierend. Nicht zuletzt die gesellschaftliche Vielfalt selbst ist ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Nach vergleichenden Untersuchungen droht die Gefahr der Destabilisierung und des Auseinanderbrechens vor allem in Staaten, die eine schwache oder abnehmende Wirtschaftsleistung und nur eine oder wenige größere Minderheiten aufweisen und in denen Rebellen über leicht ausbeutbare Finanzierungsquellen für einen Bürgerkrieg verfügen. Wenig gefährdet sind dagegen Staaten mit vielen Minderheiten, von denen keine dominant ist, und in denen sich die sozialen, religiösen und sprachlichen Konfliktlinien nicht addieren.
Im gesamtstaatlichen Rahmen Indiens verfügt keine Ethnie über beherrschenden Einfluss. Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante enthnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozioökonomischer Merkmale. Wenngleich der Hinduismus mit circa 82 Prozent der Bevölkerung die bei weitem größte Religionsgemeinschaft darstellt, ist er nicht gleichzusetzen mit einer Kirche oder einem dogmatischen Glaubensbekenntnis im westlichen Sinne. Er stützt sich nicht auf einen einzigen, geheiligten Text und kennt keine für alle verbindlichen Gottheiten. Vielmehr ist der Hinduismus eine Lebensform und dient als solche im Besonderen auch der Begründung des Kastensystems. Gerade wegen der starren Kastenschranken und des hohen Bevölkerungsanteils der Dalits, Stammesangehörigen und religiösen Minderheiten konnte der Hinduismus aber lange Zeit keine politisch einheitsstiftende Kraft entfalten.
Überdies gibt es auch kein ganz Indien übergreifendes, einheitliches Kastensystem. Vorhandensein, gesellschaftliche Stärke und Rangordnung der Kasten unterscheiden sich nach Regionen oftmals erheblich. Kastengruppen sind auch nicht statisch, sondern durch wirtschaftliche Modernisierung, Urbanisierung, Bildungsrevolution und politische Bemühungen einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt worden. Im Übrigen ist die soziale Lage der Angehörigen gleicher Kasten und Kastengruppen sehr unterschiedlich. Eine gesamtindische politische Mobilisierungsstrategie entlang der Kastengrenzen würde daher an enge Grenzen stoßen, was allerdings heftige, zumeist lokal ausgetragene Kastenkonflikte nicht verhindert hat.
Die sprachliche Vielfalt Indiens führte erst zu Konflikten, als Politiker aus dem Norden nach dem Tode Nehrus Hindi als alleinige Verwaltungs- und Hochschulsprache durchsetzen wollten. Nach heftigen Protesten im Süden wurde dieser Vorstoß abgebrochen. Durch ein Sprachengesetz, das den weiteren Gebrauch des Englischen und die Examinierung der Bewerber für den Staatsdienst in den anerkannten Regionalsprachen erlaubte, sowie durch die Neuschaffung von sprachlich weitgehend homogenen Bundesstaaten kehrte wieder Friede ein.
Indien kannte wegen des lange Zeit dominanten staatlichen Einflusses auf den modernen Wirtschaftssektor und der Privilegierung der staatlich beschäftigten Arbeitskräfte auch kaum Klassenkonflikte. Zudem waren und sind die Gewerkschaften und Unternehmerverbände gespalten, die Gewerkschaften mit unterschiedlichen Parteien assoziiert. Es gab zwar bäuerliche Protestbewegungen, angesichts der wahlentscheidenden Bedeutung der Landbevölkerung sahen sich aber alle Regierungen gezwungen, eine mehr oder weniger bauernfreundliche Politik zu betreiben. Trotzdem kommt es auch auf dem Land zu Konflikten, vornehmlich zwischen den Landarbeitern und den mittleren und größeren Landwirten.
In politischer Hinsicht ging von der starken gesellschaftlichen Zerklüftung Indiens und den sich überlappenden sozialen Zugehörigkeiten der Einzelnen ein starker Zwang zur Mitte, zur Politik des sozialen Ausgleichs und zum Schutz der Minderheiten aus. Genau diese Politik hat die Kongresspartei nach der Unabhängigkeit bis heute verfolgt. Zur Sicherung ihrer Herrschaft war sie auf die Loyalität der Minderheiten angewiesen; diese bedurften wiederum der Unterstützung und Hilfe durch lokale Kongresspolitiker in einer vergleichsweise feindlichen Umwelt. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit heraus entstanden (nicht immer sonderlich erfolgreiche) Bemühungen zum Schutz der Stammensangehörigen vor Landverlust, die Reservierungsquoten für Dalits und später auch Angehörige niedriger Kasten sowie die Beibehaltung der familienrechtlichen Regelungen für die Muslime. Interessant ist, dass sich dieser Zwang zur Mitte auch in der Politik der hindunationalistischen BJP wiederfand, die in der Regierung ab 1998 recht unerwartet Ziele wie politische Dezentralisierung sowie Beibehaltung und Ausdehnungen der Reservierungen verfolgte.
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10. Februar 2012
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Indien: Rund 1,1 Milliarden Menschen leben hier auf einer Fläche, die knapp neun Mal so groß wie Deutschland ist. Es ist die größte Demokratie der Welt – und die vielfältigste dazu.
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