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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2001)
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Neue Medien und Internet Herausforderungen an die Pädagogik |

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Jörg Becker
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"When old technologies were new" - so betitelte die US-amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Carolyn Marvin ihr Buch über die Anfänge des Telefonwesens im späten 19. Jahrhundert.
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Zur Person |
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Jörg Becker Dr. phil., geb. 1946; Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg und Geschäftsführer des KomTech-Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung in Solingen.
Anschrift: KomTech-Institut, Augustastr. 18, 42655 Solingen.
E-Mail: joerg.becker@wupperonline.de; www.komtech.org
Veröffentlichungen u. a.: (Hrsg. zus. mit Sankaran Ramanthan) Internet in Asia, Singapur 2001; (Hrsg. zus. mit Daniel Salamanca) Fernsehen in Asien, Wien 2001 (i. E.); Information und Gesellschaft, Wien 2001 (i. E.)
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Mit ihrem sehr griffigen Buchtitel machte sie darauf aufmerksam, wie fragwürdig der Begriff der neuen Medien ist. Seit es technische Substitutionsmöglichkeiten von personaler Kommunikation gibt, also spätestens seit dem optischen Flügeltelegraphen Anfang des 19. Jahrhunderts, gibt es immer wieder neue Medien. In der immer schneller und intensiver werdenden technologischen Dynamik von Industrialisierung und später Computerisierung entstehen permanent neue Medien. Diese gebären wiederum dauernd neue Medien - und neue Medien werden immer schneller zu alten Medien.
Wann immer es erneut neue Medien gibt, tauchen stets sehr ähnliche Begründungsmuster auf, warum sie entweder gut oder warum sie schlecht für die Menschen seien. Eines dieser typischen Muster ist beispielsweise der stets wiederholte Hinweis darauf, dass das neue Medium x die alte Kommunikationsform y zerstören würde. Die Begründungsmuster sind ihrer Zahl nach klein, sie erweisen sich als konstant und tauchen technologie- und mediengenetisch stets aufs Neue auf. Sport und Unterhaltung, Sexualität und Erziehung sowie das stete Versprechen der Technologieprotagonisten, dass das gerade jetzt neue Medium diese und jene körperliche Behinderung gut kompensieren könne, erweisen sich in diesem Sinne als die wichtigsten genetischen Muster. Stand der Sport Pate bei dem neuen Druckverfahren der Autotypie im letzten Jahrhundert, beim Beginn von Hörfunk, Fernsehen und Buntfernsehen, so galt der Hörfunk auch als ideales Medium für Kriegsblinde. Nun soll der PC helfen, Legasthenie und Autismus zu überwinden.
Von diesen sozialen Wirkmechanismen der Technologie- und Mediengenese ist der der Pädagogik sicherlich der verbreitetste und wirkmächtigste. Ob Hörfunk oder Fernsehen, Videokamera oder PC, Kino oder Internet: Stets und ständig wurde bei der Einführung jedes neuen Mediums argumentiert, dass nun die gesamte Erziehung revolutioniert werde, dass Erziehung ohne dieses neue Medium nicht mehr denkbar sei, dass die Schule gefordert sei, auf diesem Gebiet technisch und didaktisch auf- und nachzuholen - kurz, dass zur jeweils neuen Moderne dieses ebenfalls neue Medium einfach dazugehöre.
Auch die folgenden vier Argumentationsmuster wiederholten sich in diesen pädagogisch-technischen Debatten immer wieder: Das jeweils neue Medium soll
1. den Lehrenden von langweiliger Routinearbeit entlasten, ihm stattdessen mehr Möglichkeiten für persönliche Beziehungen zu seinen Schülern geben;
2. auf der Ebene des kognitiven Lernens zu weitaus größeren Lernerfolgen führen als alles bisher Bekannte;
3. zu erheblichen Kosteneinsparungen im Erziehungssystem führen;
4. - wieder einmal - besonders Raum übergreifend und als ideales Medium der Völkerverständigung zu einem Mehr an Toleranz und interkulturellem Lernen führen.
Gegenüber solch vollmundigen Versprechen sieht es in der Praxis sehr viel banaler aus. In der Form von Bibliotheken haben es die alten Medien wie Buch und Zeitschrift nicht geschafft, sich als Schulbibliothek in allen deutschen Schulen zu verankern; Filmbildstellen werden allerorten personell und finanziell ausgeblutet und spielen im Schulalltag kaum noch eine Rolle, und die Anfang der siebziger Jahre gepriesenen Sprachlabors und Computer-Unterstützten-Unterrichtsplätze (CUU) stehen heute als unbenutzte Technikruinen Raum verschwendend herum. Auch die zahlreichen internationalen Untersuchungen über Kosten, Ökonomie und Effizienz der neuen Medien aus den siebziger Jahren sind heute weitgehend noch immer unbekannt, obwohl sie so manche Euphorie der Gegenwart entlarven könnten.
"Die Mütter sind tiefinnerlich glücklich darüber, dass es ihnen mit Hilfe des Rundfunks gelingt, die heranwachsenden Kinder zu Hause von den verderblichen Einflüssen der Straße und der Vergnügungssucht fern zu halten."
Dies zumindest meinte 1924 Hans Bredow, zunächst Vorsitzender im Telegraphentechnischen Reichsamt und dann Verwaltungsratsvorsitzender der Reichsrundfunkgesellschaft (bezeichnenderweise oft "Vater" des deutschen Rundfunks genannt); er stand mit dieser Meinung keinesfalls alleine dar. Bereits ein Jahr nach seinem Beginn strahlte der Hamburger Rundfunk 1924 spezielle Schulfunksendungen aus. Und nur weitere zwei Jahre später wurde in Berlin der "Deutsche Schulfunkverein" gegründet; schon nach nur zehnmonatiger Existenz hatte dieser Verein 2 000 Mitglieder. In rascher Folge richteten alle deutschen Radiosender ein Schulfunkprogramm ein, besonders in folgenden Bereichen: Deutsch, Volkskunde, Musik, Englisch, Französisch und Wirtschaftskunde. 1931 - nur acht Jahre nach Beginn des Rundfunks in Deutschland - wurden im damaligen Deutschen Reich 2 000 verschiedene Schulfunksendungen angeboten, und mehr als die Hälfte aller deutschen Schulen besaßen ein Rundfunkgerät. Kurz: Das Radio war zu "dem" pädagogischen Supermedium geworden, und Fortschritte in Lehren und Lernen wurden in weiten Kreisen daran gemessen, wie aktiv ein Lehrer den Schulfunk in seinen Unterricht integrierte. |
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10. Februar 2012
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