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Aus Politik und Zeitgeschichte (B 50/2000)

Die politische Rolle des Protestantismus in der Nachkriegszeit


Gerhard Besier
Inhalt

I. Die protestantische Ökumene 1945 bis 1949

II. Kirchliche Neuordnung in Deutschland

III. "Selbstreinigung" und "Entnazifizierung"

IV. Wahrnehmung des Öffentlichkeitsauftrages: Der deutsche Protestantismus und die Gründung der Bundesrepublik Deutschland

V. Gespaltener Protestantismus in einer geteilten Welt

V. Gespaltener Protestantismus in einer geteilten Welt
Während freilich die katholische Kirche in den fünfziger Jahren nahezu geschlossen für ihre Interessen eintrat und in der Adenauer-Ära politisch zunehmend an Boden gewann, vermittelte der Protestantismus ein eher gespaltenes Bild [60] . Einerseits gestalteten evangelische Persönlichkeiten wie Eberhard Müller, Reinold von Thadden-Trieglaff, Hermann Ehlers, Eugen Gerstenmaier, Helmut Thielicke und andere, darin unterstützt von Bischöfen wie Hanns Lilje und Otto Dibelius, das Gesicht des demokratischen Rechtsstaats und seiner sich wandelnden Kultur mit. Sie suchten - auch mit Hilfe des im November 1951 gegründeten "Kronberger Kreises" [61] - die politische, wirtschaftliche und militärische Integration der Bundesrepublik in das Westbündnis zu fördern. Andererseits erwuchs dem jungen Staat über dem Streit um Westbindung und Wiederbewaffnung eine erbitterte Gegnerschaft aus den Reihen der "entschiedenen" Richtung des ehemaligen Bruderrats der Bekennenden Kirche [62] . Als leidenschaftliche Befürworter eines vereinigten Nationalstaates unter neutralistisch-entmilitarisierten, protestantischen und bald demokratisch-sozialistischen Vorzeichen - also eines "Dritten Weges" zwischen den Machtblöcken - opponierten Martin Niemöller, Gustav Heinemann und andere gegen das "katholisch-kapitalistische" Konzept des sich auch kulturell verwestlichenden Teilstaates [63] .

Zwischen dem Gerstenmaier-Lilje- und dem Heinemann-Niemöller-Flügel im deutschen Protestantismus der fünfziger Jahre herrschten damit unüberbrückbare Gegensätze. Obwohl beide Richtungen in der sich konsolidierenden Bundesrepublik Transformationen durchmachten und aus diesen eigentümliche ideologische Konglomerate erwuchsen, die jeweils zu Abspaltungen nationalkonservativer, nationalliberaler bzw. sozialistischer, pazifistischer oder ökologischer Subgruppierungen führten, blieben unaufhebbare Differenzen in den Grundmustern erhalten. Ob solche Unterschiede tatsächlich auf die beiden konkurrierenden theologischen Referenzsysteme - hier lutherische Zwei-Regimente-Lehre, dort reformierte Königsherrschaft Christi - zurückzuführen waren oder ob diese Denkfiguren nur in der Metareflexion instrumentalisiert wurden, muss offen bleiben. Immerhin verstanden sich auch Martin Niemöller, Heinrich Vogel und andere als Lutheraner.

Seinen politischen Ausdruck fand dieser Dissens jedenfalls in einer unterschiedlichen Option zugunsten der CDU bzw. der SPD. Nach dem Ende der Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) [64] sah die Mehrheit der Gruppierung um Gustav Heinemann und Martin Niemöller in der SPD ihre politische Heimat [65] . Die Zurückdrängung marxistischer Elemente, abgeschlossen mit dem Godesberger Programm von 1959, und die damit einhergehende Umorientierung zur modernen Volkspartei forcierten den schon 1947 begonnenen Annäherungsprozess zwischen Sozialdemokraten und evangelischen Christen vom "entschiedenen" Flügel der Bekennenden Kirche. Dazu trug wesentlich bei, dass der ideologische Kern der früheren GVP die alte Arbeiterpartei SPD allmählich zu einer "evangelisch-sozialen" Partei des fortschrittlichen protestantischen Bürgertums umprägte [66] . Auch gemeinsame antikatholische wie antiamerikanische Affekte dürften als Ferment in Rechnung zu stellen sein [67] .

Anders als die nordatlantischen Impulse hinterließen die sowjetischen in den fünfziger Jahren, jedenfalls mit Blick auf die Kirchen, kaum Spuren. Der Arbeitskreis für kirchliche Fragen beim Nationalkomitee "Freies Deutschland" zerfiel [68] , seine Mitglieder setzten ihre kirchenpolitische Arbeit nicht fort. Die sowjetische Militäradministration und - in deutlich eingeschränkterem Maß - auch die KPD/SPD zeigten den Kirchen gegenüber zunächst durchaus Entgegenkommen und Hilfsbereitschaft. Wiederholt wurde von kommunistischer Seite die Vereinbarkeit von Christentum und Sozialismus unterstrichen. Die kleine Gruppe der Religiösen Sozialisten spielte nur eine marginale Rolle. Als der Anpassungsdruck des Regimes auf die Kirchen begann, war der kirchliche Wiederaufbau bereits abgeschlossen. In den Leitungen der strukturell nicht veränderten Landeskirchen saßen durchweg Männer der Bekennenden Kirche, die Ende der vierziger/Anfang der fünfziger Jahre den totalitären Ansprüchen des SED-Staates zum Teil erheblichen Widerstand entgegensetzten [69] . Mit dem so genannten "Thüringer Weg" war es dem SED-Staat allerdings schon in den fünfziger Jahren gelungen, die Einheitlichkeit des Protestantismus gegenüber dem Regime zu durchbrechen [70] .

Erst mit dem Mauerbau 1961, dem Wechsel im Ratsvorsitz von Otto Dibelius zu Kurt Scharf, der so genannten Ost-Denkschrift von 1965, den Studentenprotesten, der Abspaltung des DDR-Kirchenbundes von der EKD (1969) [71] und schließlich dem "Machtwechsel" [72] im selben Jahr kam es auch innerhalb des Protestantismus zu epochalen theologiepolitischen wie mentalen Umbrüchen [73] . Diese hatten mit einem Generationenwechsel nichts zu tun, wie die Tatsache zeigt, dass der Kreis um Gustav Heinemann und Martin Niemöller jetzt eine späte Aufwertung erlebte, währenddessen vormals dominante Antipoden - repräsentiert etwa durch Eugen Gerstenmaier und Helmut Thielicke - schwer angeschlagen die gesellschaftspolitische Bühne verlassen mussten. In den Kirchen der kulturellen Leitmacht des Westens vollzog sich Mitte der sechziger Jahre - vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges - ein ähnlicher Paradigmenwechsel, verbunden mit einem ungeheuren Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten christlichen Moralinstanzen. Demgegenüber gewannen die Paradigmen des "Communistic Gospel", bis dahin fast nur in den Ländern der "Dritten Welt" erfolgreich, auch in tonangebenden intellektuellen Zirkeln Westeuropas, und nicht zuletzt in der protestantischen Theologenschaft, wachsende Anziehungskraft.
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10. Februar 2012
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