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30.4.2004 | Von:
Anneli Rüling
Karsten Kassner
Peter Grottian

Geschlechterdemokratie leben. Junge Eltern zwischen Familienpolitik und Alltagserfahrungen

Die Rahmenbedingungen für Familien sind schlecht, vor allem wenn sich Paare Erwerbs- und Familienarbeit teilen wollen. Die Autoren schlagen familienpolitische Reformen vor, welche die Paare zu zentralen Akteuren der Veränderung machen.

Einleitung

Über die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" wird seit dem Bundestagswahlkampf 2002 in der Öffentlichkeit heftig diskutiert. Strittig ist vor allem die Frage, wer denn nun Schuld daran sei, dass in Deutschland zu wenig Kinder geboren werden:[1] Ein Generationenkonflikt wird heraufbeschworen, ein Verteilungskonflikt zwischen Eltern und kinderlosen Singles ausgemacht, und kinderlose Frauen (über 40 Prozent der Akademiker/innen) werden teilweise als "egoistische Karrierefrauen" porträtiert. Diese Art von Verteilungskonflikt interessiert uns hier jedoch weniger.[2] Vielmehr wollen wir das Thema der "Vereinbarkeit" unter einer geschlechterpolitischen Perspektive angehen. Uns interessiert, was sich jenseits der Wahlkampfreden tatsächlich verändert hat in der Familienpolitik und inwiefern das geschlechterpolitische Reformprojekt, das sich Rot-Grün auf die Fahnen geschrieben hat,[3] vorangekommen ist. Zudem wollen wir die Perspektive umkehren und fragen, wie junge Eltern, die sich Erwerbs- und Familienarbeit teilen, ihren Alltag gestalten und welche familienpolitische Unterstützung sie benötigen. Wir werden zeigen, dass sie ihre Vorstellungen weitgehend gegen herrschende Strukturen durchsetzen müssen. Geschlechterdemokratische Arbeitsteilung ist ein politisch ungewolltes, aber für Paare attraktives Projekt. Schließlich werden wir Vorschläge unterbreiten, wie junge Eltern zu Akteuren der Veränderung gemacht werden könnten.














Mit "Geschlechterdemokratie" in der Familienpolitik verbinden wir die Vorstellung, dass die Frage nach der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" kein Frauenthema bleibt, sondern beide Elternteile für die Kindererziehung Verantwortung tragen und zugleich die Möglichkeit haben, erwerbstätig zu sein. Legt man diese Messlatte an, so muss untersucht werden, welche Leitbilder heute in derBundesrepublik Grundlage familienpolitischer Steuerung sind. Letztlich geht es also darum, ob sich Familienpolitik weiterhin an einem traditionellen Familienmodell mit Familienernährer und Hausfrau orientiert oder aber geschlechterdemokratische Lebensformen fördert.


Fußnoten

1.
Vgl. Anneli Rüling, Familienpolitik = Frauenpolitik? Konturen einer Debatte, in: Femina Politica, 12 (2003) 1, S. 9 - 16; Spiegel-Titel "Der letzte Deutsche", in: Der Spiegel, Nr. 2 vom 5. 1. 2004; Jürgen Borchert, Wozu noch Familie, in: Die Zeit, Nr. 3 vom 17.1. 2003.
2.
Vgl. ausführlich zum Zusammenhang von demographischem Wandel und sozialen Sicherungssystemen: Ulla Knapp, Kinder, Inder und die Frauen. Eine Diskussion der aktuellen migrationspolitischen Debatte aus geschlechterpolitischer Sicht, in: Friederike Maier/Angelika Fiedler (Hrsg.), Gender Matters: Feministische Analysen zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Berlin 2002, S. 133 - 159.
3.
Vgl. hierzu Sigrid Leitner, Tour de force der Gleichstellung: Zwischensprints mit Hindernissen, in: Antonia Gohr/Martin Seelaib-Kaiser (Hrsg.), Sozial- und Wirtschaftspolitik unter Rot-Grün, Opladen 2003, S. 249 - 264.