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Informationen zur politischen Bildung (Heft 280)
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Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung |

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Georg Koopmann / Fritz Franzmeyer
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Grenzüberschreitende Unternehmensaktivitäten |
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Im Zuge der Globalisierung hat die Bedeutung von Unternehmen, die nicht nur im Außenhandel tätig sind, sondern auch jenseits ihrer nationalen Grenzen Waren produzieren und Dienstleistungen erbringen (multinationale oder transnationale Unternehmen - MNU/TNU), rapide zugenommen. Gab es zu Beginn der neunziger Jahre circa 7000 MNU, so existieren heute bereits etwa 65000 Muttergesellschaften und 850000 dazugehörige ausländische Tochtergesellschaften, die in allen Ländern der Welt Güter erstellen und vermarkten, Forschung und Entwicklung betreiben und mit Unternehmen der Gastgeberländer oder anderen ausländischen Unternehmen kooperieren. Die jährlichen Umsätze der Auslandstöchter werden auf annähernd 20 Billionen US-Dollar geschätzt. Sie sind deutlich stärker als der internationale Handel expandiert und übersteigen inzwischen den Weltexport von Waren und Dienstleistungen, der sich auf weniger als acht Billionen US-Dollar beläuft, um ein Mehrfaches. Gleichzeitig dominieren MNU im Welthandel. Auf sie entfallen etwa zwei Drittel der internationalen Warenströme, wobei allein ein Drittel Intrafirmenhandel darstellt, das heißt Handel der Muttergesellschaften mit ihren Auslandstöchtern und der Auslandstöchter untereinander (Schwestergesellschaften).
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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Zur vorherrschenden Form der multinationalen Unternehmensexpansion haben sich Fusionen und Übernahmen, im Unterschied zu Neugründungen im Ausland, entwickelt. So ist zum Beispiel der britische Telekommunikationskonzern Vodafone durch die Übernahme des deutschen Konkurrenten Mannesmann im Jahr 2000 zum - gemessen an den Kapitalanlagen im Ausland - größten transnationalen Unternehmen in der Welt (außerhalb des Finanzsektors) aufgestiegen. Im folgenden Jahr wurde der kontinuierliche und progressive Anstieg der grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen allerdings jäh unterbrochen. Im Jahr 2001 sank auch, erstmals wieder seit 1982, das reale Volumen des weltweiten Warenhandels. Aus diesen Entwicklungen sollte jedoch noch nicht auf ein "Ende der Globalisierung" geschlossen werden; es handelt sich eher um ein konjunkturell bedingtes Einhalten.
Obgleich das Bild der MNU durch "Giganten" wie Exxon Mobil, General Motors oder DaimlerChrysler geprägt wird, deren Unternehmenswert das Bruttoinlandsprodukt von Ländern wie Peru oder Ungarn übertrifft, stellen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zahlenmäßig das weitaus größte Kontingent. Die multinationalen KMU investieren aber vorzugsweise in benachbarten Ländern und präferieren zwischenbetriebliche Kooperationen und Gemeinschaftsunternehmen (Joint Ventures) mit ausländischen Partnern. Für sie ist es nämlich grundsätzlich schwieriger, jenseits der Grenzen zu operieren. Neben höheren Informationskosten haben die KMU auch in der immer wichtiger werdenden Finanzierungssphäre eindeutige Nachteile gegenüber den Großkonzernen.
Strategien multinationaler Unternehmen
Die Globalisierungsstrategien der MNU lassen sich insgesamt in vier Kategorien unterteilen:
- Ressourcenstrategien,
- Marktstrategien,
- Effizienzstrategien,
- Wertstrategien.
Die Erschließung von Rohstoffquellen zur Sicherung der Versorgung mit natürlichen Ressourcen (Ressourcenstrategie - Resource-Seeking) ist das "klassische" Investitionsmotiv international tätiger Unternehmen. Es ist auch weiterhin bedeutend, aber in dieser Form nicht mehr dominant.
Das Hauptmotiv der multinationalen Unternehmen ist vielmehr die bessere Durchdringung der Auslandsmärkte, das heißt die Sicherung und Ausweitung des Absatzes im Ausland (Marktstrategie - Market-Seeking). Dieses Motiv ist umso wichtiger, je größer der betreffende Markt ist. China, Indien und einige große lateinamerikanische Länder sind daher bevorzugte Zielregionen für absatzorientierte Direktinvestitionen. Liberale Einfuhrregelungen zwischen kleinen Ländern einer wirtschaftlich expandierenden Region sind ein weiteres, annähernd gleichrangiges Investitionsmotiv. Aus diesem Grunde haben Belgien, Irland, Neuseeland und die Niederlande in den neunziger Jahren die höchsten Direktinvestitionsbestände (im Verhältnis zum Sozialprodukt) unter allen OECD-Gastgeberländern verzeichnet.
Von wachsender Bedeutung sind Effizienzstrategien (Efficiency-Seeking), bei denen Kostensenkung das entscheidende Motiv ist. Westliche Investoren in den mittel- und osteuropäischen Ländern nutzen beispielsweise die Tatsache, dass dort das Lohnniveau, zu Wechselkursen umgerechnet, deutlich niedriger als im Heimatland liegt, zur billigen Herstellung von Vorleistungen für den eigenen Produktionsprozess oder auch zur Endmontage mit anschließendem Export.
Immer häufiger betreiben multinationale Unternehmen im Ausland Fabriken, die auf bestimmte Fertigungen spezialisiert sind und jeweils für den gesamten Weltmarkt (beziehungsweise große - meist regionale - Segmente des Weltmarktes) oder für den weltweiten Bedarf des Unternehmens selbst (respektive des Unternehmensnetzwerkes, dem es angehört) produzieren.
Ein Beispiel ist die Montage von Farbfernsehgeräten im Norden Mexikos, nahe der Grenze zu den USA, durch amerikanische und japanische Konzerne. Bei diesen Produkten ist Mexiko heute der weltweit größte Exporteur. Niedrige Löhne, Zoll- und Steuervergünstigungen, eine starke Kostenminderung durch hohe Stückzahlen und die Vorteile, die aus einer räumlichen Ballung verwandter industrieller Aktivitäten herrühren (Agglomerationsvorteile), sind wesentliche Ursachen dieser Entwicklung.
Immer wichtiger werden Wertstrategien (Asset-Seeking), die zusammen mit den Bemühungen um mehr Effizienz die "neuen" - auch als "Netzwerkstrategien" bezeichneten - Globalisierungsmaßnahmen der Unternehmen darstellen. Ziel ist die Steigerung des Unternehmenswertes durch Nutzung strategischer Ressourcen (Strategic Assets) des Auslandes. Konkret geht es hauptsächlich um den Zugang zu ausländischen Wissensquellen (Knowledge-Seeking) und speziell zu lokal gebundenem Wissen (Tacit Knowledge), das nicht international handelbar ist, sondern durch persönlichen Kontakt am Arbeitsplatz weitergegeben wird. Außer der Produktion führen multinationale Unternehmen deshalb verstärkt Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Ausland durch, häufig in Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen vor Ort, wie zum Beispiel Universitäten, die auf dem betreffenden Gebiet tonangebend sind.
Internationale Direktinvestitionen
Das Hauptinstrument multinationaler Unternehmenstätigkeit sind grenzüberschreitende Direktinvestitionen. Im Unterschied zu anderen Formen der Auslandsinvestition, wie zum Beispiel Anlagen in ausländischen Wertpapieren (Portfolioinvestitionen), werden Direktinvestitionen in der Absicht vorgenommen, einen entscheidenden Einfluss auf die Führung des neu gegründeten oder erworbenen Unternehmens im Ausland auszuüben. Weltweit haben sie wesentlich schneller zugenommen als die internationalen Handelsströme: Die globalen Bestandswerte der Direktinvestitionen im Ausland sind zwischen 1980 und 2001 viermal so schnell gestiegen wie die Warenexporte und dreimal so schnell, wie der internationale Dienstleistungshandel gewachsen ist.
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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.
Direktinvestitionen stammen weiterhin hauptsächlich aus Industrieländern. Allerdings treten immer häufiger auch Unternehmen aus "Schwellenländern" wie China, Hongkong, Taiwan, Malaysia, Singapur, Südkorea, Brasilien, Mexiko und Südafrika als multinationale Akteure in Erscheinung. In Industrieländern werden auch die meisten Direktinvestitionen getätigt, doch ist ihr Anteil an den weltweit eingeflossenen Direktinvestitionen seit 1990 von etwa drei Vierteln auf ungefähr zwei Drittel gesunken. Umgekehrt ziehen Entwicklungs- und Transformationsländer verstärkt Direktinvestitionen an. Mit der Umstrukturierung ihrer Volkswirtschaften haben vor allem China und die Länder Mittel- und Osteuropas in den letzten Jahren als Investitionsstandorte erheblich an Bedeutung gewonnen. Dabei hat China inzwischen traditionelle Empfängerländer wie Brasilien und Mexiko übertroffen.
Zwischen den Industrieländern fallen insbesondere die unterschiedlichen Entwicklungen in Westeuropa und Nordamerika auf. Während sich in Westeuropa die Schere zwischen aus- und einfließenden Direktinvestitionen immer weiter geöffnet hat, haben sich die Investitionsströme in Nordamerika zunehmend angeglichen. Von 1980 bis 2001 ist der Anteil Westeuropas an den weltweit im Ausland getätigten Direktinvestitionen von 45 auf 57 Prozent gestiegen, während der Anteil Nordamerikas von 46 auf 25 Prozent gefallen ist. Bei den aus dem Ausland empfangenen Direktinvestitionen sind dagegen die Anteile weitgehend stabil geblieben, bei etwa 40 Prozent im Falle Westeuropas und 25 Prozent im Falle Nordamerikas.
In sektoraler Hinsicht ist bei Direktinvestitionen, stärker noch als im Außenhandel, ein Trend zum tertiären Sektor (Dienstleistungen) zu erkennen, insbesondere zu Finanzdienstleistungen und Handelsunternehmen, während der Primärsektor (Rohstoffe) weiter schrumpft und nunmehr auch der sekundäre Sektor (Industrieprodukte) insgesamt Anteile einbüßt. Innerhalb des Industriesektors sind jedoch Direktinvestitionen in wissensintensiven Branchen wie der Chemie-, Pharmazie-, Automobil-, Elektronik- und Datenverarbeitungsindustrie ähnlich expansiv wie Dienstleistungsinvestitionen.
Direktinvestitionen sind auch ein Indikator für die Attraktivität und Qualität eines Produktionsstandortes. Vom Zu- oder Abfluss derartiger Kapitalinvestitionen hängt es ab, ob gewerbliche Arbeitsplätze entstehen oder fortfallen und ob die Produktion am Standort wächst oder schrumpft. Allerdings wäre es falsch, von einem Überschuss abfließender über zufließende Direktinvestitionen auf Standortmängel zu schließen. Direktinvestitionen im Ausland dienen nämlich nicht zuletzt auch der Abstützung des Exports. Unternehmensbefragungen in vielen Industrieländern zeigen, dass die Exportbegleitung, also etwa der Aufbau eines kundennahen Vertriebs- und Servicenetzes im Ausland, eines der wichtigsten Direktinvestitionsmotive ist.
Auswirkungen auf die Empfängerländer
Für Entwicklungsländer können die Firmennetzwerke große Wachstumschancen bedeuten, da über solche Kanäle enorme Wissensströme laufen und das Know-how der ausländischen Tochtergesellschaften auf die Wirtschaft des Gastgeberlandes überspringen kann (Spillover-Effekt). Ermöglicht wird der Technologietransfer durch die dramatischen Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnik. Zugleich haben die Unternehmen in den Aufnahmeländern Südostasiens oder Lateinamerikas meist eine hohe Lernbereitschaft der heimischen Bevölkerung vorgefunden.
Obwohl multinationale Unternehmen in vielen Branchen, etwa in der Elektronik-, Nahrungsmittel-, Glas- und Kunststoffindustrie, in Entwicklungsländern vor allem die Niedriglohnkomponenten ihrer Erzeugnisse herstellen, bieten sie dort doch zahlreiche und im Vergleich zur heimischen Wirtschaft gut bezahlte, gesicherte und mit sozialen Leistungen verbundene Arbeitsplätze.
Alles in allem ist die Tätigkeit multinationaler Unternehmen in Entwicklungsländern damit eine gute Grundlage für deren weltwirtschaftlichen Aufholprozess. Mit zunehmendem Entwicklungsstand eines Landes emanzipieren sich zudem immer mehr heimische Firmen und übernehmen als Lizenznehmer oder Kooperationspartner Produktions- oder Dienstleistungsfunktionen vom ursprünglichen Direktinvestor.
Die positiven Impulse für Beschäftigung und Einkommen vor Ort haben bewirkt, dass multinationale Unternehmen von den Ländern der Dritten Welt als Direktinvestoren umworben werden. Allerdings gibt es in Industrieländern Unternehmen, etwa in der chemischen Industrie und in der Metallerzeugung, die einen hohen Verbrauch an Umweltressourcen haben und niedrige Umweltstandards in Entwicklungsländern nutzen, um Investitionskosten zu sparen. Auch gibt es Investoren, die sich undemokratischer und die Menschenrechte missachtender Regime bedienen, um billige Arbeitskräfte besser ausbeuten zu können.
Die Verletzung von Umwelt- und Sozialstandards ist allerdings keine zwingende Begleiterscheinung der Expansion multinationaler Unternehmen. Empirische Studien zeigen eher ein gegenteiliges Bild. Staaten mit einem relativ niedrigen Niveau sozialer Regelwerke erhalten danach nur geringe Investitionszuströme, während Länder, in denen relativ hohe Sozialstandards vorherrschen, auch aus diesem Grunde stärkere Zugänge verzeichnen.
Multinationale Unternehmen, die im Heimatland angesichts strenger Auflagen bereits Erfahrungen im betrieblichen Umweltschutz gesammelt haben, transferieren außerdem in beträchtlichem Umfang "saubere" Technologien und umwelttechnisches Know-how in Entwicklungsländer. Umweltstandards wie die Norm ISO 14001, mit der Betriebe zertifiziert werden, die ihre Prozesse umweltschonend ausgerichtet haben (zum Beispiel in der Abfallentsorgung), finden auch in Entwicklungsländern mit hohen Direktinvestitionen vermehrt Akzeptanz. |
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10. Februar 2012
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Zahlen und Fakten |
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Globalisierung
Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert aktuelle Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart. |
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