Das 19. Jahrhundert 2
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Arbeiterbewegung in England und Frankreich

3.7.2003
Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entwickelte drei wesentliche Organisationsformen, die sich zunächst in England herausbildeten: die politische, die gewerkschaftliche und die kooperative Organisation. Analysiert werden die Besonderheiten in England und Frankreich.

Aufnahme vom Piccadilly-Circus mit Shaftesbury-Gedenkbrunnen in Londin aus dem Jahr 1900.Aufnahme vom Piccadilly-Circus mit Shaftesbury-Gedenkbrunnen in Londin aus dem Jahr 1900. (© Bundesarchiv, Nr. N 1435 Bild-158-027)

Einleitung

Die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Ländern war zunächst so vielfältig wie das, was man damals unter den arbeitenden Klassen der Bevölkerung verstand. Handwerksmeister verschiedener Berufe, Handwerksgesellen, Heimarbeiter vor allem im Textilgewerbe, Tagelöhner und Landarbeiter, Kleinbauern und Pächter, Dienstleute und Hausangestellte und vor allem Fabrikarbeiter im engeren Sinne wurden zu der arbeitenden Bevölkerung gezählt und waren zu verschiedenen Zeiten Träger von verschiedenen Bewegungen, die man als Vorformen oder als Ausprägungen der Arbeiterbewegung angesehen hat.

Wie verschieden ihre Zusammensetzung und ihre Methoden, Organisationsformen und Zielsetzungen auch gewesen sein mögen - einige Grundformen und Grundzüge haben sich schrittweise durchgesetzt und der ganzen Bewegung ein relativ einheitliches Gepräge gegeben, im selben Grade, in dem sich die Industrialisierung durchsetzte und die Arbeits- und Erwerbsverhältnisse relativ einheitlich gestaltete.

Arbeiterbewegung in England

Es war daher nicht zufällig, dass sich im England des 19. Jahrhunderts einige Grundformen und Grundströmungen der Arbeiterbewegung zuerst herausgebildet haben, die sich dann in entsprechend abgewandelten Formen auch in anderen Ländern zeigten. Die Arbeiterbewegung entwickelte drei Säulen ihrer Organisationsform und Aufgabenstellung: die politische, die gewerkschaftliche und die kooperative Organisation zuletzt meistens in der Gestalt der Konsum-Genossenschaften. Die englische Arbeiterbewegung im vorigen Jahrhundert wurde in allen drei Säulen zu so etwas wie einem Vorbild für die in den anderen Ländern später aufkommenden Arbeiterbewegungen. Es gibt einige gute Gründe, in der Geschichte der Arbeiterbewegung im England des vorigen Jahrhunderts etwa vier Phasen voneinander zu unterscheiden. Sie sind zwar nicht durch bestimmte Jahreszahlen starr voneinander getrennt, sondern mehr durch die Akzentuierung einiger Erscheinungen voneinander zu unterscheiden.

Zeit der Maschinenstürmer

Die erste Phase von den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bis etwa 1825 hat man sehr häufig die Phase des Luddismus oder der Maschinenstürmerei genannt. Der Luddismus hat seinen Namen nach einem legendären Ludd erhalten, der im 18. Jahrhundert bei der Zerstörung eines Strumpfwirkerstuhls eine führende Rolle gespielt haben soll. Daher nannte man die oft gegen die Maschinen gerichtete Bewegung auch die luddistische Bewegung. Es war nahe liegend, dass sie hauptsächlich von den heimarbeitenden und handwerklichen Arbeitergruppen getragen wurde oder ausging, die sich in ihrer Existenz durch die neu eingeführten produktiveren und menschensparenden Maschinen wie den Webstuhl oder die Spinnmaschine bedroht fühlten. Diese Bewegung begann sehr zeitig. Schon 1769 wurde in England ein Gesetz gegen Zertrümmerung der Maschinen und Zerstörung von Gebäuden erlassen. Nach der Jahrhundertwende und mit eintretenden Krisenerscheinungen wurde das Gesetz 1812 sogar noch verschärft.

Es kam zu großen Massendemonstrationen wie 1819 auf dem Petersfeld bei Manchester, in der das Militär eingriff ("Peterloo"). Es gab Schießereien und Todesopfer, und einige Anführer der Bewegung wurden hingerichtet. Genauere Forschungen haben gezeigt, dass es sich in dieser Phase nicht nur um Ausbrüche gegen die Maschinenentwicklung gehandelt hat; zum Teil waren die Aktionen gegen die unternehmerischen Verleger, die Rohstoffe, manchmal auch Produktionsmittel ausliehen und die Fertigwaren verkauften, und nicht so sehr gegen die Maschinen gerichtet, um bessere Löhne zu erreichen oder um Lohnherabsetzungen zu verhindern. Dennoch bleibt an dieser Phasencharakterisierung wohl immer noch richtig, dass die Bewegung noch nicht von Fabrikarbeitern der neuen Industriebetriebe getragen wurde, sondern der Schwerpunkt bei den zum Teil vorindustriellen Gruppen lag, die die aufkommende Industrialisierung wie eine Bedrohung und nicht als Grundlage ihrer Existenz erlebten. Der Aufruhr war daher mehr sporadisch und äußerte sich in gewaltsamen Einzelaktionen noch ohne eine einheitliche größere und sozialgeschichtliche Perspektive.

Chartismus

Die zweite Phase ab 1824/25 spiegelte gleichzeitig industrielle und politische Veränderungen des Landes wider. Die zunehmende Industrialisierung verwandelte immer größere Teile der arbeitenden Bevölkerung in Fabrikarbeiter an Maschinensystemen, hob für diese Arbeiter die hausindustrielle, in den Wohnungen stattfindende Verstreuung auf, drängte sie in große Werkstätten, aber auch in den sich rasch entwickelten größeren Industriestädten zusammen und schuf neue Bedingungen für einheitliche Aktionen auf dem Boden der industriellen Entwicklung als der Basis ihrer Existenz.

Der Anteil der Landbevölkerung an der Gesamtbevölkerung sank in England zwischen 1770 und 1841 von etwa 40 % auf 26 % herab. Die Einwohner Manchesters vermehrten sich in der Zeit zwischen 1801 und 1841 von 35 000 auf 353 000, die von Birmingham in dem gleichen Zeitraum von 23 000 auf 181 000, von Sheffield von 46 000 auf 111 000. Die Bevölkerung der Baumwollgrafschaft Lanceshire stieg im Zeitraum von 1801 bis 1831 von 692 931 auf 1 336 854 an, und die Bevölkerung des Wollbezirks von Yorkshire vermehrte sich im gleichen Zeitraum um 100 %.

Unter diesen Bedingungen begann die neue Periode und die Schwerpunktverschiebung innerhalb der Arbeiterbewegung. Sie ist durch mehrere Eigenarten gekennzeichnet:
  • durch Aufhebung einer Reihe von Gesetzen, durch die die gewerkschaftlichen Koalitionen verboten worden waren; damit wurde der Weg zu einer großen Gewerkschaftsbewegung in England frei;
  • durch den sich verstärkenden Kampf um die Erweiterung der Wahlrechte für das Parlament, sowohl für die neuen bürgerlichen industriellen Klassen wie auch für die Arbeiter;
  • durch den sich intensivierenden Kampf gegen die Korn-Zölle, die nach Abschluss der Napoleonischen Kriege 1815 eingeführt worden waren, die Lebenshaltung verteuerten und den industriellen Export beeinträchtigten.
In dieser Periode der englischen Arbeiterbewegung entwickelte sich eine große Gewerkschaftsbewegung, wurden die Konsum-Genossenschaften gegründet, entstanden die ersten Formen zentraler und größerer Streikbewegungen, die bis an den Rand des Generalstreiks gingen, drangen sozialreformerische und sozialistische Ideen des Fabrikanten Owen und vor allem seine Forderung nach der Einrichtung von Produktiv-Genossenschaften, das heißt Genossenschaftsbetrieben der Arbeitnehmer selber, mit Staatshilfe zur Einschränkung des gewerblichen Wettbewerbs in die Arbeiterbewegung ein, wurde der Kampf um den Zehnstundentag, um die Erhöhung der Löhne, für die Einschränkung der Kinder- und Frauenarbeit, gegen das Armengesetz und für die Aufhebung der Korn-Zölle geführt.

Die Volkscharte

Aber im Laufe der Periode konzentrierte sich die Bewegung immer mehr auf den Kampf um die so genannten People's Charter, die Volkscharte, nach der die ganze Bewegung und die Phase ihren Namen erhalten hat. England gilt seit dem 18. Jahrhundert für die meisten europäischen Länder als das klassische Land des Parlamentarismus. Konstitutionelle und demokratische Elemente im englischen Staatsleben waren sicher bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts weiter entwickelt als in den anderen Ländern. Dennoch ist der damalige Parlamentarismus mit den heutigen Zuständen kaum zu vergleichen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren im englischen Parlament die großen neuen Industriestädte, die neue Klasse der industriellen Unternehmer und die Arbeiter, noch nicht vertreten. Unter dem Eindruck der Französischen Revolution von 1830 kam es auch in England zu einer großen Bewegung für die Wahlrechtserweiterung, die aber die Wahlrechte nur auf die begüterten bürgerlichen Gruppen in den städtischen industriellen Unternehmerkreisen ausdehnte, so dass von etwa 6 Millionen Männern nur 839 000 das Wahlrecht erhielten.

Die Arbeiterklasse, die sich an der Wahlrechtsbewegung zum Teil in Verbindung mit den bürgerlichen Gruppen sehr engagiert hatte, ging also leer aus. Das war der Anlass für die Entwicklung einer selbstständigen Arbeiterbewegung, die mit der Gründung eines ersten englischen Arbeitervereins in London begann und aus der die Idee und Formulierung der People's Charter hervorging.

Die Volkscharte formulierte sechs Forderungen: 1. allgemeines Wahlrecht, 2. gleiche Wahlkreiseinteilung, 3. Abschaffung des Zensus für Parlamentskandidaten, 4. einjährige Legislaturperiode, 5. geheime Abstimmung und 6. Diäten für Abgeordnete, um auch den Vertretern der nicht besitzenden Schichten die Teilnahme an der Parlamentsarbeit überhaupt zu ermöglichen. Das Dokument wurde 1838 zuerst veröffentlicht und bildete von da ab den Mittelpunkt der chartistischen Arbeiterbewegung.

In dieser Bewegung gab es mehrere Richtungen: Eine, die zur Durchsetzung der Parlamentsreform und sozialreformerischer Zielsetzungen auf gewaltsame Aktionen drängte, eine andere, die durch Aufklärung und gesetzliche Mittel zu ihren Zielen kommen wollte. Es wäre also falsch anzunehmen, dass es in der englischen Arbeiterbewegung keine revolutionären Strömungen gegeben hätte. Die besonderen politischen und sozialen Verhältnisse und Traditionen in England aber machten es verständlich, dass sich die reformerische Richtung durchsetzen konnte. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in anderen Ländern durften die Chartisten für ihre Petitionen im ganzen Lande Unterschriften sammeln und sie dem Parlament zur Überprüfung der Echtheit der Unterschriften vorlegen und eine Debatte im Parlament anregen. So sammelte man 1839, 1842 und 1848 mehrere Millionen Unterschriften und legte sie dem Parlament vor, aber das Parlament lehnte jedes Mal ab, und die Bewegung löste sich auf.

Erfolge und Auswirkungen des Chartismus

Äußerlich gesehen endete sich also mit einem Misserfolg. Dennoch hat sie auf entscheidende Weise auf die soziale und auch politische Reformbewegung des Landes eingewirkt, und dies erklärt, warum die Arbeiter auch den Eindruck haben konnten, in der weiteren Entwicklung in höherem Grade in die englische Gesellschaft eingeordnet worden zu sein als früher. 1846 fielen die Kornzölle, 1842 und 1844 erließ das Parlament Arbeiterschutzgesetze. 1847 wurde der Zehnstundentag eingeführt, und 1844 wurde die große und für die weitere Entwicklung bedeutsame Bewegung der Konsumgenossenschaften gegründet. Wenn ein Teil der umkämpften Wahlrechtsreformen auch erst 1867 und 1884 Wirklichkeit wurde und in einem wachsenden Maße auch den Arbeitern das Wahlrecht gab - so war auch das eine späte Folge der ersten großen industriellen Arbeiterbewegungen nicht nur Englands, sondern der ganzen Welt. Von ihr ist eine Fülle von Ideen und praktischen Anregungen für alle anderen Ländern ausgegangen. Vor allem aber hat sie auch die Bahnen für eine auf schrittweise Reformen der englischen sozialen und politischen Verhältnissen ausgehenden Arbeiterbewegung in England selbst gelegt.