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Aus Politik und Zeitgeschichte (B1-2/2004)

Zur Entstehung und Verbreitung der "Kaufsucht" in Deutschland


Lucia A. Reisch / Michael Neuner / Gerhard Raab
Inhalt

Kaufsuchtforschung

Merkmale der Kaufsucht

Das Suchtmittel Kaufen

Entstehung der Kaufsucht

Verbreitung und Entwicklung

Therapieansätze

Kaufsuchtforschung
Während in den USA und Kanada seit den achtziger Jahren Diskussionen über Kaufsucht geführt werden, wird diesem Phänomen in Deutschland erst seit einem guten Jahrzehnt Beachtung geschenkt. Im Jahre 1989 hat eine interdisziplinäre Forschungsgruppe an der Universität Hohenheim in Stuttgart mit der Kaufsuchtforschung in Deutschland begonnen und 1991 die erste europäische Studie zur Kaufsucht durchgeführt. Bis heute stellen die Hohenheimer Studien die - bezogen auf die Datenbasis - weltweit größten Untersuchungen über Kaufsucht und die einzigen bevölkerungsrepräsentativen epidemiologischen Erhebungen dar. Kaufsuchtstudien mit kleineren Datenbasen und teilweise spezielleren Fragestellungen wurden seit 1988 in den USA und Kanada sowie seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland und weiteren europäischen Ländern wie Großbritannien, Österreich, Spanien, Frankreich und der Schweiz durchgeführt.

Zur Person
Lucia A. Reisch
Dr. oec., geb. 1964; wissenschaftliche Assistentin an der Universität Hohenheim.
Anschrift: Univ. Hohenheim (530a), 70593 Stuttgart.
E-Mail: lureisch@uni-hohenheim.de

Ausgangspunkt der Hohenheimer Studien waren Fragen danach, ob das Phänomen der Kaufsucht auch in Deutschland nachweisbar ist, worin die Ursachen dieser Sucht liegen, welche Folgen daraus für die Betroffenen entstehen, welche Personen oder Personengruppen besonders davon betroffen sind und nicht zuletzt, wie "Kaufsucht" gemessen werden kann. Um diesen Fragen näher zu kommen, wurden im Rahmen der Exploration mehrstündige Tiefeninterviews mit 26 Personen geführt, die sich selbst als "kaufsüchtig" bezeichneten und unter ihrem Verhalten litten. Die Gespräche wurden protokolliert und inhaltsanalytisch ausgewertet. Zudem wurden die Kaufsüchtigen einer Reihe von psychologischen Tests unterzogen, die über die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen wie ihren Selbstwert, die Neigung zu Depressivität und Psychasthenie (psych. Kraftlosigkeit) Auskunft gaben.[1] Diese Tiefeninterviews waren die Grundlage für die weitere Forschungsarbeit, insbesondere für die 1991 durchgeführte erste Repräsentativuntersuchung von über 1 500 Personen in der damals gerade wiedervereinten Bundesrepublik.

Zur Person
Michael Neuner
Dr. oec., geb. 1962; wissenschaftlicher Assistent am Transatlantik-Institut der FH Ludwigshafen am Rhein.
Anschrift: FH Ludwigshafen am Rhein, Transatlantik-Institut, 67059 Ludwigshafen am Rhein.
E-Mail: michael.neuner@fh-ludwigshafen.de

Genau zehn Jahre später, im Oktober 2001, hat dieForschungsgruppe eine Wiederholungsstudie durchgeführt.[2] Im Zentrum stand dieses Mal die Frage, ob und gegebenenfalls wie sich die Tendenz zur Kaufsucht in den alten und neuen Bundesländern im zurückliegenden Jahrzehnt entwickelt hat. In einer bevölkerungsrepräsentativen Studie wurden wiederum über 1 000 Personen mit Hilfe eines "Kaufsuchtindikators" befragt, der bereits in der Erststudie zum Einsatz gekommen war (vgl. Tabelle: s. PDF-Version). Dieses Erhebungsinstrument wurde von der Forschungsgruppe entwickelt und mehrfach im Sinne der kritischen Testtheorie auf seine Zuverlässigkeit und Gültigkeit hin geprüft.

Zur Person
Gerhard Raab
Dr. oec., geb. 1960; Professor für Marketing und Psychologie an der FH Ludwigshafen am Rhein.
Anschrift: wie M. Neuner.
E-Mail: raab@fh-ludwigshafen.de

Veröffentlichungen der Forschungsgruppe u. a.: Gerhard Raab, Kaufsucht: Kompensatorisches und suchthaftes Kaufverhalten, in: Stefan Poppelreuter und Werner Gross (Hrsg.), Nicht nur Drogen machen süchtig, München 2000; Michael Neuner/Lucia A. Reisch, Trends zur "Kaufsucht" von Konsumenten, in: Sparkasse, 119 (2002) 1; Lucia A. Reisch, "Symbols for sale": Funktionen des symbolischen Konsums, in: Leviathan, Sonderheft (2002) 21.

Das Instrument misst die Tendenz zum süchtigen Kaufen.[3] Hinzu traten neue Fragen zur Nutzung von Online-Medien, zum Internet-Shopping und zum Anlageverhalten - Dimensionen, bei denen ein Zusammenhang mit der Kaufsuchttendenz vermutet wurde. Die Ergebnisse dieser Wiederholungsstudie lassen Schlüsse bezüglich der Entwicklung der Kaufsucht in der Bundesrepublik im letzten Jahrzehnt zu. Von besonderem Interesse sind dabeidie Entwicklungen in den neuen und alten Bundesländern sowie der Zusammenhang zwischen Kaufsucht und soziodemographischen Variablen wie Geschlecht, Alter, Einkommen und Bildung.
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09. Februar 2012
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Gesellschaft und Sucht
Editorial
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