Warum wir nicht mehr älter werden - Essay
Innerhalb von nur einer Generation hat sich eine Revolution der Lebensläufe ereignet: Die Menschen altern langsamer: Wer heute vierzig wird, ist geistig und körperlich meistens jünger, als es sein Großvater mit dreißig war.Einleitung
Wir werden, als Gesellschaft, immer jünger, und als Einzelne werden wir nicht mehr älter, wir werden zumindest anders älter, und wir stecken mittendrin in einem Prozess, dessen Ausgang wir noch gar nicht absehen können. So lautet, kurz formuliert, meine These,[1] und meine Geschichte mit diesem Thema begann im Frühjahr 1998, als ich, eines Morgens, die Entdeckung machte, dass die Schauspielerin Sharon Stone am nächsten Tag ihren 40. Geburtstag feiern würde. Ich hatte sie, ein Jahr zuvor, in dem Thriller "Diabolique" gesehen - und das, was ich da gesehen hatte, passte definitiv nicht zu dem Bild, das ich von vierzigjährigen Frauen hatte. Sie schien mindestens zehn Jahre jünger zu sein, und der Filmkritiker, der den Geburtstagsartikel verfasste, konnte das Rätsel nicht restlos lösen.
Im Jahr darauf, 1999, dem Jahr, in dem ich vierzig wurde, kam ein Film in die Kinos, dessen Qualität nicht nur darin bestand, dass er uns beim Älterwerden trösten konnte. Der Film hieß "The Thomas Crown Affair", und erzählte davon, wie ein attraktiver Mann den perfekten Kunstraub plant und wie eine schöne Frau ihn daran hindern will - und im Grunde ging es nur darum, dass die beiden ihren Zweikampf dort fortsetzen, wo ein Unentschieden schon in Ordnung geht, im Bett. Die Hauptrollen spielten Rene Russo und Pierce Brosnan - und was in diesem Film so neu war, das offenbart ein Blick auf die Geburtsdaten dieser Kinohelden. Rene Russo war 45 Jahre alt, Pierce Brosnan war 46, und was das bedeutete, das offenbarte sich, wenn man bedachte, dass dieser Film ein Remake war, eine neue Fassung eines Films aus dem Jahr 1968, in dem Faye Dunaway, damals 27, und Steve McQueen, damals 38, die Hauptrollen gespielt hatten.
Dass das Kino nichts als schöne Lügen verbreite, behaupten gerne dessen Gegner - aber der übliche Kinoeuphemismus ginge ja so, dass die Rolle der begehrenswerten erwachsenen Frau mit einer 30-Jährigen besetzt worden wäre. Dass eine 45-Jährige die Rolle spielte, die für eine 27-Jährige geschrieben worden war, konnte eigentlich nur bedeuten, dass in den einunddreißig Jahren zwischen der ersten und der zweiten Fassung gewaltige Erschütterungen in unserer Altersstruktur stattgefunden haben mussten - auch wenn man natürlich konzedieren muss, dass eine 45-jährige Hollywoodschauspielerin mit anderem Aufwand an ihrer Jugend und Schönheit arbeiten kann als gleichaltrige Rechtsanwältinnen, U-Bahn-Schaffnerinnen oder Journalistinnen. Aber das ist schon insofern kein wirksames Argument, als ja auch 25-jährige Stars meistens attraktiver sind als der 25-jährige Durchschnittsmensch.
Ich hatte bis dahin jene seltsame Differenz für mein Privatproblem gehalten, jenen ungeheuren Unterschied zwischen dem Bild, das ich selbst von einem 40-Jährigen im Kopf hatte, und dem 40-Jährigen, der ich in diesem Sommer war. Ich fühlte mich jünger, neugieriger, aggressiver, und vor allem: Ich glaubte, das Beste noch vor mir zu haben. Und dass das mehr als nur mein kleines Privatproblem war, das machten mir gleichzeitig die harten ökonomischen Fakten klar: Dem jungen Mann, als welcher ich mich fühlte, blieben noch neun Jahre in der so genannten werberelevanten Zielgruppe des Fernsehens - in zehn Jahren würde mir anscheinend niemand mehr irgendein Produkt verkaufen wollen. Und auf dem Arbeitsmarkt galt ich schon jetzt als zu alt - in fünf, spätestens in zehn Jahren würde mir der handelsübliche Personalchef keine Chance mehr geben.
Fußnoten
- Die im Essay vorgetragenen Thesen basieren auf dem im Frühjahr 2005 erschienenen Buch des Autors Claudius Seidl, Schöne junge Welt - Warum wir nicht mehr älter werden, München 2005.

