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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001)

Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik


Günter Feuerstein / Regine Kollek
Inhalt

I. Einleitung

II. Das Versprechen: Reduktion von Ungewissheiten und Kontrolle der Zukunft

III. Neue wissenschaftliche Unsicherheiten

IV. Der Preis: Neue soziale Unsicherheiten und Risiken

V. Verblendung gesellschaftlicher Risiken

VI. Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik

III. Neue wissenschaftliche Unsicherheiten
Die bei der molekularen Analyse klassischer, dem mendelschen Vererbungsschema folgenden Erbkrankheiten erzielten Erfolge werden jedoch durch die wachsende Tiefenschärfe der molekularen Analyse zunehmend relativiert. Zum einen zeigt sich, dass eine in einem Gen festgestellte Veränderung nur selten genau voraus sagt, wann und mit welcher Schwere die Krankheit eintritt. Manche Merkmalsträger entwickeln sie auch gar nicht [5] . Zum anderen ist der Anteil der Krankheiten, die durch Störungen in einem einzigen Gen bedingt sind, begrenzt. Obwohl es bis zu fünftausend solcher Krankheiten gibt, sind sie zumeist sehr selten und machen nur zwei bis drei Prozent der gesamten Krankheitslast aus. Die meisten verbreiteten Krankheiten entstehen durch das komplexe Wechselspiel zwischen verschiedenen Genen, körperlichen Zuständen und Umweltfaktoren. Von daher konzentriert man sich heute auf die Entwicklung von Tests zur Erfassung von Genvarianten, denen ein negativer Einfluss bei der Entwicklung häufig vorkommender Krankheiten bzw. Zivilisationskrankheiten zugeschrieben wird.

Bei einigen familiär häufig auftretenden Formen dieser Krankheiten sind bereits Genvarianten gefunden worden, die mehrfach im Zusammenhang mit solchen Krankheiten auftreten oder ursächlich zu ihrer Entwicklung beitragen. Die entsprechenden Gentests zeigen dann eine Erhöhung des Erkrankungsrisikos des Merkmalsträgers gegenüber dem des Bevölkerungsdurchschnitts an, geben aber keine Auskunft darüber, ob er tatsächlich von dem Leiden betroffen sein wird. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die "Brustkrebsgene" BRCA1 und BRCA2. Einige Studien zeigen, dass Veränderungen in diesen Genen die Wahrscheinlichkeit von Brustkrebs bei Frauen von einem etwa zehnprozentigen Durchschnittsrisiko je nach Familie auf etwa 50 bis 80 Prozent steigen lässt. Allerdings ist der tatsächliche Vorhersagewert eines positiven Testresultats äußerst strittig, weshalb sich der anfängliche Enthusiasmus über die Entdeckung dieser Gene inzwischen bei vielen Wissenschaftlern in große Zurückhaltung verwandelt hat [6] .

Entscheidend ist bei diesen prädiktiven Gentests, dass sie lediglich Erkrankungswahrscheinlichkeiten angeben. Obwohl sie den Anspruch erheben, die Unsicherheit eines statistischen Gruppenrisikos durch die Identifikation eines individuellen, risikorelevanten genetischen Merkmals zu reduzieren, bleibt das individualisierte Risiko unsicher: Es besteht immer die Möglichkeit, dass eine belastende medizinische Intervention unnötig ist, weil eine beachtliche Chance besteht, dass die Krankheit nicht ausbricht oder weniger gravierend verläuft als befürchtet. Eindeutige Handlungsanweisungen oder Verhaltensmaximen lassen sich aus einer solchen Situation zumeist nicht ableiten. Zwar stehen in einigen Fällen medizinische Interventionen zur Verfügung, die bei Gesunden mit positiven Testresultaten das spätere Auftreten der betreffenden Krankheit verhindern oder verzögern. Aber trotz mancher viel versprechender Ansätze hat bislang keine der Präventionsstrategien, die auf der Grundlage einer Krankheitsbezogenen Genvariante entwickelt wurde, ihre Sicherheit und Effektivität wissenschaftlich unter Beweis gestellt [7] . Obwohl beispielsweise intensive Früherkennungsuntersuchungen und prophylaktische chirurgische Eingriffe die Lebenserwartung bei verschiedenen genetischen Veranlagungen für Tumorerkrankungen verbessern können, ist mangels systematischer Untersuchungen nach wie vor unklar, wie ausgeprägt diese Verbesserungen tatsächlich sind, und welchen Einfluss die vielfach belastenden Eingriffe wie beispielsweise eine Entfernung der Brustdrüsen bei einer Veranlagung für Brustkrebs auf die Lebensqualität haben. Ob sich hier wirklich die erhofften Erfolge werden erzielen lassen, wird sich nach unvermeidbar langen Studien möglicherweise erst nach Jahrzehnten erweisen. Selbst dann ist eine wissenschaftlich fundierte Sicherheit mangels adäquater Vergleichsgruppen nicht immer zu erreichen.

Die einfache Gleichung: Wissen gleich Nutzen geht also bei den meisten Gentests nicht auf. Wissen schafft nicht nur Sicherheit, sondern bringt auch neue wissenschaftlich-medizinische Unsicherheiten hervor. Eine bisher als schicksalhaft wahrgenommene und individuell kaum beeinflussbare Ungewissheit wird so durch genetische Tests zum kalkulierbaren Risiko, das Entscheidungen erfordert, ohne dass diese Sicherheit bringen könnten.
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10. Februar 2012
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Gentechnik - Biopolitik
Editorial
Forschung an humanen Stammzellen: ethische und juristische Grenzen
Die Stammzellforschung - Sachstand und ethische Problemstellungen
Zur Problematik der Präimplantations-
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Vom genetischen Wissen zum sozialen Risiko: Gendiagnostik als Instrument der Biopolitik
Neue Formen gespaltener Elternschaft
Fortpflanzungsmedizin im europäischen Rechtsvergleich
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