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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 47/2001)
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Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus |

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Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus Norbert Suchanek
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Der jüngste Weltwirtschaftsgipfel vergangenen Juli in Genua, als die G-8-Staatsmänner werbewirksam auf einem Luxusliner nächtigten, zeigte es deutlich: Der Kreuzfahrttourismus liegt voll im Wind. Das schon im All-inclusive-Tourismus praktizierte Prinzip des größtmöglichen Gewinnes für das Reiseunternehmen wird bei den Kreuzfahrten auf die Spitze getrieben. Den angesteuerten Küsten und Trauminseln der "Dritten Welt" bleiben in der Regel nur "Almosen" und der ins Meer verklappte Abfall der Traumschiffe.
Transport, Übernachtung und Verpflegung machen den Löwenanteil der Ausgaben eines jeden Touristen aus. Bei Kreuzfahrten landet dieser Teil der Urlaubskasse faktisch zu 100 Prozent in den Taschen der internationalen Tourismusbetriebe. Ihre Schiffe laufen die Kreuzfahrthäfen meist frühmorgens an und legen in der Nacht wieder ab. Im Gegensatz zu Hotel- oder gar Rucksacktouristen können die Kreuzfahrer so nur einen Bruchteil ihres Urlaubsgeldes in den bereisten Ländern selbst ausgeben. Einheimische Hotels, Pensionen und Restaurants der angesteuerten Reiseziele gehen leer aus. Die Wirtschaft der Trauminseln und Küstenregionen der Karibik, des Mittelmeers, der Südsee oder des Indischen Ozeans kann allenfalls am Geschäft mit Kurzausflügen, Imbiss, Reiseandenken und Prostitution mitverdienen. Doch die Kreuzfahrtlinien, die zum überwiegenden Teil Firmen aus den G-8-Staaten gehören, gönnen den Entwicklungsländern selbst diese Krümel nicht. Längst können sich die Urlauber auch bequem an Bord mit Urlaubsmitbringseln der "bereisten" Länder eindecken. Und Insider berichten, dass den Passagieren auf den Schiffen von der Nutzung lokaler Taxis und lokaler Reiseunternehmen abgeraten wird. Paul Wilkinson von der kanadischen York University beobachtete 1999 folgerichtig den Trend, dass die Traumschiffpassagiere Jahr für Jahr weniger Geld in den Kreuzfahrthäfen ausgeben.
Als Beispiel führt er die Bahamas an. Dort ließen die Passagiere 1980 im Schnitt noch rund 55 US-Dollar während ihres Landganges auf der Inselgruppe. 16 Jahre später, 1996, waren es inflationsbereinigt nur noch 31 US-Dollar pro Person. Hauptursache dieses Rückgangs seien nach Ansicht Wilkinsons die Luxusliner, die sich mit jeder neuen Schiffsgeneration zu regelrechten "Geldfallen" entwickelt hätten. "Die Kreuzfahrtindustrie nutzt lokale Infrastrukturen, gibt aber nichts der lokalen Wirtschaft zurück. Tatsächlich entzieht sie den Gemeinwesen die finanziellen Ressorcen", bringt die Vorsitzende der britischen Association of Independent Tour Operators (AITO), Sue Ockwell, die Situation der bereisten Entwicklungsländer auf den Punkt. Einzige signifikante Einnahmequelle der angesteuerten Länder und Inseln ist die Entrittsgebühr, die Hafen- oder "Kopfsteuer" für Kreuzfahrturlauber.
Zum Vorteil für die Kreuzfahrtindustrie waren aber die angesteuerten Urlaubsländer bisher unfähig, eine einheitliche Regelung festzulegen. Die Cruise Lines können so die einzelnen Staaten untereinander ausspielen: Inseln, die keine Gebühr verlangen, werden bevorzugt, während Länder, die die "Kopfsteuer" erhöhen wollen, einfach nicht mehr angelaufen werden. Einige Kreuzfahrtunternehmen haben es inzwischen auch fast gar nicht mehr nötig, Inseln anderer Länder anzusteuern. Sie nutzen firmeneigene oder gepachtete "Trauminseln". So erfreut sich die bei den Bahamas gelegene Privatinsel namens Salt Cay großer Beliebtheit bei Schiffsreiseunternehmen. Gleich drei Kreuzfahrtlinien teilen sich das Eiland und laufen sie jeweils an verschiedenen Wochentagen an, wobei sie der Insel jeweils einen anderen Namen geben: Die Dolphin Cruise Lines nennt sie "Dolphin Cove" oder "Blue Lagoon", die Majesty Cruise Lines hat sie "Royale Isle" getauft, während sich die Premier Cruise Lines mit dem Namen "Salt Cay" begnügt.
Um Gewinne zu maximieren, spart die Traumschiffbranche auch bei den Löhnen und Arbeitsbedingungen ihrer Crew-Mitglieder. Unabhängige Arbeitsvermittler besorgen das billige und willige Personal vor allem aus den verarmten Ländern des Südens und des Ostens. Untersuchungen der Arizona State University zufolge ist es nicht ungewöhnlich, wenn die bis zu 1000-köpfige Besatzung eines Luxusliners aus mehr als 40 verschiedenen Nationen stammt.
Weil aufgrund dieser "Völker- und Sprachenvielfalt" an Bord keine effektive gewerkschaftliche Arbeitnehmervertretung möglich sei, ließen sich sehr niedrige Löhne bei gleichzeitig sehr langen Arbeitszeiten und fragwürdigen Lebensbedingungen an Bord durchsetzen. Wie solche menschenunwürdigen Zustände an Bord der Luxusliner aussehen, skizzierte 1996 der Fotograf Edward Sykes, der 18 Monate auf einem Touristendampfer gearbeitet hatte: "Die Crew verbringt den ganzen Tag unter Deck, kocht und wäscht für Passagiere und Offiziere, säubert die Kabinen und Gänge, hält die Schiffsmaschinen in Gang. Ihre Kabinen, die sie sich zu viert teilen müssen, liegen im untersten Deck, wo es keine Bullaugen gibt. Die meisten der Crew sehen während einer Kreuzfahrt niemals das Tageslicht."
Bleibt die Frage, was den Inseln und Regionen vom Kreuzfahrttourismus bleibt? "Der Abfall", lautet die Antwort. "Ein Kreuzfahrtschiff mit 1 200 Passagieren und Besatzung produziert jeden Tag 4,2 Tonnen Müll, andere Abfallschadstoffe wie Ölreste, Abwasser und sanitäre Rückstände nicht mitgerechnet", so ein besorgter Commenwealth-Report. Abwässer und Müll der Ozeanriesen landen direkt im Meer - und später an den Stränden. Abfälle der Kreuzfahrtschiffe finden sich heute an allen Stränden der Karibik und bald auch an allen Küsten der Südsee. Gegenwärtige, internationale Abkommen sind unzureichend, um die fortschreitende Vermüllung und Verseuchung der Meere vor den Trauminseln zu verhindern. Doch selbst wenn künftig Müll- und Abwasserentsorgung auf hoher See verboten und mit schmerzhaften Strafen belegt werden sollte: Das Problem bleibt. Wohin mit dem "Dreck"? Schon jetzt wissen die Inselstaaten nicht wohin mit dem eigenen Müll.
Kreuzfahrtschiffe haben für Tourismuskonzerne noch einen unschlagbaren Vorteil: sie verringern die Abhängigkeit der Touristikbranche von den Urlaubsländern. Die schwimmenden Touristik-Resorts können überallhin ausweichen. Dank geringem Tiefgang können einige moderne Luxusschiffe selbst kleine Dörfer am Amazonas oder die winzigsten Tropeninseln anlaufen. Zudem gehen sie auch bei einem noch so hohen, durch globale Erwärmung ausgelösten Meeresspiegelanstieg nicht unter. Dies aber droht gerade den Tropeninseln. Der Kreuzfahrtbranche tut dies keinen Abbruch. Sie kann sich zurücklehnen und dem bevorstehenden "Untergang" vieler Trauminseln zusehen. "Die beschränkte Anzahl von Ländern und Häfen schreckt unsere Kunden nicht ab", sagt Bob Dickinson von Carnival Cruise Lines, "letztlich ist das Schiff die Attraktion, nicht der Anlaufhafen." |
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21. März 2010
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