Zu diesem Heft
30.4.2003
Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg war das erste deutliche, im In- und Ausland unüberhörbare Zeichen eines deutschen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Es rief damals in Deutschland Erschütterung, vielfach Abscheu, aber auch Bewunderung hervor.
Die schon bald gestellte Frage, warum ein solcher Attentatsversuch erst so spät unternommen wurde, läßt sich nur beantworten, wenn man die Möglichkeiten und Grenzen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus untersucht. Aus der späten Tat läßt sich nicht das Fehlen von Widerstand schließen. Deutsche haben sich durchaus gewehrt, aber es waren in erster Linie Individuen und relativ kleine Gruppen, die sich primär auf der Basis persönlicher und verwandtschaftlicher Beziehungen bildeten. Ihre oppositionellen Tätigkeiten reichten vom Kritzeln regimefeindlicher Parolen an Mauern und Wände über das Verteilen von Flugblättern und das Kleben von Plakaten oder Sabotageakten bis hin zu Anschlägen und zum Attentat.
Dieses Heft versucht, die Vielfalt der Gruppierungen und Aktionen darzustellen. Dabei ist es nicht möglich, alle Gruppen und Kreise zu nennen und zu würdigen. Erst recht nicht die etwa 7000 namentlich bekannten Personen, die ihre widerständige oder oppositionelle Haltung deutlich gemacht haben. Trotz der Vielfalt der aufgezeigten Gruppen und mutigen Einzeltäter soll und kann hier nicht der Eindruck erweckt werden, es habe sich um eine breitere Bewegung gehandelt. Der deutsche Widerstand zwischen 1933 und 1945 war weitgehend ein "Widerstand ohne Volk".
Zudem bildeten sich die einzelnen Oppositions- und Widerstandsgruppierungen zu unterschiedlichen Zeiten heraus oder wurden zu unterschiedlichen Zeiten aktiv. Daher wurde in diesem Heft eine chronologische Darstellung gewählt. Auch innerhalb der einzelnen Kapitel wurde die chronologische Abfolge in den Vordergrund gestellt, um den Weg einzelner Kreise und Gruppen von der Selbstbehauptung über die Oppositionshaltung bis zum aktiven Widerstand nachzuzeichnen. Diese Gruppierungen sind beispielhaft herausgegriffen worden, ebenso wie einzelne Persönlichkeiten, weil sie für bestimmte Entwicklungen, Wege und weltanschauliche Richtungen stehen. Schule und Geschichtsschreibung beider deutscher Staaten haben in der Vergangenheit, insbesondere in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, bestimmte Gruppierungen und weltanschauliche Richtungen bevorzugt behandelt. Hier wird der Versuch unternommen, einen Gesamtüberblick zu geben.
Jürgen Faulenbach
weitere Inhalte:
- Der militärische Widerstand
- Jugend- und Studentenopposition
- Kirchen - Selbstbehauptung und Opposition
- Literaturhinweise
- Opposition und Widerstand der Arbeiterbewegung
- Selbstbehauptung und Gegenwehr von Verfolgten
- Verweigerung im Alltag und Widerstand im Krieg
- Vorbild und Beispiel politischer Moral
- Widersetzlichkeit und Widerstand von einzelnen: Drei Beispiele
- Widerstand traditioneller Eliten

