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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001)

Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik


Günter Feuerstein / Regine Kollek
Inhalt

I. Einleitung

II. Das Versprechen: Reduktion von Ungewissheiten und Kontrolle der Zukunft

III. Neue wissenschaftliche Unsicherheiten

IV. Der Preis: Neue soziale Unsicherheiten und Risiken

V. Verblendung gesellschaftlicher Risiken

VI. Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik

I. Einleitung
Genetische Diagnostik, so vielfältig und ausdifferenziert sie in einzelnen Anwendungsgebieten (pränatale und prädiktive Medizin, Pharmakogenetik, Ökogenetik) bereits in Forschung und Praxis etabliert wurde, kann insgesamt als ein Projekt der Moderne charakterisiert werden. Sie erzeugt neue Gewissheiten auf einem von Unsicherheiten geprägten Terrain, sie verspricht Transparenz auf einem Feld, das nicht nur der sinnlichen, sondern auch der medizinisch-apparativen Wahrnehmung entzogen war, und sie holt zukünftig zu Erwartendes in die Kontrollsphäre und den Entscheidungshorizont der Gegenwart. Der erwartete Nutzen der Gendiagnostik liegt zunächst in der erhöhten Qualifizierbarkeit natürlicher Gegebenheiten und in der Kalkulierbarkeit von Risiken. Die gentechnische Erweiterung naturwissenschaftlicher Gewissheiten über den menschlichen Körper und die fortschreitende ökonomische Durchdringung des Lebens zeigen dabei eine "strukturelle Affinität", eine wechselseitige Anziehungskraft: Der gemeinsame Fluchtpunkt beider Zugriffsformen liegt in der Rationalisierung einst unzugänglicher Sphären menschlicher Existenz, in der ausgedehnten Kolonialisierung des Lebens und der Lebenswelt. [1]

  • PDF-Version: 58 KB


  • Zur Person
    Günter Feuerstein
    Dr. phil., Soziologe, geb. 1951; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsschwerpunkt "Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt" der Universität Hamburg; Privatdozent an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld.

    Anschrift: Universität Hamburg, BIOGUM, FG Medizin/Neurobiologie, Falkenried 94, 20251 Hamburg.
    E-Mail:feuerstein@uni-hamburg.de

    Veröffentlichungen u. a.: Das Transplantationssystem. Dynamik, Konflikte und ethisch-moralische Grenzgänge, Weinheim 1995; (Hrsg. zus. mit Ellen Kuhlmann) Rationierung im Gesundheitswesen, Wiesbaden 1998.

    Eine bisher wenig diskutierte Frage ist, wie tragfähig diese positiv wie negativ besetzten Visionen überhaupt sind. Trägt die genetische Diagnostik tatsächlich dazu bei, Ungewissheiten in Gewissheiten zu transformieren, den rationalen Umgang mit Risiken zu erhöhen oder Risiken gar zu reduzieren, im Vorgriff auf die Zukunft schon in der Gegenwart entscheidbare Situationen herzustellen und damit die Berechenbarkeit der individuellen Lebenschancen zu erhöhen? Oder sind die Leistungsdimensionen der Gendiagnostik vielleicht nur ein Vexierspiel konstruierter Gewissheiten, vorgespiegelter Rationalitäten, beherrschbarer Risiken? Mit anderen Worten: Verdankt sich die erhöhte Kontrollkompetenz genetischen Wissens vielleicht einfach nur dem biologisch verengten Blick auf einen in seiner Komplexität verfehlten Gegenstand? Produzieren die neu geschaffenen Gewissheiten nicht neue, andere Ungewissheiten? Ist die erhöhte Kontrolle über Biologisches eventuell mit sozialen Kontrollverlusten erkauft? Verdeckt die Vorstellung von der Transparenz und Beherrschbarkeit genetischer Risiken vielleicht nur den Blick auf die Verschärfung oder Neuentstehung anderer Risiken? Insofern könnte man durchaus fragen, ob die Gendiagnostik in Summe zur Erhöhung der "Selbsttechnologie" des Menschen führt, oder ob sie lediglich die Dinge neu arrangiert, das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem verändert, und damit die sozialen Wahrnehmungsmuster und Relevanzstrukturen umbaut.

    Zur Person
    Regine Kollek
    Dr. rer. nat., Biologin, geb. 1950; Professorin und Leiterin der Forschungsgruppe "Technologiefolgenabschätzung der modernen Biotechnologie in der Medizin/Neurobiologie" des Forschungsschwerpunktes "Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt" der Universität Hamburg.

    Anschrift: Universität Hamburg, BIOGUM, FG Medizin/Neurobiologie, Falkenried 94, 20251 Hamburg.
    E-Mail:kollek@uni-hamburg.de

    Veröffentlichung u. a.: Präimplantationsdiagnostik. Embryonenselektion, weibliche Autonomie und Recht, Tübingen 2000.
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    18. März 2010
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    Gentechnik - Biopolitik
    Editorial
    Forschung an humanen Stammzellen: ethische und juristische Grenzen
    Die Stammzellforschung - Sachstand und ethische Problemstellungen
    Zur Problematik der Präimplantations-
    diagnostik
    Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik
    Neue Formen gespaltener Elternschaft
    Fortpflanzungsmedizin im europäischen Rechtsvergleich
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    Die Neuerungen auf den Gebieten der Bio- oder Nanotechnologie haben die Frage nach möglichen Grenzen wissenschaftlichen Handelns aufgeworfen. Aber was nützt ein Verbot in Deutschland, wenn gen- und biotechnische Forschungen überall sonst erlaubt sind?
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