bpb-Publikationen

10.12.2002

Zusammenfassung und Fazit

Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung untersucht das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1.

Die Analyse der wichtigsten Hauptnachrichten des deutschen Fernsehens führt zu einem Nahostbild, das von den tagesaktuellen Ereignissen und den Formatregeln der Fernsehnachrichten geprägt wird. Filtert man alle Nahostbeiträge der Jahre 1999 bis März 2002 aus den heterogenen Nachrichtensendungen heraus und betrachtet sie in chronologischer Abfolge, entsteht im Zeitraffer ein überaus ereignisreiches prozessuales Bild der langfristigen Entwicklung. Im Rahmen der Auslandsberichterstattung kommt der Nahostberichterstattung durch Daueraktualität ein relativ hoher Stellenwert zu. Allein diese Region der Welt macht knapp 3 Prozent des gesamten Nachrichtenangebots aus.

Die quantitativen und strukturellen Befunde aus der kontinuierlichen Analyse sowie die inhaltlichen Befunde aus den Zeitphasen mit höchster Berichterstattung lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

  • Die Nachrichtenselektion wird am stärksten von den Faktoren internationale politische Prominenz und Gewalt bestimmt, wobei der Faktor Gewalt zunehmende Bedeutung erlangt und im knappen Zeitbudget andere Themen verdrängt.
  • Bei der Präsentation der Nahostberichterstattung liegt der Schwerpunkt auf den Filmbeiträgen. Je mehr Relevanz den Ereignissen zugesprochen wird, desto stärker werden auch kommentierende Schaltgespräche mit Korrespondenten aus der Ereignisregion und anderen mitbetroffenen Regionen gesendet.
  • In der gesamten Nahostberichterstattung lassen sich nur selten explizite journalistische Bewertungen feststellen, aus denen eine parteiliche Positionierung zugunsten einer Konfliktpartei begründet werden könnte. Die Journalisten bleiben selbst überwiegend neutral und neutralisieren zitierte Wertungen der Konfliktgegner, indem sie meist beide Konfliktseiten kontrovers präsentieren.
  • Das Drama des Nahostkonflikts spielt sich am eindringlichsten in den Bildern der gewaltsamen Auseinandersetzungen ab. Diese Bilder entstehen zu einem großen Teil als Kaufprodukte kommerzieller Agenturen und als Eigenprodukte der Korrespondenten in Zusammenarbeit mit freien Kamerateams. Da es sich um häufig wiederkehrende Situationen an gleichen Ereignisorten handelt, lassen sich diese Bilder auf wenige Stereotypen reduzieren. Ihnen kommt umso mehr Bedeutsamkeit zu, je stärker ihre emotionale Aufladung ist und je mehr sie damit als wertgeladen die Rollenverteilung in der Konfliktstruktur prägen.
  • Unterschiede zwischen den Sendern lassen sich am ehesten darin erkennen, dass ARD und ZDF nicht nur wesentlich umfangreicher, sondern auch politisch differenzierter und mit mehr Hintergrund berichten als RTL und SAT.1. Auch erscheint die Präsentation in den öffentlich-rechtlichen Nachrichten zurückhaltender und weniger dramatisch.
Im Ganzen gesehen leisten die Nachrichten das, was man von diesem Format erwarten kann und auch in ähnlichem Stil aus anderen Ereignisregionen angeboten bekommt. Eine Besonderheit liegt sicher darin, dass die Daueraktualität des Nahostkonflikts im Unterschied zu anderen Regionen eine starke Personalisierung begünstigt, von der Arafat mehr profitieren dürfte als die wechselnden Spitzenpolitiker Israels. Mit der Fixierung der Nachrichten auf Tagesaktualität entsteht allerdings ein formatbedingtes Defizit an Analyse tiefer greifender Zusammenhänge. Diese Informationsangebote findet der Zuschauer jedoch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in anderen Formaten. Insgesamt entsteht somit ein durchaus vielschichtiges Nahostbild aus verschiedenen redaktionellen Sendungsformen in komplementärer Funktion.

Wie für alle anderen Gewaltkonflikte gelten auch für den Nahostkonflikt bestimmte Darstellungsregeln für Täter und Opfer. Ihre Implikationen lassen sich am Unterschied zwischen Fiction und Faction verdeutlichen. Im Fiction-Format können sowohl Täter in Ausübung der Gewalt als auch Opfer im Erleiden von Gewalt sichtbar in Szene gesetzt werden, da sich die Frage der Gewaltlegitimation nicht stellt. Im Faction-Format bleiben Täter von Terroranschlägen unsichtbar, sie handeln überraschend und ohne Legitimation, andernfalls müsste ihre Tat verhindert werden. Dagegen wird das israelische Militär als Täter mit Gewaltlegitimation im Faction-Format ausgiebig sichtbar präsentiert. In beiden Formaten werden aber auch die Opfer sichtbar. Für den distanzierten Betrachter rückt das israelische Militär als sichtbarer Täter umso stärker in den Mittelpunkt der Berichterstattung, je stärker und länger es mit seinen Vergeltungsschlägen dargestellt wird. Und dabei wird auch die Balance der Opfer auf palästinensischer und israelischer Seite asymmetrisch.

In Abwägung der Einzelbefunde, insbesondere aber der Bedeutung sichtbarer Gewalt- und Machtausübung, kann man zu dem Schluss kommen, dass ein wesentlicher Medieneffekt des Terrors darin liegt, Israel als Militärmacht in eine sichtbare Aggressorrolle zu bringen.

Diese Sachlage wirft die Frage nach der Instrumentalisierung der Fernsehnachrichten und den Möglichkeiten ihrer Vermeidung auf. Um jedwede Instrumentalisierung zu vermeiden, käme zwar hypothetisch der völlige Verzicht auf Terrorberichterstattung ebenso wie auf Berichterstattung über Militärschläge in Betracht. Doch dies dürfte unter den Bedingungen des globalen Medienwettbewerbs unrealistisch sein und auch nicht den Grundsätzen einer demokratischen Gesellschaft entsprechen, die ein Recht auf umfassende Information hat. Wenn die Medien den Ereignissen folgen und auf bestimmte Ereignisse vorhersehbar reagieren, liegt der Schlüssel zur Beeinflussung der Medien in erster Linie in Veränderungen der Ereignisse seitens der politischen Akteure.


Shop durchsuchen

Dossier

Deutsche Demokratie

In der deutschen Demokratie ist die Macht auf mehr als 80 Millionen Menschen verteilt: Alle Bürger sind für den Staat verantwortlich. Aber wie funktioniert das genau? Wer wählt den Kanzler, wer beschließt die Gesetze? Und wie wird man Verfassungsrichter?

Mehr lesen