Geschichte und Entwicklung in Deutschland
Im Revolutionsjahr 1848 entstanden in Deutschland die ersten Parteien. Es bildeten sich Hauptströmungen - Sozialisten - Liberale - Christdemokraten/Konservative -, die sich bis heute erhalten haben. Eine Besonderheit sind die Milieuparteien.
Diese historische Illustration zeigt den Einzug der Parlamentarier der ersten deutschen Nationalversammlung in die Paulskirche von Frankfurt am Main. (© AP)Einleitung
Blickt man auf die Geschichte der Parteien in Deutschland und generell in Europa, dann haben wir es mit einer bunten Vielfalt zu tun. Parteien stellen kein überzeitliches und übergesellschaftliches Phänomen dar, sie haben sich vielmehr in Anpassung an jeweils konkrete historisch-politische Entwicklungen herausgebildet. Entstanden sind Parteien allerdings erst in der sich entfaltenden bürgerlichen Gesellschaft, chronologisch gehören sie also in die Zeit nach der Französischen Revolution von 1789. Denn eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Menschen sich freiwillig miteinander verbanden, war das Ende der Ständegesellschaft, in der jeder in feste Bindungen hineingeboren worden war. Erst die freien Bürger vermochten Vereine, Verbände und eben Parteien zu gründen.
Parteien sind Repräsentanten spezifischer, partikularer Interessen, die sie artikulieren, organisieren und politisch durchzusetzen suchen - in Konflikten mit anderen konkurrierenden Interessen und Parteien. Am schärfsten ist dies von marxistischen Autoren formuliert worden: Danach drücken Interessenkonflikte prinzipiell Klassenverhältnisse aus. Parteien sind entsprechend Vertreter von Klasseninteressen bzw. der Interessen einer Klassenfraktion. Natürlich gibt es außer Klassenkonflikten andere Interessen und Auseinandersetzungen, die zum Entstehen von Parteien geführt haben, so regionale, kulturelle, ethnische, religiöse. Welche Parteien jedoch konkret entstanden sind, hängt von den jeweiligen gesellschafts- und politikgeschichtlichen Bedingungen und Wegen ab, die sich geöffnet haben.
Im Folgenden soll die deutsche Parteiengeschichte unter vier Leitfragen betrachtet werden:
- Warum sind Parteien entstanden?
- Welche Typen von Parteien haben sich herausgebildet?
- Welche Rolle haben Parteien in den verschiedenen politischen Systemen der deutschen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert gespielt?
- Gibt es so etwas wie "Parteifamilien", also Parteien, die ideologisch, programmatisch und organisatorisch miteinander verbunden sind und sich nicht nur in einem Land finden und sich von anderen "Familien" entsprechend abgrenzen?
Entstehungsgeschichte
Wenn Parteien Ausdruck gegensätzlicher Interessen sind, dann stehen am Anfang jeder Partei abweichendes Verhalten und Opposition gegenüber dem bestehenden staatlichen, verfassungspolitischen oder sozialen Status quo. Es werden reformerische oder revolutionäre Veränderungen eingefordert, die Demokratisierung und Parlamentarisierung des politischen Systems, die Herstellung sozialer Gleichheit oder größere politische Teilhabe.
Die beiden Politikwissenschaftler Stein Rokkan und Seymour Martin Lipset haben vier Konfliktlinien, vier cleavages, für das Entstehen westeuropäischer Parteien hervorgehoben:
- dominante gegen unterworfene Kultur: Beispiele in der deutschen Parteiengeschichte sind die Polen im Ruhrgebiet und die Welfen um Braunschweig, die sich parteilich in Opposition zur preußisch-protestantischen Hegemonie Berlins organisierten.
- Staat gegen Kirche: So ist aus den Kulturkämpfen in Preußen-Deutschland das Zentrum als Partei des politischen Katholizismus hervorgegangen.
- Agrarinteressen gegen Industrieinteressen:Die Konservativen haben in Deutschland vornehmlich Agrarinteressen vertreten, große Teile der Liberalen hingegen die Interessen des aufstrebenden industriellen Unternehmertums.
- Kapital gegen Arbeit: Das schlagende Beispiel für diese Konfliktlinie ist die SPD, die sich als Arbeiterpartei gegründet hat.
- der Liberalismus gegen das alte Regime des Absolutismus und Feudalismus;
- der Konservatismus gegen den politisch sich herausbildenden Liberalismus;
- die Arbeiterparteien gegen das Kapital und das bürgerliche System;
- die Agrarparteien gegen den Industrialismus;
- regionale Parteien gegen den Zentralismus und konkret gegen die Metropole Berlin;
- christliche Parteien gegen die zunehmende Verweltlichung sowie gegen die Trennung von Staat und Kirche;
- kommunistische Parteien gegen den "Sozialdemokratismus";
- faschistische Parteien gegen die politische Demokratie;
- Protestparteien (wie Anti-Steuer-Parteien) gegen das bürokratisch-wohlfahrtsstaatliche System;
- ökologische Parteien gegen die Wachstumsgesellschaft.
Erst in der Revolution von 1848/49 sind die ersten Parteien aus den Gruppierungen und Fraktionierungen des Paulskirchen-Parlaments heraus entstanden. Sie konnten sich auf Ideen geschichtlicher Vorläufer im Vormärz, sogar schon in der Französischen Revolution berufen. Sie benannten sich zunächst nach den Gasthäusern im Umfeld des Tagungsortes, in die man sich aus Platzmangel zu Absprachen zurückziehen musste: Deutscher Hof (Demokratische Linke); Württemberger Hof und Augsburger Hof (Linksliberale Mitte); Casino (Rechtsliberale Mitte); Café Milan, Pariser Hof (Katholische Rechte, Konservative). Die Rechts-Links-Einteilung stammt aus der Französischen Revolution. Sie orientierte sich an der Sitzordnung der damaligen Nationalversammlung. Außerhalb der Parlamente gab es zunächst keine Organisationen, vielmehr stützte man sich auf alte gesellschaftliche Verbindungen, wir würden heute "Netzwerke" sagen, wie das bürgerliche Vereinswesen, die lokalen Honoratioren, die Aristokratie. Erst die in den 1860er/1870er Jahren gegründete Sozialdemokratie ist nicht aus dem Parlament, sondern aus der Gesellschaft heraus entstanden.
weitere Inhalte:
- Annäherung an einen komplexen Begriff
- Aufbau und Organisationswirklichkeit
- Aufgaben und Funktionen
- Auslaufmodell oder Kontinuum - Zukunftsperspektiven
- Deutsche Einheit
- Deutsche Geschichte nach 1945
- Nationalsozialismus
- Quellen, Verteilung und Kontrolle der Finanzen
- Streitobjekt innerparteiliche Demokratie
- Verkannte Größe - Parteien in staatlichen Institutionen
- Wahrnehmung in der Öffentlichkeit
- Zeitgeschichte
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