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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 26/2004)

Sportentwicklung in Europa unter Einbeziehung von Frauen


Ilse Hartmann-Tews
Inhalt

Einleitung

Turnen und Sport im 18. und 19. Jahrhundert

Die Olympischen Spiele der Moderne

Geschlechtsbezogene Inklusionsprofile im 21. Jahrhundert

Geschlechterforschung und Frauenförderpolitik

Geschlechterforschung und Frauenförderpolitik
Ursachen der differentiellen Inklusion

Der Sport zeichnet sich durch eine besondere Indifferenz gegenüber den sozialen Phänomenen der Geschlechterunterscheidung aus. Dies hängt eng damit zusammen, dass Sport ein körperzentriertes Sozialsystem ist und körperzentrierte Leistungen, das "Schneller, Weiter, Höher", das Besser-Sein als andere oder als vorherige eigene Leistungen zu den zentralen Handlungsorientierungen der beteiligten Akteure und Akteurinnen gehören. Mit jedem körperlichen Auftreten einer Person wird eine Anschaulichkeit der Geschlechterordnung (re)produziert, die ungleich realitätsmächtiger ist als es Diskurse je sein können. Die Körper und deren unterschiedliche Leistungsfähigkeit sind eine visuelle Empirie der "natürlichen" Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Das, was sich zeigt, braucht man nicht in Frage zu stellen, und es zeigt sich, dass Männer größer, muskulöser, stärker, schneller und kräftiger sind. Allzu leicht erscheint damit eine "natürliche Ordnung zwischen den Geschlechtern" als erwiesen und legitimiert Unterscheidungen sozialer Art.

Ein Anliegen der Geschlechterforschung - unter anderen - ist es, die kulturelle Reproduktion der asymmetrischen Ordnung der Geschlechterverhältnisse soziologisch zu rekonstruieren. Zu erklären ist hierbei, wie aus biologischen Unterschieden soziale Ungleichheiten werden und was die Prozesse der symbolischen Geschlechtskonstruktion und ihr hierarchisierendes Wirken in Gang hält.[16]

Die Ursachen für die geringere Einbeziehung von Frauen innerhalb des Sports und ihre deutliche Unterrepräsentanz in Führungspositionen des Sportsystems sind vielschichtig.[17] Vier Erklärungskomplexe lassen sich hier erkennen:

- der Diskurs über die körperlich-physiologischen Bedingungen von Frauen und Männern, mit denen Gymnastik und Tanz als "weibliche Bewegungsarten" und Fußball und Rugby aber als "männliche Sportarten" charakterisiert werden;

- die den Geschlechtern zugeschriebenen psycho-sozialen Unterschiede, die Frauen z.B. eine geringere Konfliktfähigkeit und ein geringeres Interesse an Leitungspositionen attestiert, Männern hingegen Wettbewerbsorientierung, Durchsetzungskraft und Machtwillen;

- die gesellschaftlichen Strukturen, die mit einer traditionellen Rollen- und Ressourcenverteilung verbunden sind und generell weniger Frauen als Männer in Führungspositionen aufweisen;

- die Kultur in den Sportorganisationen, d.h. Männerbünde sowie abwehrendes Verhalten bei Themen wie Frauenförderung und -politik.

Interessant ist bei diesen Befunden, dass die identifizierten Ursachenkomplexe von Frauen und Männern unterschiedlich wahrgenommen werden. Männer verorten die Gründe für die Unterrepräsentanz von Frauen vor allem in den allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und bei den "frauentypischen" Einstellungen und Fähigkeiten, Frauen hingegen sehen die Ursachen eher in der männerdominierten Kultur der Sportorganisationen und ihren Strukturen.[18]

Gleichstellung der Geschlechter - aber wie?

Die Gleichstellung der Geschlechter ist als Leitidee in jedem der hier analysierten Länder zu finden. Sie ist eine notwendige Voraussetzung für konkretes Handeln und die Entwicklung von Maßnahmen zur Förderung von Frauen. Allerdings zeigt die international vergleichende Analyse hier auch eine alltägliche Rhetorik. "Natürlich" ist jeder und jede von uns für die Gleichstellung der Geschlechter, "selbstverständlich" für gleiche Chancen von Frauen und Männern. Dies allein reicht jedoch nicht, um die Inklusion von Mädchen und Frauen in den Sport zu fördern.

Aktionen und Programme zur Förderung von Mädchen und Frauen haben europaweit viele Facetten. Sie sind zumeist eingebettet in eine Reihe von Zielgruppen-Förderprogrammen. Sie erfüllen ganz konkret die Funktion, interessierte Mädchen und Frauen dazu zu motivieren, Sport zu treiben und sich ehrenamtlich in den freiwilligen Organisationen zu engagieren.

Gleichstellungs- oder auch Frauenförderpläne sind in nahezu allen europäischen Ländern und in nahezu allen Organisationsformen in irgendeiner Form zu finden. Ihre Umsetzung variiert allerdings erheblich. Eine stärkere Sichtbarkeit und Relevanz haben hingegen Satzungselemente und -änderungen in den Grund- und Geschäftsordnungen der Organisationen, die ein deutliches Bekenntnis für eine umfassende Umsetzung der Gleichstellung enthalten. Sie haben einen weitaus verbindlicheren Status, und verschiedene Beispiele zeigen, dass erst solche Satzungsänderungen Verpflichtungen mit sich bringen, die nachhaltig wirken. Hierzu gehört z.B. die Einführung einer Geschlechterquotenregelung in das norwegische Sportgesetz, die positive Wirkungen hatte.

Die Kopplung von Ressourcenzuwendung mit der Realisierung von Gleichstellungsmaßnahmen hat in diesem Zusammenhang eine positive Wirkung auf die Integration von Frauen in das Sportsystem. Dies belegen auch die Effekte des Title IX aus den USA, der festlegt, dass keine Person aufgrund ihres Geschlechts bei Bildungsprogrammen oder ähnlichen staatlich finanzierten Aktivitäten benachteiligt, d.h. in irgendeiner Form vom Zugang hierzu oder von den Vorteilen hieraus ausgeschlossen werden darf. Geld erweist sich als effektives Steuerungsmittel dafür, dass sich Personen um die Situation der Gleichstellung in ihrer Organisation Gedanken machen (awareness rising) und darüberhinaus Ideen und Mechanismen entwickeln, die dazu beitragen können, die vorhandene geschlechtsbezogene soziale Ungleichheit abzubauen (affirmative action).

Gleichstellung bedeutet heutzutage - im Sport und in anderen gesellschaftlichen Bereichen - weitestgehend die Sicherstellung der gleichberechtigten Partizipation von Mädchen und Frauen. Sie wird vornehmlich als Frauensache definiert und marginalisiert nicht selten die an diesem Prozessaktiv beteiligten Personen - manchmal auch Männer.

Die Politik des Gender Mainstreaming, die in einigen Ländern Europas mittlerweile auch das Sportsystem erreicht hat, könnte eine grundlegende, d.h. nachhaltige Veränderung herbeiführen. Sie bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Mädchen/Frauen und Jungen/Männern bei jeder Entscheidungsfindung in allen gesellschaftlichen Bereichen und auf allen Ebenen systematisch zu berücksichtigen. Das Engagement und die Kompetenz aller Akteure - Männer wie Frauen - sind hier gefragt, um die Erkenntnisse der Forschung gewinnbringend in eine Veränderung der Organisationskultur einfließen zu lassen. Hier liegt eine Herausforderung an die Sportpolitik und die Selbstverwaltung des Sports, bei der Realisierung der Europäischen Charta Sport für alle neue Wege zu gehen.
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09. Februar 2012
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Sport und Politik/Gesellschaft
Editorial
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