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Informationen zur politischen Bildung - aktuell

Zusammenfassung und Ausblick



Die Intensität und Dauer der transatlantischen Verstimmung im Zuge des Irakkonflikts überraschte vor dem Hintergrund von fünfzig Jahren enger politischer Kooperation zwischen beiden Staaten und dem hohen Maß an kulturellen Gemeinsamkeiten. In den Jahren des Kalten Krieges von 1949 bis 1989 konnten West-Deutschland und die USA geradezu als ideale Kooperationspartner gelten, da sie identische Ziele verfolgten und komplementäre Fähigkeiten mitbrachten. Die Interessen Bonns und Washingtons waren der militärische Schutz Westeuropas vor sowjetischen Angriffen sowie die Förderung von Demokratie und Marktwirtschaft in Europa. Anders als die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich, die sich in den Nachkriegsjahren nur schwer von ihren globalen Ambitionen verabschiedeten - und in der Suez-Krise 1956 mit den USA strategisch kollidierten - gestand die Bundesrepublik den Vereinigten Staaten freiwillig eine politische und militärische Führungsrolle zu. Die Bundeswehr wurde eng in das westliche Verteidigungsbündnis Nato eingebunden und war zu nationalen militärischen Alleingängen gar nicht in der Lage.

Aber auch in den Jahren des Kalten Krieges waren die deutsch-amerikanischen Beziehungen nie völlig problemlos. Es gab seit den fünfziger Jahren wiederholte transatlantische Handelsstreitigkeiten, Debatten über die Wirtschaftsbeziehungen zum Ostblock, wie nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Erdgas-Röhren-Abkommens im November 1981, und nicht zuletzt persönliche Animositäten auf höchster Ebene wie zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und Präsident Jimmy Carter Ende der siebziger Jahre. Der dominante Konflikt jedoch, der in fast der gesamten Phase von 1949 bis 1989 nachweisbar ist, betrifft die Sicherheitspolitik. In den fünfziger Jahren gab es Kontroversen über den deutschen Wehrbeitrag, in den sechziger Jahren ging es um die Frage nach der neuen strategischen Verteidigungskonzeption der flexiblen Antwort, in den siebziger Jahren kritisierten die Europäer und Europäerinnen die Verstrickung Amerikas in den Vietnam-Krieg. In den achtziger Jahren schließlich beherrschten die Nachrüstungsdebatte und das Für und Wider der Entwicklung neuer Waffentechnologien wie der Neutronenbombe und der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) die deutsch-amerikanische Sicherheitsdiskussion.

Vor diesem Hintergrund erscheint die jüngste transatlantische Kontroverse über den Irakkrieg weniger einzigartig. Im Gegenteil steht sie in einer Tradition unterschiedlicher sicherheitspolitischer Auffassungen. Doch es gab mit dem Kalten Krieg bis Ende der achtziger Jahre eine politische Klammer, die Deutschland und die USA fest und eng aneinander band. Der derzeitige Konflikt ist deshalb so bedeutsam und potenziell gefährlich für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen, weil sich Amerikaner und Teile Europas weniger denn je zuvor aufeinander angewiesen fühlen und heute sogar bewusst die Grundlagen der bisherigen Beziehungen in Frage stellen. Die USA orientieren sich wirtschaftlich in zunehmendem Maße auf Mittel- und Südamerika sowie auf den Wachstumsmarkt Asien und verlassen sich militärisch auf ihre eigenen Fähigkeiten zu Lasten kollektiver Sicherheitsbemühungen.
 

Quellentext
Differenzierte Sicht
[...] Das Verhältnis der Deutschen zu Amerika ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer wieder im Wandel begriffen. Die deutsche Nachkriegsgeneration sah in den Amerikanern schon nach kurzer Zeit weniger Besatzer als vielmehr Beschützer. [...] Die zweite Nachkriegsgeneration lehnte sich gegen ihre Eltern und damit auch gegen den übermächtigen Vater in Übersee auf. Obwohl auch zu dieser Zeit schon amerikanisch geprägt, gingen die Studenten gegen Vietnam-Krieg und amerikanische Allmacht in der Welt auf die Straße. Allein die Übernahme der "Love and Peace"-Slogans verdeutlichte aber schon damals den engen Kontakt zum Lebensstil im Lande des verhassten Übervaters.

Wie nun hält es die dritte Generation, die der heute 25- bis 35-Jährigen mit dem Verhältnis zu den USA? [...] In einer Studie der University of Michigan wurde nachgewiesen, dass die politischen Eliten miteinander deutlich mehr Probleme haben als die Bevölkerungen Deutschlands und der USA. Vor allem die Generation Golf (benannt nach dem Buch "Generation Golf" von Florian Illies - Anm. d. Red.) hat die zunehmende Amerikanisierung ihres Lebens akzeptiert, ja sie fordert sie sogar heraus. Dank MTV ist der "American life style" fester Bestandteil des Lebens geworden. Ob in der Sprache, der Kultur, dem Sport oder der Technik - die meisten Trends kommen aus den USA, und die Übernahme geht geräuschlos vonstatten.

Die Vertreter der Generation Golf mögen also den amerikanischen Lebensstil und haben auch längst ur-amerikanische Sportarten für sich entdeckt und salonfähig gemacht. Wurden die behelmten und muskelbepackten American-Footballer vor Jahren noch belächelt, verzeichnen deutsche Fernsehstationen heute gute Einschaltquoten bei der Live-Übertragung des Endspiels um die American Super Bowl. [...]

Auch als musikalischer Trendsetter haben die USA eine lange Tradition. Ob Jazz, Rock 'n' Roll, Flower-Power Beats, Grunge oder moderner HipHop - sämtliche Stile wurden in Amerika kreiert und kamen mit größerer oder kleinerer Verspätung nach Deutschland. Waren es Anfang der Neunziger die Seattle-Rocker von Nirvana und Pearl Jam, die mit ihren krachigen Gitarrensounds für Furore sorgten und auch deutschen Grungebands den Weg in die Charts ebneten, gilt HipHop nun als Sprache der Jugend. Der US-Rapper Eminem ist derzeit das Maß aller Dinge. [...]

Heißt das nun, die Generation Golf orientiert sich kritiklos am großen Bruder USA? Ist für die pop-sozialisierte Generation gar Anti-Amerikanismus undenkbar? Nein! [...] Amerika wird differenziert betrachtet. Das sich ergebende Bild ist auch erheblich von Selbsterfahrung geprägt. Mehr als jede andere Generation sind es die 30-Jährigen, die über persönliche Erfahrungen mit Amerikanern oder Erfahrungen aus Amerika verfügen, sei es durch Urlaubsreisen, Studien- oder Schulaufenthalte. Dadurch entsteht ein komplexes Bild, in dem Vorurteile wenig Platz haben. [...]

So wird auch der diffuse Begriff des "American way of life", der immer als ein besonderes Gefühl von Freiheit gedeutet wurde, kritischer betrachtet. Beleg dafür ist der große Zuspruch, den das neue Werk des Dokumentarfilmers Michael Moore in Deutschland erhielt. Sein Film "Bowling for Columbine" beschäftigt sich mit dem Waffenwahn und der Angsthysterie in den USA [...]. Die große Resonanz des Films zeigt außerdem einmal mehr den Pragmatismus im Umgang mit den Amerikanern und ihren Sitten. Halloween und Basketball ja, aber bitte ohne dieses Pathos und den übertriebenen Patriotismus. [...]

Götz Hausding, "Doughnuts essen ohne Pathos", in: Das Parlament Nr. 5 vom 27. Januar 2003.


Das wiedervereinigte Deutschland, das stolz auf seine politische Stabilität, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und auf seine Beteiligung an friedenserhaltenden Missionen auf dem Balkan und in Afghanistan ist, könnte sich in Zukunft amerikanischen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Führungsansprüchen zunehmend verweigern. Eine unbedingte Gefolgschaft Amerikas in allen zentralen außen- und sicherheitspolitischen Fragen gehört heute nicht mehr unbedingt zur deutschen Staatsraison.

Verstärkt wird die Tendenz zur transatlantischen Entfremdung durch die immer engere Einbindung Deutschlands ins europäische Institutionengefüge. Es ist damit einerseits fraglich, ob in Zukunft überhaupt noch von separaten deutsch-amerikanischen Beziehungen gesprochen werden kann. Gleichzeitig ist jedoch zu erwarten, dass sich die von Brüssel aus geleiteten Wirtschaftsbeziehungen mit Amerika in Zukunft alles andere als konfliktfrei gestalten werden. Die beharrliche Weigerung der Europäischen Union, genmanipulierte Nahrungsmittel aus den USA zu importieren, die Auseinandersetzung um amerikanische Strafzölle auf Stahlimporte aus Europa und die Auseinandersetzung um den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) geben einen Vorgeschmack auf zukünftige Konflikte. Trotz dieser tiefgreifenden Probleme gibt es jedoch keinen Grund, zwangsläufig eine dauerhafte transatlantische Entfremdung zu erwarten. Statt dessen muss die Politik dies- und jenseits des Atlantiks lernen, die Beziehungen zum Verbündeten ständig neu zu justieren.

Die gegenwärtige Beschäftigung mit den Vorstellungen des Partners und das Werben deutscher und amerikanischer Diplomaten um ein besseres Verständnis für die Position des eigenen Landes machen jedoch deutlich, dass beide Seiten auch weiterhin langfristig zu einer Verbesserung der transatlantischen Beziehungen keine Alternative sehen. Weder die USA noch die europäischen Staaten können alle anstehenden internationalen Probleme allein lösen - und erst recht nicht gegeneinander. "Das nationale Interesse unserer beiden Länder ist eigentlich eindeutig: Sie sollten enge Freunde und Alliierte bleiben. Wir haben viel zu viel Gemeinsames, um es persönlichen Missverständnissen zu gestatten, eine große, historisch wichtige Freundschaft zu untergraben," so Richard Holbrooke. Karsten Voigt gibt sich ähnlich optimistisch: "Trotz der Dissonanzen, die wir zur Zeit erleben, sollten wir jedoch das Gesamtbild nicht aus den Augen verlieren: Amerikaner und Europäer verbinden gemeinsame Werte, Interessen und letztlich Visionen, wie die Welt im 21. Jahrhundert aussehen sollte: gegründet auf Freiheit, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit. Selbst bei dem Ziel der intakten Umwelt liegen die Grundüberzeugungen weniger auseinander, als der Streit über Kyoto vermuten lässt. [...] Europa und Amerika können nur gemeinsam ihre Überzeugungen weltweit schützen und verteidigen. Wenn dagegen die Europäische Union und die Vereinigten Staaten gegeneinander agieren, wird keines der globalen Probleme wirklich gelöst werden können."

Damit beide Seiten aufeinander zugehen können, müssen sie sich jedoch zuvor darüber klar werden, was sie vom Partner wollen. Deutschland und Europa stehen einem dominanten Amerika heute zwar skeptisch gegenüber, fürchten jedoch nichts mehr als ein schwaches Amerika, das zu militärischen Interventionen nicht in der Lage ist. Ähnliches gilt für die Vereinigten Staaten. Auch die Regierung in Washington muss sich darüber klar werden, ob sie mit gleichberechtigten Verbündeten kooperieren will und diese entsprechend zu behandeln bereit ist, oder ob sie in Zukunft lieber allein Verantwortung übernimmt.
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10. Februar 2012
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Deutsch-amerikanische Beziehungen
Einleitung
Zeit der Besatzung und des Besatzungsstatuts
Übereinstimmung im Grundsatz
Entwicklung nach Ende des Ost-West-Konflikts
Zusammenfassung und Ausblick
Redaktion
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