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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2000)

Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit


Gerhard Besier
Inhalt

I. Die protestantische Ökumene 1945 bis 1949

II. Kirchliche Neuordnung in Deutschland

III. "Selbstreinigung" und "Entnazifizierung"

IV. Wahrnehmung des Öffentlichkeitsauftrages: Der deutsche Protestantismus und die Gründung der Bundesrepublik Deutschland

V. Gespaltener Protestantismus in einer geteilten Welt

I. Die protestantische Ökumene 1945 bis 1949
Als der württembergische Bischof und designierte Vorsitzende der im Entstehen begriffenen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Theophil Wurm, bei seinen Verhandlungen mit den Westalliierten am 22. Juni 1945 in Frankfurt am Main als oberstes Ziel kirchlicher Bemühungen die "Rechristianisierung des deutschen Volkes" [1] nannte, stieß er bei den Angloamerikanern auf begeisterte Zustimmung [2] .

Zur Person
Gerhard Besier
Dr. theol., Dr. phil., Dipl.-Psych., geb. 1947; seit 1992 Lehrstuhl für Historische Theologie und Konfessionskunde an der Universität Heidelberg; Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Instituts für Zeitgeschichte, München.

Anschrift: Wissenschaftlich-Theologisches Seminar der Universität Heidelberg, Kisselgasse 1, 69117 Heidelberg.

Veröffentlichungen u. a.: Der SED-Staat und die Kirche, 3 Bde., München - Berlin 1993-1995; Kirche, Politik und Gesellschaft im 20. Jahrhundert, München 2000.

Mit deren Unterstützung entwickelten sich die deutschen Kirchen zur ersten gesellschaftlichen Kraft in Westdeutschland. Gleichwohl waren sie weit davon entfernt, dem umfassenden Umerziehungskonzept der Angloamerikaner zuzustimmen. Dieses zielte ursprünglich darauf ab, "to stamp out the whole tradition on which German nation has been built up" und "to look to Great Britain and to the English speaking world as their exemplar" [3] . Ganz davon abgesehen, dass die leitenden Kirchenmänner und Theologen selbst in dieser Tradition standen - was den Westallierten sehr wohl bewusst war -, setzte das Umerziehungs-Programm auf Seiten der Unterlegenen die Einsicht in die generelle Untauglichkeit der deutschen Denk- und Lebensweisen wie umgekehrt die sittlich-moralische Überlegenheit der angloamerikanischen voraus. Dazu aber fehlte es den meist grobschlächtigen historischen Argumentationslinien zum Nachteil der Deutschen wie auch den aktuellen Verhaltensweisen der Alliierten an letzter Überzeugungskraft [4] .

In der amerikanischen und britischen Besatzungszone orientierte man sich zunächst an den 1944 formulierten amerikanischen Direktiven der Joint Chiefs of Staff (JCS) und weiteren, im Handbuch des Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces (SHAEF) festgehaltenen Richtlinien [5] . Auch im Allied Religious Affairs Committee (ARAC), dem Gremium, in dem die Siegermächte seit August 1945 ihre Religions- und Kirchenpolitik koordinierten, spielten die Vorüberlegungen verschiedener angloamerikanischer Planungskommissionen eine entscheidende Rolle. So war es kein Problem, mit der Direktive JCS 1143 den Grundsatz der Nichteinmischung in kirchliche und religiöse Angelegenheiten der Besiegten zu verankern.

Der im Aufbau begriffene Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) mit Sitz in Genf sandte Ende Juli 1945 den lutherischen Pastor Stewart W. Herman, einen Amerikaner, nach Deutschland, um erste Erkundungen über die Lage der protestantischen Kirchen einzuholen. Obwohl er nicht der Einzige war, der 1945/46 über die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland berichtete, bestimmten Hermans Reports mehr als alle anderen Informationen das Bild des ÖRK, aber auch das der amerikanischen Besatzungsbehörden vom Zustand der Kirchen in Deutschland. Neben den Erkundungsreisen deutscher, amerikanischer, britischer und skandinavischer Delegierter durch das zerstörte Land suchten die Kirchenräte der westlichen Siegerstaaten im Gegenzug auch führende Geistliche aus Deutschland möglichst rasch zu teilweise mehrmonatigen Auslandsaufenthalten in ihre Länder einzuladen [6] . Die Gründe für die seit Herbst 1946 anlaufenden Besuchsprogramme deutscher Kirchenmänner in den USA lagen einmal in dem Bemühen, mentalen Einfluss auf diese zu nehmen und ihnen die westliche Lebensart näher zu bringen. Zum anderen suchten die Angloamerikaner durch eine Präsentation "guter Deutscher" die massiven Vorbehalte amerikanischer Christen und Juden gegen kirchliche Hilfsprogramme für Deutschland abzubauen. Nicht zuletzt auch wegen ihrer guten englischen Sprachkenntnisse bewertete man die USA-Reisen von Martin Niemöller und Hanns Lilje als vollen Erfolg.

Die Kirchen der Ökumene befanden sich in den ersten Nachkriegsjahren in einer schwierigen Lage. Ihr Handlungsspielraum gegenüber der Schwesterkirche in Deutschland war im Wesentlichen durch die Toleranzgrenzen der Kirchenmitglieder und der Regierungen in den jeweiligen Ländern bestimmt. Um den Mitchristen in Deutschland wirkungsvoll helfen zu können, mussten der ÖRK und die angloamerikanischen Kirchen daher eine Atmosphäre schaffen, die es ihnen erlaubte, in weitgehender Übereinstimmung mit den "Graswurzel"-Christen in den USA und Großbritannien zu handeln.

Bei diesen Anstrengungen ging es freilich nicht allein um Deutschland, sondern darüber hinaus auch um die Verwirklichung eines kühnen Projektes - um die Herstellung einer neuen Weltordnung [7] auf der Grundlage einer "Christian Global Strategy". Diese sollte - gewissermaßen als ideelle Basis für die exekutive Arbeit der ebenfalls im Entstehen begriffenen Vereinten Nationen [8] - einen gerechten und dauerhaften Frieden in der Welt etablieren [9] . In diesem Gesamtplan bildeten Deutschland und seine Kirchen nur ein Teilprojekt, wenn auch gewiss kein unwichtiges [10] .

Zur Verständigung der deutschen Kirche mit der von den westlichen Kirchen getragenen Ökumene schienen zunächst personalpolitische Konsequenzen nötig. In Genf, London und Washington bestand bald Einvernehmen darüber, dass der hannoversche Landesbischof August Marahrens und der Leiter des kirchlichen Außenamtes der offiziellen Deutschen Evangelischen Kirche (DEK), Theodor Heckel, durch Akte der Kooperation mit dem NS-Regime so belastet seien, dass sie aus ihren Ämtern ausscheiden müssten. Der Leiter des französischen Militärseelsorgeamtes, Marcel Sturm, unterstützte die Initiative der französischen Militärverwaltung, den neuen Bischof der pfälzischen Landeskirche, Hans-Otto Stichter, zum Rücktritt durch Versetzung in den Ruhestand zu bewegen. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits eine ganze Reihe von Äußerungen Einzelner zur Schuldproblematik vor, und die Diskussion darüber, ob die Kirche als solche eine Schulderklärung formulieren solle, war im Gang [11] . Eine deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung, auch in den Kirchen, dachte freilich anders. Vor dem Hintergrund der Kriegsschulddiskussion nach dem Ersten Weltkrieg [12] , der Flüchtlingsströme, der drohenden Okkupation durch die Sowjets, der alliierten Bombardements bis in die letzten Kriegsmonate und der ersten Entnazifizierungsdirektiven fürchteten weite Kreise, man liefere mit einem öffentlichen Schuldbekenntnis den Besatzungsmächten nur weitere Argumente für harte Vergeltungsmaßnahmen. Verweigerten die Kirchen andererseits ein solches Wort, mussten sie mit unangenehmen Konsequenzen rechnen.

Nachdem der deutsche Episkopat im Hirtenwort vom 23. August 1945 zur Schuldfrage Stellung genommen hatte [13] , blieb für die Protestanten eigentlich nur noch offen, wie sie sich äußern sollten. Was dann Mitte Oktober 1945 in Stuttgart auf der ersten Zusammenkunft des vorläufigen Rates der EKD in Anwesenheit ökumenischer Vertreter gesagt wurde ("Stuttgarter Schuldbekenntnis"), war den einen zu viel, den anderen zu wenig. Insofern sorgte die vor allem von Martin Niemöller und Otto Dibelius verantwortete Erklärung zwar für einen Neuanfang mit der Ökumene, bildete aber gleichzeitig neuen Konfliktstoff innerhalb der zerrissenen Evangelischen Kirche in Deutschland. Eine der gravierendsten Schwächen der Erklärung bestand darin, dass sie zum Verhältnis von Christen und Juden nach der Shoah schwieg. Erst 1950 verabschiedete die EKD ein Wort zur "Judenfrage".

Die Wiederaufnahme der ökumenischen Beziehungen brachte den deutschen Protestantismus in den Genuss ökumenischer Aufbauhilfe, aber auch in ein konzeptionelles Abhängigkeitsverhältnis zum ÖRK [14] . Aufgrund dieser Konstellation war die Großkirche gehalten, wenigstens im Bereich zwischenkirchlicher Hilfe eine Ökumene mit den in Deutschland bis dahin marginalisierten Freikirchen zu entwickeln. Die neue innerprotestantische Ökumene blieb freilich spannungsvoll und ließ die Chancen der Verständigung ungenutzt [15] . Zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen Landes- und Freikirchen wurde auf Anregung des ÖRK 1947 in Frankfurt am Main die Ökumenische Centrale, 1948 die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) gegründet. Zwei Jahre nach der Stuttgarter Schulderklärung griff der Bruderrat der EKD am 7./8. August 1947 in Darmstadt die Schuldfrage noch einmal auf. Der nur vom kleineren Teil des Gremiums verantwortete Text des so genannten "Darmstädter Wortes" nannte als Wurzeln für den Nationalsozialismus auch das Verhalten des Protestantismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als Gründe für den deutschen Irrweg wurden der Nationalismus, das Bündnis von Thron und Altar, das Versagen in der Sozialen Frage und die Missachtung der Analysen des "ökonomischen Materialismus" genannt [16] . Auch der schärfer werdende Ost-West-Konflikt war im Blick. Vor allem die während der Sitzung nicht anwesenden östlichen Bruderratsmitglieder kritisierten angesichts der Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone die zu unkritische Haltung des "Darmstädter Wortes" gegenüber dem Marxismus. Ein weiteres Problem - exemplarisch für viele andere kirchenleitende "Worte" - lag in der fehlenden Vermittlung der knappen, gedanklich vielfach schwierigen Thesen an die Gemeinden.
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20. März 2010
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