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Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 10/2010)

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses


Aram Ziai
Inhalt

Einleitung

Konstrukt "Entwicklung" ist eurozentrisch

Konstrukt "Entwicklung" ist entpolitisierend

Konstrukt "Entwicklung" ist autoritär

Transformation des Entwicklungsdiskurses

Fazit

Einleitung
Es erscheint uns heute nahezu unsinnig, abzustreiten, dass es Entwicklung gibt, oder das Konzept als bedeutungslos zu verwerfen, gerade so wie es im 19. Jahrhundert schlichtweg unmöglich gewesen sein muss, das Konzept Zivilisation abzulehnen oder im zwölften Jahrhundert das Konzept Gott."[1] Der Entwicklungsdiskurs der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich anknüpfend an die Post-Development-Kritik in seiner hegemonialen Ausprägung als eurozentrisch, entpolitisierend und autoritär kritisieren. Seit der Krise der Entwicklungstheorie in den 1980er Jahren ist jedoch eine Transformation des Entwicklungsdiskurses feststellbar, die einige der Kritikpunkte aufgreift, sich jedoch auch von der Vision globaler sozialer Gleichheit verabschiedet hat.

Zur Person
Aram Ziai
PD Dr. phil., geb. 1972; Institut für Politikwissenschaft der Universität Hamburg, Allende-Platz 1, 20146 Hamburg.
E-Mail: aram.z@gmx.net

Als Beginn des Entwicklungsdiskurses wird oftmals die zweite Antrittsrede von US-Präsident Harry S. Truman im Jahr 1949 genannt, in der er versprach, den Menschen in den "unterentwickelten Gebieten" durch Kapitalinvestitionen und technischen Fortschritt zu einem besseren Leben zu verhelfen. Natürlich ist das Konzept der Entwicklung weit älter und lässt sich über den Colonial Development Act aus dem Jahr 1929 über Comte und die Saint-Simonisten bis hin zu Herder und Kant und sogar bis in die griechische Antike zurückverfolgen. Doch politisch wirkmächtig wurde das Konzept erst nach dem Zweiten Weltkrieg, im Kontext des Kalten Krieges und der Dekolonisierung - und den sich daraus ergebenden geopolitischen und außenwirtschaftlichen Interessen der USA und ihrer Verbündeten.[2]

Wenn an dieser Stelle von einem Diskurs der "Entwicklung" die Rede ist, so ist damit eine Struktur in der Art und Weise, über einen Gegenstand zu sprechen, gemeint. Diese Struktur ist mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verflochten. Sie verknüpft bestimmte Begriffe mit bestimmten Inhalten und Assoziationen und stellt bestimmte Aussagen und Argumentationsmuster zur Verfügung. Auf diese Weise konstruiert sie die soziale Wirklichkeit und, über entsprechende Wertvorstellungen und Bilder vom Eigenen und Fremden, auch unsere Identitäten. Die Regelhaftigkeit des Diskurses wird jedoch nicht nur auf der inhaltlichen Ebene sichtbar, sondern auf einer abstrakteren Ebene auch darin, wie bestimmte Gegenstände und Begriffe gebildet werden.[3]

Inhaltlich bezieht sich der hier thematisierte Diskurs auf Prozesse sozialen Wandels und Interventionen zu seinen Gunsten in nichtindustrialisierten Gesellschaften. Sicherlich ist der Entwicklungsdiskurs ein durchaus heterogenes Phänomen, doch die tiefgreifenden (und durchaus relevanten) theoretischen und politischen Differenzen (so zwischen Modernisierungs- und Dependenztheorien) sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hinsichtlich der Problemdefinition und der Ziele und auch hinsichtlich anderer Annahmen einen weitgehenden (wenn auch nicht vollständigen) Konsens in der entwicklungstheoretischen und -politischen Debatte gab.[4]

Dies gilt jedoch allenfalls bis zur Krise der Entwicklungstheorie in den 1980er Jahren. Seither ist eine Reihe von neuen Konzepten aufgetaucht, die einige der gemeinsamen Annahmen in Frage stellen und es erlauben, von einer Transformation des Entwicklungsdiskurses zu sprechen. Im Rahmen dieser Krise bildete sich unter dem Namen "Post-Development" auch ein neuer Ansatz heraus, der den Entwicklungsdiskurs fundamental in Frage stellt, also nicht zu einer verbesserten Entwicklungstheorie und -praxis beitragen will, sondern ihre Abschaffung fordert.[5] Die Radikalität und zum Teil überspitzte und pauschale Artikulation dieser Kritik haben vehementen Widerspruch hervorgerufen, dennoch sind einige ihrer zentralen Thesen durchaus plausibel.
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10. Februar 2012
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