Editorial
27.8.2009
Am 3. Oktober 1990 trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland bei. Seitdem ist die Bundesrepublik ein in Freiheit geeinter, souveräner Staat mit international anerkannten, völkerrechtlich verbindlichen Grenzen. Vorausgegangen waren vier Jahrzehnte deutscher Zweistaatlichkeit mit jeweils eigenständigen Entwicklungswegen. Trotz vielfältiger Kontakte, die zum Teil nur unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten werden konnten, hatten sich die westorientierte Bundesrepublik und die sozialistische DDR als Frontstaaten im Ost-West-Konflikt spätestens in den achtziger Jahren weitestgehend mit der Teilung arrangiert und agierten als zuverlässige Partner innerhalb der konkurrierenden Bündnisse.
Bereits Ende der achtziger Jahre war es in der Tschechoslowakei, in Polen und Ungarn zu verstärktem Aufbegehren gegen den ihnen aufoktroyierten, zunehmend erstarrenden Kommunismus sowjetischer Prägung gekommen. Mit den Reformansätzen des sowjetischen KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow kam Bewegung in die Entwicklung. Auch Deutschland bot sich die Chance eines Neuansatzes und schließlich sogar der Wiedervereinigung. Diese Chance ergriffen zu haben, ist das Verdienst der damals verantwortlichen Protagonisten.
Die USA als Führungsmacht des westlichen Lagers unterstützten die deutsche Einigung. Bei den anfänglich skeptischen europäischen Nachbarn wie auch bei der Sowjetführung überwog nach längerem Zögern letztendlich das Vertrauen, dass ein vereintes Deutschland dem Frieden in Europa und in der Welt dienen würde.
Eine Tatsache jedoch war von ausschlaggebender Bedeutung: Ohne den Mut der Menschen in der DDR, die mit ihrer friedlichen Revolution im Herbst 1989 das marode SED-Regime zu Fall brachten, wäre die Einheit nicht zustande gekommen.
Die damaligen Forderungen nach Wahrung der Menschenrechte, Reisefreiheit, Demokratie und Sicherheit vor staatlicher Repression sind seitdem erfüllt worden. Dennoch hinterließen die schmerzhaften Transformationsprozesse der Folgezeit tiefe Spuren. 20 Jahre nach dem Mauerfall leiden weite Teile Ostdeutschlands unter anhaltender wirtschaftlicher Schwäche - einem Erbe der DDR-Zeit -, unter hoher Arbeitslosigkeit, Überalterung und Abwanderung. Die Ergebnisse des "Aufbau Ost", der die dortigen Lebensumstände an die des Westens angleichen sollte, bleiben trotz aller sichtbaren Wirkungen hinter den Erwartungen zurück. Ein sich selbst tragender Aufschwung ist nicht in Sicht. Seit Ende des Ost-West-Konflikts muss Deutschland sich verstärkt den Herausforderungen der Globalisierung stellen und übernimmt Verantwortlichkeiten in einer unsicherer gewordenen Welt, in der alte Gewissheiten geschwunden sind. Die Auswirkungen dieser Veränderungen sind fundamental und betreffen längst Ost und West gemeinsam. Beide, Ost- und Westdeutsche, müssen sich von der lieb gewordenen Vorstellung des Staates als Rundum-Sicherungsinstanz verabschieden und erkennen, dass Einheit nicht notwendig Gleichartigkeit bedeuten muss. So gesehen verlaufen die Konfliktlinien in Deutschland trotz periodisch aufflackernder Ost-West-Debatten heute nicht mehr primär entlang geographisch-politischer Grenzen. Sie zeigen sich eher in individuellen Voraussetzungen und Einstellungen gegenüber den aktuellen Herausforderungen.
Hier lohnt zur Selbstvergewisserung der Blick zurück in die jüngste Vergangenheit. Anlässlich des 15. Jahrestages der entscheidenden Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 2004 wertete Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Ereignisse vom Herbst 1989 bis zum Oktober 1990 als Beleg für die Fähigkeit, in gemeinsamer Anstrengung "bedrückende Zustände friedlich überwinden zu können". In diesem Sinne können sie ermutigende Zeichen für die Zukunft setzen.
Christine Hesse


