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Informationen zur politischen Bildung (Heft 280)

Weltwirtschaft und internationale Arbeitsteilung


Georg Koopmann / Fritz Franzmeyer
Inhalt

Einleitung

Historische Erfahrungen

Liberalisierung nach 1945

Merkmale des internationalen Handels

Grenzüberschreitende Unternehmensaktivitäten

Ausgewählte Wirtschaftsbereiche

Finanzmärkte

Ausgewählte Wirtschaftsbereiche
Die Unternehmen sind den Einflüssen der Globalisierung unterschiedlich stark ausgesetzt. Auch die jeweils eigenen Möglichkeiten, die Globalisierung aktiv zu nutzen, sind von Branche zu Branche, von Unternehmen zu Unternehmen verschieden. Bevor dies hier anhand konkreter Beispiele gezeigt wird, sei es kurz in allgemeiner Form und in den Kategorien der Handelstheorie und Industrieökonomik skizziert. Die Unterschiede ergeben sich vor allem aus
  • der Standortgebundenheit des Unternehmens (Rohstoffbasis, Transportkosten, Qualifikation des Arbeitskräfteangebots),
  • den Faktoranforderungen und Faktorintensitäten (Einsatzverhältnis der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Wissen) in der Produktion,
  • den Möglichkeiten, die Produktion arbeitsteilig zu gestalten (räumliche Zerlegbarkeit der "Wertschöpfungskette"),
  • den Produktionskostenverläufen in Abhängigkeit von der hergestellten Stückzahl, das heißt je mehr produziert wird, desto geringer sind die Durchschnittskosten pro Stück (Skalenerträge),
  • den Eigenschaften der Produkte (Homogenitätsgrad, Nachahmbarkeit, Austauschbarkeit, Veraltensgeschwindigkeit) und
  • den Wettbewerbsbedingungen auf den Märkten ("Bestreitbarkeit" der Märkte, Bedeutung technologischer Marktzutrittsschranken).
Wichtig ist auch, ob der Staat als Regulierer, Eigentümer, handelspolitischer Akteur, Auftrags- oder Subventionsgeber ein besonderes strategisches, strukturelles oder soziales Interesse ins Spiel bringt.

Energiewirtschaft

Steinkohle bestimmter Güte ist ein "homogenes", das heißt wegen seiner weitestgehenden Gleichartigkeit gegenseitig austauschbares Produkt, bei dem der Abnehmer kaum Vorlieben für bestimmte Anbieter hat, so dass der Preis zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal wird.

Demzufolge ist die teure deutsche Ruhrkohle im Prinzip stark der überseeischen Konkurrenz ausgesetzt. Die Produktionskosten etwa in Südafrika oder Australien sind zwar erheblich niedriger als in Deutschland, doch bilden die hohen Transportkosten einen begrenzten natürlichen Einfuhrschutz. Nach der Öffnung Ostmitteleuropas ist nun mit der oberschlesischen Kohle eine transportkostengünstigere Konkurrentin hinzugekommen. Außerdem kann Steinkohle in vielen Fällen leicht durch billigeres Erdöl oder Erdgas ersetzt (substituiert) werden.

Nun bewirkte ein strategisches Interesse des Staates an der "energiewirtschaftlichen Versorgungssicherheit" - kein Stromausfall und kein Fahrverbot bei einem Lieferboykott der Erdöl produzierenden Staaten - und an der "sozialpolitischen Abfederung des Strukturwandels" - vor allem Verhinderung regional konzentrierter Massenarbeitslosigkeit bei massierten Zechenstilllegungen - die Zahlung hoher Produktionsbeihilfen (Subventionen). Diese wurden jedoch im EU-Rahmen wettbewerbsrechtlich für unzulässig befunden. Deshalb soll die Steinkohlenbeihilfe aus dem Bundeshaushalt von umgerechnet etwa 3,5 Milliarden Euro im Jahre 1998 auf weniger als zwei Milliarden Euro im Jahre 2005 zurückgeführt werden.

Außerdem ist geplant, die Steinkohle-Subventionen in Nordrhein-Westfalen von 2006 bis 2012 jährlich um 40 Millionen Euro zu kürzen. Weil aber die deutsche Steinkohlenproduktion wegen der ungünstigen Flözlagen und der hohen Lohnkosten auf gleichbleibend hohe Subventionen angewiesen wäre, um mit der Importkohle preislich konkurrieren zu können, und weil in Anbetracht des regional wie nach Energieträgern beachtlich diversifizierten (aufgefächerten) Energieangebots auch das Versorgungsargument nicht mehr greift, sind die Tage des deutschen Steinkohlenbergbaus gezählt; das Ruhrrevier muss noch stärker umstrukturiert werden als bisher. Erdöl ist ein Musterbeispiel für den Einfluss der Gobalisierung auf die nationalen Volkswirtschaften. Es dient als Vorprodukt für zahlreiche Güter und ist eine zentrale Energiequelle für Haushalte, Industrieunternehmen und den Verkehrssektor. Der weltweit bedeutendste Energierohstoff ist zugleich eines der am meisten gehandelten Produkte.

Dabei wird das Angebot weitgehend von der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Organization of Petroleum Exporting Countries - OPEC) kontrolliert, die regelmäßig die Fördermengen ihrer Mitgliedsstaaten festsetzt. Da diese circa 60 Prozent des insgesamt geförderten Öls liefern, übt das OPEC-Kartell entscheidenden Einfluss auf den Preis des Produktes aus, von dessen Entwicklung wiederum der Gang der Weltwirtschaft mitbestimmt wird. Im Krieg um den erdölreichen Irak im Frühjahr 2003 war der Ölpreis den stärksten Schwankungen seit langer Zeit ausgesetzt. Der Preis der Sorte Brent stieg von circa 23 US-Dollar pro Fass/Barrel (ein Barrel entspricht 159 Litern) im November 2002 auf über 34 US-Dollar Anfang März 2003, bevor er Anfang April - nach Kriegsende - wieder auf knapp 25 US-Dollar zurückfiel.

Textilindustrie

Bekleidungsgegenstände sind arbeitsintensive Güter, die teils auf geringe, teils auf ausgeprägte Vorlieben der Verbraucher treffen. Die Hochlohnländer mit ihren anspruchsvollen Käufern überlassen folglich die Produktion der austauschbaren "Stapelware" den Entwicklungsländern, da sie mit deren niedrigen Löhnen nicht konkurrieren können und auch die Transportkosten gering sind. Sie besetzen aber den Teil des Marktes, in dem durch Einsatz von hochwertigen Dienstleistungen (Design, Materialveredelung, Markenpflege) hoch differenzierte und prestigebesetzte Ansprüche bedient werden und die Zahlungsbereitschaft der Käuferschaft groß ist. Da die Produkte aber relativ leicht imitiert werden können und der Urheberschutz bzw. dessen Kontrolle international trotz WTO immer noch zu wünschen übrig lässt, sind die Erzeuger immer wieder darauf angewiesen, neue Produkte mit frischem Prestigewert herauszubringen.

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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.

Der Wettbewerbsdruck wird durch Handelsliberalisierung verschärft: Es ist vorgesehen, den Textilsektor, der als einziger Industriesektor bislang von den multilateralen Handelsregeln ausgenommen war, bis Ende 2004 in die WTO-Disziplin "einzubinden". Dies bedeutet, dass die zahlreichen mengenmäßigen Handelsbeschränkungen (Quoten) bei Textil- und Bekleidungserzeugnissen, die noch immer vor allem den Export der Entwicklungsländer in Industrieländer stark behindern, dann beseitigt sein sollen. In der laufenden WTO-Verhandlungsrunde (Doha-Runde) sollen außerdem die relativ hohen Zölle im Textilsektor deutlich reduziert werden. Beides zusammen (Quotenabbau und Zollsenkung) wird auf der einen Seite zu beträchtlichen Wohlfahrtsgewinnen in der Welt führen - die Rede ist von über 300 Milliarden US-Dollar pro Jahr -, aber auch in einzelnen Ländern und Regionen erhöhte Arbeitslosigkeit hervorrufen und eine Beschleunigung des Strukturwandels erzwingen.

Information und Kommunikation

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind Teil der Neuen Ökonomie (New Economy), die sich in den neunziger Jahren immer stärker herausgebildet hat. Die Neue Ökonomie schließt auch die Mikroelektronik, Bio- und Gentechnologie ein. Sie bildet das Gegenstück zu den traditionellen Wirtschaftszweigen der Alten Ökonomie wie zum Beispiel Textil, Kohle und Stahl. Information gilt als Rohstoff der New Economy. Motor des raschen Wachstums im IKT-Sektor sind technologische Entwicklungsschübe. Dadurch sind zum Beispiel die Kosten der Speicherung, Analyse und Verbreitung von Daten/Informationen in den letzten Jahren kräftig gesunken. Der Informationsfluss im World Wide Web (Internet) wird kaum mehr durch nationale Grenzen gehemmt. Dementsprechend schreitet die Globalisierung des IKT-Sektors schnell voran. Weltweit wächst der Handel mit IKT-Gütern fast doppelt so schnell wie der gesamte Güterhandel.

Die rapide Entwicklung der IKT-Branche verzeichnet jedoch nicht nur Gewinner. Während die Informationstechnologie für Schwellenländer wie zum Beispiel Mexiko neue Wachstumschancen eröffnet, fehlt in Entwicklungsländern wie einer Reihe afrikanischer Staaten noch die Infrastruktur für moderne Kommunikation. In den ökonomisch stärksten Ländern, mit weniger als einem Sechstel der Weltbevölkerung, leben mehr als drei Viertel der Internetnutzenden. Auch innerhalb einzelner Staaten droht die Entstehung einer digitalen Kluft (Digital Divide), wie das Beispiel Bangalore zeigt - der technologische Übersprung von dieser Softwaremetropole Indiens auf die übrige Wirtschaft des Landes ist bisher anscheinend ausgeblieben. Gleichzeitig besteht in Entwicklungsländern aber die Möglichkeit einer relativ kostengünstigen IKT-Einführung, da technische Entwicklungsstufen übersprungen werden können. Auf diese Weise könnte der Wissens- und Bildungsrückstand in diesen Ländern deutlich verringert werden.

Forschung und Entwicklung

Einen immer größeren Raum im Wirtschaftsgeschehen nehmen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ein. Forschung und Entwicklung (FuE) ist ein Schlüsselfaktor für die internationale Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen und die technologische Leistungsfähigkeit ganzer Volkswirtschaften. Dieser "Querschnitts-Sektor", der ähnlich wie der IKT-Sektor Unternehmens- und Branchengrenzen übersteigt und in erheblichem Umfang externe Effekte erzeugt (und damit Nutzen für die Allgemeinheit stiftet), erhält deshalb auch starke staatliche Unterstützung. So ist der Staat etwa als Betreiber und Finanzier von Grundlagenforschung tätig, fördert anwendungsorientierte Forschung und technologische Entwicklung/Innovation und setzt Impulse auf Technologiefeldern, die besonders zukunftsträchtig erscheinen und ein breites Anwendungsspektrum verheißen (Beispiele: Nanotechnologie, Biotechnologie oder Mikrosystemtechnik). Außerdem ist er Wegbereiter für technologische Kooperation zwischen Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen (durch Förderung von "Verbundprojekten") oder Veranstalter technologischer "Schönheitswettbewerbe" (Beispiel: "BioRegio" zwischen Regionen in Deutschland). Neuerdings zieht sich jedoch der Staat in den meisten Industrieländern angesichts steigender Defizite in den öffentlichen Kassen mehr und mehr aus der Finanzierung privater FuE-Aktivitäten zurück, während das FuE-Engagement von Seiten der Wirtschaft zunimmt.

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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.

FuE-intensive Industriezweige (zum Beispiel Luft- und Raumfahrt, Nachrichten- und Computertechnik) und Dienstleistungsbranchen mit hohem Wissensanteil (zum Beispiel Nachrichtenübermittlung, Datenverarbeitung oder Softwareentwicklung) expandieren deutlich stärker als technologisch weniger anspruchsvolle Tätigkeiten. In den technologieintensiven Bereichen schreitet auch die internationale Arbeitsteilung schneller voran als in der übrigen Wirtschaft. Dies ist zum einen am wachsenden Gewicht FuE-intensiver Produkte im Welthandel zu erkennen. Dabei zeigen Erzeugnisse der Spitzentechnologie (Beispiele: Elektronische Bauelemente, Datenverarbeitungsgeräte, Prozesssteuerungsanlagen, pharmazeutische Substanzen) die stärkste Dynamik: Ihr Anteil am Welthandel ist von rund 15 Prozent gegen Ende der achtziger Jahre auf gegenwärtig etwa 25 Prozent angestiegen, während das Segment technologisch einfacher Produkte kontinuierlich geschrumpft ist.

Zum anderen findet eine immer stärkere Vernetzung technologischer Aktivitäten in der Welt statt. Immer öfter vergeben Unternehmen FuE-Aufträge an ausländische Unternehmen und Forschungseinrichtungen, um Entwicklungs- und Innovationszeiten zu verkürzen und Zugang zu spezifischem und komplementärem Wissen zu gewinnen, das intern nicht verfügbar ist. Darüber hinaus investieren die Unternehmen in zunehmendem Maße selbst im ausländischen FuE-Sektor. Die chemisch-pharmazeutische Industrie, die am stärksten internationalisierte Branche der deutschen Wirtschaft, tätigt bereits etwa ein Drittel ihrer FuE-Ausgaben im westlichen Ausland.

Häufiges Motiv der FuE bei ausländischen Tochtergesellschaften inländischer Unternehmen ist die Anpassung im Heimatland entwickelter Produkte an die lokalen Gegebenheiten im Gastgeberland (Anpassungsentwicklung). Verstärkt entwickeln die Auslandstöchter der Unternehmen aber auch eigenständig neue Produkte (Innovationsentwicklung), die weltweit vermarktet werden, und führen grundlegende Entwicklungsaufgaben für das gesamte Unternehmen oder den Gesamtmarkt einzelner Geschäftsbereiche des Unternehmens durch.

Voraussetzung hierfür ist die Erschließung ausländischer Technologiequellen. Deshalb unterhalten zum Beispiel zahlreiche deutsche Unternehmen eigene Forschungszentren in der Nähe führender amerikanischer Universitäten. Dies zeigt, dass die Nutzung komparativer Vorteile des Forschungsstandortes ein wichtiges Motiv bei den FuE-Aktivitäten deutscher Unternehmen in den USA ist. Weitere Motive kommen hinzu. So bevorzugen einige deutsche Pharma- und Nahrungsmittelunternehmen für ihre Forschungsabteilungen US-amerikanische Standorte, weil sie dort weniger strengen gentechnologischen Rechtsbestimmungen unterworfen sind und leichteren Zugang zu den einschlägigen Forschungszentren haben.

Bauwirtschaft

Die Bauwirtschaft galt bis vor kurzem als einer der Produktionsbereiche, die der Globalisierung am wenigsten ausgesetzt sind. Hohe Transportkosten für Baustoffe, Immobilität des Endprodukts, überwiegend handwerkliche Bautechnik, Regionalität des Facharbeitermarktes, nationale Bauvorschriften und Zugangsbeschränkungen (öffentliches Vergabewesen) schützten sie vor internationaler Konkurrenz. Dies hat sich radikal geändert: Immer mehr Teile werden fabrikmäßig vorgefertigt (Elementbauweise, Fertighäuser), sodass sowohl die Transportkosten, bezogen auf die Wertschöpfung, als auch in der Produktion die Stückkosten in Abhängigkeit von der produzierten Menge sinken. Für größere öffentliche Projekte besteht Ausschreibungspflicht, und die Auftraggeber dürfen heimische Anbieter dabei nicht mehr in ähnlichem Maße wie früher bevorzugen.

Entsprechend diesen Veränderungen hat sich auch die Marktstruktur internationalisiert. Wenige Großunternehmen beherrschen den Markt für Großprojekte. Sie können ihre gesamte Baulogistik international organisieren und sich die preiswertesten Zulieferer aussuchen. Damit verweisen sie die traditionell mittelständische Bauwirtschaft mehr und mehr auf die regionale und lokale Nischenproduktion in Form von Eigenheimen, begrenzten Tiefbauarbeiten und Instandsetzungen. Um im Wettbewerb bestehen zu können, setzen kleine und mittlere Unternehmen vielfach auch preiswerte Arbeitskräfte aus dem Ausland ein.

Unter diesen Bedingungen werden kurzfristig nach Tarif bezahlte Bauwerker immer häufiger arbeitslos; mittelfristig geraten auch die Tariflöhne unter Druck. Um einer solchen Entwicklung entgegenzutreten, wurden in der Europäischen Union "Entsenderegelungen" eingeführt. Das deutsche Arbeitnehmer-Entsendegesetz etwa bestimmt, dass für ausländische Arbeiter auf deutschen Baustellen der im Tarifvertrag für die deutsche Bauwirtschaft festgelegte Mindestlohn gilt. Langfristig wird jedoch der Beruf des Bauarbeiters von den Einkommenschancen her weniger attraktiv. Es sei denn, die heimischen Interessenten bilden sich besser aus und besetzen das - wachsende - obere Segment der bauwirtschaftsbezogenen Berufe.

Dienstleistungen

Besonders geschützt bzw. national zersplittert waren bis vor kurzem auch die Dienstleistungsmärkte. Dies gilt für viele Sparten auch heute noch, so vor allem für Handwerk, Reinigung, Gesundheits- und Hygienedienste, aber auch für öffentliche und soziale Dienstleistungen im weiteren Sinne. Dagegen sind die - auch oder ausschließlich - unternehmensnahen Dienste heute einerseits stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzt und können andererseits selber Auslandsmärkte besetzen oder mit ausländischen Partnern kooperieren. Oft ist die Globalisierung hier sogar extrem ausgeprägt. Elektronische Dienste sind überhaupt nicht mehr standortgebunden. Die großen Banken sind allgegenwärtig. Versicherungspolicen können europaweit vertrieben werden. Auch Unternehmen aus Drittländern können sich niederlassen und haben dann die gleichen Rechte.

Die großen Anwaltskanzleien, Steuer- und Unternehmensberatungsbüros sind in angelsächsischem wie in deutschem und französischem Recht gleichermaßen zu Hause. Allerdings handelt es sich hier vielfach um Aktivitäten, bei denen das Vertrauen der Kundschaft eine besondere Rolle spielt. Sie bevorzugt deshalb meist bewährte heimische Anbieter. Doch längst haben diese mit ausländischen Partnern Allianzen gebildet oder - mehr noch - ausländische Firmen übernommen, um deren standortgebundenes Vertrauenskapital zu nutzen. Diese Tendenz ist mittlerweile im Dienstleistungssektor ausgeprägter als in der Industrie und unter den Dienstleistungsbranchen besonders stark bei den Finanzdiensten und den unternehmensnahen Diensten.

Allerdings wird die Internationalisierung des Dienstleistungssektors noch vielfach durch staatliche Interventionen erheblich beeinträchtigt. Nicht Zölle und Quoten (Grenzschranken), wie in der Industrie, sondern Regulierungen im Inneren der Länder (Inlandsschranken) bilden im Dienstleistungssektor das Haupthindernis gegen mehr internationale Arbeitsteilung. Vorschriften, Auflagen und Beschränkungen unterschiedlichster Art erschweren hier den Marktzugang ausländischer Anbieter und diskriminieren diese gegenüber inländischen Unternehmen.

Verbreitet sind ebenfalls Diskriminierungen zwischen ausländischen Unternehmen aus verschiedenen Ländern. In der Uruguay-Runde des GATT wurde mit dem Allgemeinen Dienstleistungsabkommen (General Agreement on Trade in Services - GATS) die Grundlage für den Abbau der Zugangshindernisse und Diskriminierungen geschaffen, und in zwei sektoralen Abkommen (Telekommunikation und Finanzdienstleistungen) wurden bereits erste Liberalisierungserfolge erzielt.

Die laufende Doha-Runde der WTO soll das Regulierungsdickicht weiter lichten und mehr Marktzugang, Gleichbehandlung in- und ausländischer Unternehmen (National Treatment) und Meistbegünstigung (Gleichbehandlung ausländischer Anbieter) gewährleisten. Dabei wird es in einigen "sensiblen" Bereichen zu harten Auseinandersetzungen kommen, etwa im Bereich öffentlicher Versorgungsleistungen (Gesundheitswesen, soziale Dienstleistungen, Bildung) oder bei audiovisuellen Dienstleistungen.

Die Europäische Union will zum Beispiel, entgegen den Forderungen der USA, die Bevorzugung europäischer audiovisueller Produktionen (in Fernsehprogrammen und bei der Filmförderung) beibehalten und macht hier - im Verein mit mächtigen Interessengruppen - die "kulturelle Ausnahme" geltend. Danach würde das Gut "Wahrung kultureller Vielfalt" über das Gut "Freihandel" gestellt.

Von besonderem Interesse für Entwicklungsländer ist eine Liberalisierung bei der Freizügigkeit der Arbeitskräfte. Einige Industrieländer möchten diese verhindern, weil sie negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt fürchten, die eine "vorübergehende Einreise natürlicher Personen zur Erbringung von Dienstleistungen" haben könnte.
 

Quellentext
Wachstumssektor Dienstleistungen
In deutschen Programmkinos bekommt das "sehr geehrte Publikum" dieser Tage einen irritierenden Spot zu sehen. "Der angekündigte Film musste leider aus dem Programm genommen werden", steht da in weißer Schrift auf schwarzer Leinwand. Schnitt. "Er wurde mit Hilfe öffentlicher Filmförderung finanziert." Schnitt. "Das bedeutet einen klaren Verstoß gegen die Prinzipien des freien Welthandels." Schnitt.

Verstoß gegen den freien Welthandel? So bestimme es, erklärt das Schriftband in den Kinos weiter, das General Agreement on Trade in Services, kurz GATS, das "am 1. 1. 2005 in Kraft getreten" sei. Die Zukunftsvision des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac endet lakonisch: "Sie sehen statt dessen einen aktuellen Blockbuster." Denn Hollywood-Produktionen rechnen sich von allein. "Gute Unterhaltung. Ihre WTO."

[...] Reine Panikmache oder reale Perspektive? Anfang dieser Woche (erste Aprilwoche 2003 - Anm. d. Red.) hat jedenfalls die heiße Phase bei einem der umstrittensten Themen der laufenden Welthandelsrunde begonnen. Bei der WTO trudeln seit dem 31. März die Liberalisierungsangebote und -forderungen für den Dienstleistungssektor ein, die Regierungen aus aller Welt an andere Länder gerichtet haben. Bis zum Herbst wird um Kompromisse gerungen, im September müssen die Minister im mexikanischen Cancœn verhandeln, und spätestens 2005 soll der neue GATS-Vertrag unterschrieben sein. [...]

Dienstleistungen sind ein Riesengeschäft. Allein im vergangenen Jahr wurden mit dem Service an Mensch, Maschine und Umwelt weltweit 1,34 Billionen Dollar umgesetzt. In den OECD-Ländern erwirtschaftet dieser Sektor inzwischen 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, er beschäftigt zwei von drei Arbeitnehmern. Schon jetzt exportiert Europa jährlich Services im Wert von 300 Milliarden Dollar; die Reinigung von Abwasser, den Verkauf von Versicherungen oder den Betrieb von Telefonnetzen.

Doch noch beschränkt sich der Anteil der Dienstleistungen auf nur ein Fünftel des gesamten Welthandels, noch hemmen Zölle und nationale Auflagen das Wachstum. Würden sie abgebaut, könnten laut einer OECD-Studie jährlich Wohlfahrtsgewinne von 130 Milliarden Dollar entstehen. Kein Wunder, dass in den Blütenträumen der Liberalisierungsfans alle Handelshemmnisse schnell aus dem Weg geräumt werden. [...]

So fordert der Vertrag, der als Teil des Welthandelsabkommens 1995 in Marrakesch von der Bundesregierung und mehr als 140 weiteren Ländern unterzeichnet wurde, die "fortschreitende Liberalisierung" sämtlicher Dienstleistungsmärkte. Kontinuierlich soll der globale Handel mit Planung und Kompetenz, Versicherungen und Sozialleistungen ausgeweitet werden, in immer mehr Ländern, auf zwölf Feldern vom Transport bis zum Tourismus, von Post- und Kurierdiensten bis zur Energieversorgung. [...] Die empfindlichsten Bereiche Bildung, Gesundheit und audiovisuelle Dienstleistungen hingegen sind ausdrücklich ausgeklammert. Also keine schwarzen Leinwände [...].

Nichtregierungsorganisationen fürchten, dass GATS ganz unterschiedlichen Ländern die gleichen Technologien, gleichen Systeme, gleichen Entwicklungswege aufdrängt. Zudem ohne Rückfahrkarte, wenn sich die Strategie nicht bewähren sollte. Denn wer sich beim GATS einmal zur Marktöffnung verpflichtet hat, der muss bei einer Umkehr hohe Kompensationen bezahlen. [...]

"Die WTO wird niemanden zwingen, seine Dienstleistungsmärkte für ausländische Konkurrenten zu öffnen", beschwichtigt WTO-Chef Supachai Panitchpaktdi. [...] Die Realität jedoch, wissen Beobachter von Handlungsrunden, entsteht am Ende unter Druck, nach dem Motto: gibst du mir, geb ich dir. [...] Starke Länder sind in der Lage, die Liberalisierung zu steuern und zu ihrem Vorteil zu nutzen. Doch die Ärmeren? [...] 23 Staaten, darunter viele Schwellenländer, haben bislang GATS-Forderungen an die Europäische Union gerichtet - während diese in 109 Ländern Liberalisierungsschritte fordert. Dies zeigt, wer an dieser Entwicklungsrunde das größte Interesse hat.

[...] "Während sie ihre Versprechen nicht erfüllen, drängen sie uns ihre Interessen auf", sagt Aileen Kwa. Die Wissenschaftlerin aus Bangkok zieht in einer Studie für die Dritte-Welt-Organisation Focus on the Global South eine traurige Bilanz: "Viele Entwicklungsländer sind sehr nervös, dass ihre kleinen Dienstleistungsindustrien demnächst der Konkurrenz aus dem Norden ausgeliefert werden." Sie fürchteten zudem, dass neue Regeln zum Schutz von ausländischen Direktinvestitionen und neue internationale Wettbewerbsregeln ihren Spielraum weiter einschränken.

Hinzu kommt, dass die Interessen der armen Staaten bei der WTO in Genf nicht so gut vertreten werden wie jene der Reichen. Oft können sich Entwicklungsländer nur einen Vertreter leisten, und der sieht sich dann einer Phalanx von gut ausgebildeten Handelsjuristen aus Washington und Brüssel gegenüber. Wer würde da nicht kapitulieren. [...]

Christian Grefe, Petra Pinzler, "Immer fair, sagt die Katze zu den Mäusen", in: Die Zeit Nr. 15 vom 3. April 2003.

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09. Februar 2012
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Informationsrevolution und ihre Folgen
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