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"Jeden Tag verlieren wir jemanden." Eine Reportage


25.5.2011
Mit Selbstorganisationen von Jugendlichen streiten Roma, die vor den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland flohen, für ein Bleiberecht und gesellschaftliche Teilhabe.

Einleitung



Ich wollte hier nicht nur als Schraube leben", sagt Jemal Muktar.[1] Der 19-Jährige und sein gleichaltriger Freund Shabaan Ahmed lachen, als sie die verständnislosen Gesichter der jungen Deutschen im Raum sehen. "Den Begriff Schraube verwenden wir für Menschen, die in Deutschland nur geduldet sind und keinen festen Aufenthalt bekommen." Bis zu seinem 18. Geburtstag war Jemal selbst eine "Schraube", wie er sagt - einer von rund 87000 Menschen, die in Deutschland lediglich geduldet werden.[2] Knapp ein Drittel von ihnen sind nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks Roma aus den Teilrepubliken der ehemaligen Republik Jugoslawien. Inzwischen ist der 19-Jährige im Besitz einer befristeten Aufenthaltserlaubnis, die alle zwei Jahre verlängert werden muss - und langsam rücken an die Stelle der Alpträume vor einer Abschiebung in den Kosovo die Träume von einem "ganz normalen Leben in Deutschland".

Jemal war sieben Jahre alt, als seine Eltern auf dem Höhepunkt des Kosovo-Krieges im Frühjahr 1999 aus dem Roma-Viertel von Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, flohen. Fragt man den schmächtigen jungen Mann in dem ordentlich gebügelten, blau-weiß karierten Hemd, das sorgfältig in die schwarze Jeans gesteckt ist, nach seinen Erinnerungen an das Herkunftsland seiner Eltern, lächelt er breit: "In unserem Viertel gab es nur Roma - überall war Verwandtschaft. Da wusste man, wo man herkommt und war sicher vor Abschiebungen." Jemals Vater arbeitete als Heizungsinstallateur, seine Mutter als Krankenpflegerin in einem Krankenhaus in Pristina. Eigene Bilder aus den Kriegswochen hat er kaum: "Als Kind fand ich es eher spannend, als eines Tages die Sirenen geheult haben, mein Vater uns in den Keller einer Nachbarin gebracht hat und dann die Bombardierung begann." Ansonsten, sagt Jemal, könne er "den Film vom Leben im Kosovo" nicht mehr in seinem Kopf abspulen. Aber die Erinnerung an den Tag, als die Flucht der Familie begann, ist nicht verblasst: Als die Albaner gekommen seien, hätten alle Roma ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen: "Die albanische Familie, die in unsere Wohnung einziehen wollte, stand schon vor der Tür."


Fußnoten

1.
Name geändert.
2.
Angaben von Michael Kleinhans, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Vortrag in Berlin am 7.5.2011.