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Informationen zur politischen Bildung (Heft 268)

Gesellschaftsstruktur und -politik


Jörg Nagler
Inhalt

Einleitung

Bevölkerung

Soziale Sicherung

Einkommensverteilung

Bildungswesen

Verstädterung

Multiethnische Gesellschaft

Religionszugehörigkeiten

Religionszugehörigkeiten
Der Prozentsatz an Kirchenmitgliedschaften, die Anzahl der Gottesdienstbesuchenden sowie Umfrageergebnisse zum Verhältnis zur Religion bestätigen, dass die USA das religiöseste Land der westlichen Industriestaaten sind. Befragungen zufolge räumt die Mehrheit der Bevölkerung der Religion einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben ein. Der Menschenrechtskatalog, der der Verfassung als Bill of Rights angefügt wurde, garantiert in seinem ersten Punkt die Religionsfreiheit, die US-Amerikanerinnen und -Amerikaner in mehr als 250 vorwiegend christlich-protestantischen und -katholischen, aber auch vielen anderen Glaubensgemeinschaften unterschiedlichster Provenienz praktizieren.

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Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig.

Religionsfreiheit war ein Motiv für viele religiös verfolgte Gruppen, in die USA auszuwandern. Ebenso wie die Parteien sind die Glaubensgemeinschaften dezentrale, regionale und wenig hierarchisierte Einrichtungen, die fast ausschließlich von ihren Mitgliedern finanziert werden. Eine wie in Deutschland staatlich eingezogene Kirchensteuer ist in den USA wegen der historisch gewachsenen strikten Trennung zwischen Staat und Kirche undenkbar. Die meisten Kirchen engagieren sich in sozialen Aufgaben der jeweiligen Gemeinden, kümmern sich um die Notleidenden in ihrem Umfeld und bemühen sich um die Verbesserung der Lebensbedingungen von Minderheiten.
In der Religionsgeschichte der Vereinigten Staaten kam es immer wieder zu Erweckungs- und Erneuerungsbewegungen, hauptsächlich innerhalb des anglo-amerikanischen Protestantismus. Dieses seit dem 18. Jahrhundert wiederkehrende Phänomen war Ausdruck konservativer Gegenströmungen zu den Kräften der Modernisierung. Verbunden mit einer Wiederbelebung des individuellen Gotteserlebnisses waren diese Bewegungen gleichzeitig ein Protest gegen eingefahrene kirchliche Praktiken und Hierarchien. Oft wurden sie von Laienpredigern ausgelöst, die schnell an Popularität und Zulauf gewannen.
Im 20. Jahrhundert setzten dann Prediger wie der Baptist Billy Graham erstmalig die modernen Medien zur Verbreitung ihres Glaubens und genereller Evangelisation ein. Seit den achtziger Jahren existiert auch das Phänomen der electronic church mit den so genannten Fernsehevangelisten, die eigene Sender betreiben und in bestimmten Regionen, insbesondere in den Südstaaten, erheblichen politischen Einfluss besitzen. Neben den verschiedensten protestantischen Gemeinden gibt es natürlich auch die zahlenstarke katholische Kirche sowie vielfältigste andere Religionsgemeinschaften wie zum Beispiel jüdische, hinduistische und buddhistische sowie moslemische, die besonders von Afroamerikanern unterstützt werden. So wurde der Boxweltmeister Cassius Clay 1965 zu Muhammad Ali.
Von jeher haben europäische Reisende in den USA den großen Stellenwert der Religion beobachtet, wie auch der bekannte französische Politiker und Schriftsteller Alexis de Tocqueville, der in seinem noch heute vielfach zitierten Bericht "Über die Demokratie in Amerika" (1835) feststellte, dass in den Vereinigten Staaten "die Religion [...] mit allen nationalen Gewohnheiten und mit fast allen vaterländischen Gefühlen" verbunden sei. Es wird daher auch von einer amerikanischen "Zivilreligion" gesprochen, in der die Vorstellung einer "Nation unter Gott" (one nation under God) für die Bürgerinnen und Bürger identitätsstiftend wirke. Unabhängig von den Bekenntnissen werden auch im politischen Leben religiöse Züge deutlich: So werden die fast sakrale Verehrung der Fahne, der Unabhängigkeitserklärung sowie der Verfassung und damit auch der amerikanische Patriotismus erst verständlich.
 

Quellentext
Religiöses Engagement
[...] Erst im 19. Jahrhundert entstand das "christliche Amerika". Kollektive religiöse Erfahrungen wie das "Second Great Awakening" spielten dabei ebenso eine Rolle wie die geradezu militärisch geplante Missionierung der Bevölkerungskreise, die von Religion aus welchen Gründen auch immer nicht viel hielten. Bei diesen campaigns wurden ganz neue Methoden erprobt und eingesetzt: Predigten vor Tausenden von Menschen auf freiem Feld, gelegentlich auch in großen Zelten, nicht aber in Kirchengebäuden; die bewusste Konfrontation jedes einzelnen Zuhörers mit seinen Sünden; die Verbindung von Glaubensfragen mit Fragen des Lebenswandels, also die Verbindung des Kampfes um die Seelen der Nichterweckten mit dem Kampf gegen den Alkoholismus, gegen die Prostitution und in den Jahren vor dem Bürgerkrieg im Norden der Vereinigten Staaten auch gegen die Sklaverei.
Ihren Höhepunkt erreichten diese Bemühungen zwischen 1840 und 1900. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden in den USA strikte und relativ enge Einwandererquoten eingeführt. In der Folge ging die Zahl der Immigranten drastisch zurück. In der Epoche zwischen 1920 und 1960 ist interessanter Weise auch ein deutliches Nachlassen des religiösen Engagements zu beobachten.
Nicht unwichtig ist auch die letzte Phase: Denn in dem Maße, in dem die USA seit etwa 1960 die Schleusen für Einwanderungswillige wieder öffneten, ist auch ein erneuter Anstieg an religiösem Engagement zu konstatieren. Mehr und mehr wurde in den letzten Jahrzehnten auch die amerikanische Politik in den Bann religiöser Bestrebungen gezogen. Seit Jimmy Carter hat sich jeder amerikanische Präsident als "reborn Christian" bezeichnet. Das bedeutet nicht etwa nur die formale Zugehörigkeit zu einer der christlichen Kirchen. Es besagt vielmehr, dass derjenige, der sich so nennt, ein bekennender Christ ist, der alle seine Handlungen aus seinem christlichen Glauben ableiten möchte. [...]
Die von konservativen christlichen Gruppen beherrschte "Moral Majority" bestimmt sei zwei Jahrzehnten auch die Politik in beiden Häusern des amerikanischen Kongresses und besitzt einen Einfluss, der weit über das hinausgeht, was die christlichen Parteien in Europa bewegen könnten.
Von besonderer Wichtigkeit war es dabei, dass alle Richtungen des Christentums in Amerika schon seit dem 17. Jahrhundert durch religiöse Mythen getragen und überformt wurden, die aus dem puritanischen Erbe stammen: etwa die Vorstellung eines neuen Jerusalem, das in der Neuen Welt erbaut werden sollte, oder der Glaube an eine Analogie zwischen dem eigenen Schicksal und der Exodusgeschichte, so als ob die Auswanderung aus Europa mit dem Auszug aus Ägypten und dem Zug ins Gelobte Land gleichgesetzt werden könnte. Beide religiös-mythischen Komplexe bestärkten viele der Amerikaner in der Überzeugung, sie seien Gottes auserwähltes Volk. Was den "American Exceptionalism" über die Zeiten hinweg so stark machte, war somit der verblüffende Transfer von religiösen Motiven in eine religiös fundierte politische Mission. Deshalb verwundert nicht, dass es auch heute in den USA gerade evangelikale und fundamentalistische Kreise sind, die militärische Kampagnen der Amerikaner wie zuletzt in Afghanistan oder Irak vorbehaltlos unterstützen.
Ein Vergleich zwischen der Bedeutung der Religion in Europa und in Amerika ist deshalb so wichtig, weil wir es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Ausprägungen des Verhältnisses zur Religion innerhalb der "westlichen Welt" zu tun haben. [...] Während es in Europa nach langen Phasen einer vorsichtigen, teilweise rascheren, teilweise aber auch immer wieder retardierten Säkularisierung seit den 1960er Jahren zu einer tiefgreifenden, umfassenden und in den Konsequenzen durchaus radikalen Säkularisierung gekommen ist, spielen religiöse Argumente nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen und politischen Leben in den USA inzwischen eine derart große Rolle, dass die im First Amendment postulierte "wall of separation", also die Trennung von Kirche und Staat, zu fallen scheint. [...]
Hartmut Lehmann, "Die unvorhersehbaren Auswirkungen der Migration", in: Frankfurter Rundschau vom 27. April 2004.

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10. Februar 2012
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Inhalt
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USA -Geschichte, Wirtschaft, Gesellschaft
Die Autoren
Editorial
Von den Kolonien zur geeinten Nation
Weg zur Weltmacht 1898 bis 1945
Kalter Krieg von 1945 bis 1989
Aufbruch in eine "Neue Weltordnung"
Grundzüge des Wirtschaftslebens
Gesellschaftsstruktur und -politik
Vereinigte Staaten im Vergleich
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Die Vereinigten Staaten von Amerika: Vorbild für die einen, Feindbild für die anderen. Kaum eine andere Nation vermag es, die Gemüter so intensiv zu vereinen oder zu spalten. Die USA, das Land der Superlative und Extreme, in einem Dossier.
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